Das Tüpfelchen auf dem i

Kennst du das auch? Da gibts irgendeine Sache, bei der du Antworten suchst. Immer wieder bewegen die Fragen dein Herz. Und auf einmal, wenn du nicht mehr dran gedacht hast, nimmt dich etwas in deinem Inneren ganz sanft und leise bei der Hand und führt dich an einen neuen Ort.

Es begann mit diesem Beitrag.

Früher habe ich Hingabe mit Perfektionismus verwechselt und herausgefunden, dass man davon krank wird.
Perfektionismus ist schon länger kein Thema mehr, aber die Dinge nicht 100%-ig zu machen, befriedigte mich nicht wirklich.

Es gibt das Prinzip, dass 80 % der Ergebnisse in 20 % der Gesamtzeit eines Projekts erreicht werden.
Und dass die verbleibenden 20 % der Ergebnisse 80 % der Gesamtzeit benötigen und die meiste Arbeit verursachen.
Mit dem Beherzigen dieser Regel kann man erfolgreich Druck und Perfektionismus loswerden, ohne Frage. Doch mir fehlte eine wichtige Weiterführung. Es blieb eine Leere zurück. Es war nicht der ganze Weg.

Wäsche waschen war als nächstes dran, als ich mit dem Lesen fertig war.
Wie um alles in der Welt macht man das mit Hingabe, wenn es einen grad angurkt? Einfach über die Gefühle hinweg gehen??

Hingabe bedeutet nicht, ein perfektes Ergebnis abzuliefern (!), sondern mit ganzem Herzen bei der Sache zu sein.

Achso bei der Sache sein. Achtsamkeit. Das kenne ich schon ein bisschen.
Mit ganzem Herzen. Das Herz möchte ganz bleiben. Ganz bei dem, was du tust. Wenn du es halb tust, dann ist das Herz irgendwie aufgeteilt und das tut ihm nicht gut. Das ist gegen seine Natur.

Die Gefühle kamen nicht im gleichen Augenblick nach, aber ganz langsam ist die Hingabe in meinen Alltag gesickert, hat viele leere Stellen aufgefüllt und mir das zurückerobert, was ich vermisst hatte.

Was ich bis jetzt entdeckt habe:

Die Alternative zum Perfektionismus bedeutet nicht, mit den 80% zufrieden zu sein. Weil man damit nicht wirklich zufrieden ist. Das beruhigt bloss erst mal das Arbeitspensum und die Agenda.
Es bedeutet auch nicht, wieder um jeden Preis die (vermeintlichen) 100% anzustreben.
Es bedeutet, deine jetzigen 100% zu geben. Die 100%, die jetzt möglich sind.
Diese Zahl bezieht sich nicht auf die Zeit, nicht auf die Menge der Arbeit, nicht auf die Anzahl Projekte, sondern auf die Menge Herz, die in allem steckt, was du tust.
Wenn da 100% Herz, 100% deiner Aufmerksamkeit und Achtsamkeit drin sind, macht es dich zufrieden.

Ich habs ausprobiert.

Und dann – ganz konkret – wenn du merkst, dass du in einer Situation nicht zu 100% da bist – entscheidest du dich, dich der Sache völlig hinzugeben.
Einfach JETZT in DIESEM Augenblick diese simple Tätigkeit mit dem maximalen Genuss auszuführen.

Nur für heute. Nur für jetzt (Wenn es dich beruhigt.)

Probiers aus! Es wird wunderbar!
Und berichte, wenn du magst, hier unten davon. :-)

Sag Ja!

Ja zu allem, was dir begegnet und ja zu allem, was ist und zu dem, wie es ist.

„Ja, aber…“

„Nur Ja. Ohne Aber.“

„Das heisst doch, dass ich damit einverstanden bin und das bin ich nicht! Nicht mit allem.“

Ihr „Ja“ bedeutet, dass Sie die Tatsachen so akzeptieren, wie sie sind, dass Sie sich emotional nicht widersetzen, auch wenn Sie mit aller Kraft versuchen, sie zu ändern. Dies bringt gewöhnlich Frieden mit sich und wird Ihren Handlungen zu mehr Effektivität verhelfen.

Das ist ein Zitat aus einem sehr lesenswerten Artikel, auf den ich kürzlich gestossen bin. Er beinhaltet neben einer ausführlicheren Erklärung auch eine Anleitung, es ganz praktisch selber auszuprobieren. Mehr verrate ich nicht, denn der Artikel spricht für sich.

Bitte hier weiterlesen.

Amazing Grace

Es wurde in den letzten Monaten immer stiller hier. Das liegt einerseits an meiner neuen Arbeitsstelle, die mit einem halben Pensum auf meiner Zeitrechnung doch ziemlich zu Buche schlägt, aber es liegt auch daran, dass mir zunehmend die Worte fehlen. Es ist, als ob ich eine neue Sprache finden müsste, für das, was mich beschäftigt und was ich erlebe. Doch so einfach ist das nicht. Mir scheint, der innere Zensor ist, warum auch immer, strenger als früher. Manchmal versuche ich, etwas mit Worten einzufangen, aber wenn ich meine, es erwischen zu können, wird es vor meinen Augen durchsichtig und ich steh mit leeren Händen da. Es gelingt mir nicht, das, was hinter den Worten ist, wiederzugeben.

Und in dieser Haltung gehe ich momentan durchs Leben: mit offenen, leeren Händen. Staunend, was passiert. Staunend, was  mir geschenkt ist. Wie viel ist es! Wie leicht ist es auf einmal, nichts zu erwarten und nichts zu steuern. Ich weiss gar nicht, wie das gekommen ist. Ich weiss gar nicht, was genau sich geändert hat, aber es scheint alles anders zu sein. Ich bin angekommen und doch weniger sesshaft und eingebürgert, als je.

Manchmal frage ich mich staunend, ob das wirklich alles für mich ist. Manchmal frage ich, ob diese Leichtigkeit, diese andere Farbe und das andere Licht bleiben, wenn die Umstände wieder anders kommen. Und das werden sie bestimmt! Das Leben ist so.

Bis dahin setze ich mich morgens ins Auto, dankbar, dass es fährt und gross genug für alle Alltagsanforderungen ist. Ich gehe mit dem Hund spazieren und freue mich, dass dieser langgehegte Traum in Erfüllung gegangen ist. Ich mache meine Arbeit im Bewusstsein, den schönsten Beruf der Welt zu haben. Ich sehe meinen Teens beim Essen zu und denke, was für ein Glückspilz ich doch bin,  zwei so tolle Menschen begleiten zu dürfen.

Es gibt die anderen Momente auch. Traurigkeit. Sorgen. Angst. Krankheit. Unruhe mit einem leeren Gefühl. Fragen. Nichtverstehen. Aber das hat nicht so viel Gewicht. Es kann mir nicht so viel anhaben. Es ist nicht wichtig. Und wenn ich dann hier etwas davon teilen möchte, dann klingen meine Worte so überheblich. Es klingt so simpel wie das, was mich früher immer so aufgeregt hat. Und dann lasse ich es einfach sein. Ich kann ja doch nicht richtig sagen, dass ich selber mich gross und klein zugleich fühle und ergriffen vor diesen Gaben und meinem ganzen Leben stehe, wissend, dass jedes Quäntchen davon Gnade ist. Wohltuende, unbegreifliche, erstaunliche Gnade.

Gedanken

Das Denken ist nie in der Gegenwart, denn die Gegenwart kann man nicht denken.
Nur fühlen, sehen, schmecken, riechen.
Wobei schon das Sehen nur für die Vergangenheit funktioniert.

Vielleicht sind die Dinge dann Gegenwart, wenn sie bei uns angekommen sind.
Dann hätte jeder von uns von den gleichen Ereignissen andere Gegenwärtigkeiten. Andere Wahrheiten.
Dann wäre Zeit relativer, als wir sie uns denken.

Vielleicht ist darum der Atem das Gefährt in die Gegenwart.
Das einzige, was jetzt da und nah ist und ich hören, spüren und sehen kann.
Hier erzeugt und wieder vergangen.
Sekunde für Sekunde.

Der Verstand kann dieses Tor in das gegenwärtige Sein nur umkreisen.
Hineingelangen muss man anders.

Manchmal öffnet es sich.
Unvermittelt. Ungesucht.

Unbeholfen betrachte ich alles. Weiss nicht, wie ich mich bewege.
Der nächste Gedanke lässt die Blase zerplatzen und ich bin wieder da.
Manchmal dauert es ein paar Augenblicke länger.
Aber schon der Versuch, mich umzusehen in diesem neuen Land reicht.

Und ich bin wieder da.
Kann nicht einordnen, was ich gerade erlebt habe.

Nur die Sehnsucht bleibt, dort bleiben zu können.
Bis ich so weit bin, jenes Land zu betreten, wann immer ich will.

Heimkehren.

anders

Ganz langsam und leise verändert sich etwas in mir. Die Dankbarkeit lässt Mauern bröckeln und wischt die Spinnweben weg, putzt die Scheiben blank.

Heute ist Traurigkeit in mir. Aber das Leuchtende wird nicht geschmälert vom Grau der Bedrücktheit. Die dankbare Betrachtung des Augenblicks, hat etwas tief verändert. Ich habe unbemerkt angefangen loszulassen, ganz allgemein, nicht bestimmte Dinge, einfach, weil ich die Erfahrung mache, dass es in jedem Augenblick etwas gibt, wofür ich dankbar sein kann, etwas, das allem einen Sinn gibt.
Ich glaube, ich habe aufgehört, mich in meinem Leben und in neuen Situationen einzurichten. Auch nicht in den kleinen Dingen. Und das empfinde ich zum ersten Mal als richtig und gut. Meine Heimat ist da, wo dieses Leuchten und diese Kraft sind. Es ist das, was bleibt, auch durch Schmerzen und Traurigkeit hindurch. Und selbst das bleibt nicht, wie es ist. Es wird tiefer und anders.

Wertsteigerung

Ihr kennt wohl zur Genüge die Übung der Achtsamkeit: hinschauen, was gerade um mich ist, womit ich mich beschäftige, wie es sich anfühlt, ohne zu werten, das Jetzt wahrnehmen im weitesten Sinn. Und sicher habt ihr auch schon gelesen, dass dies dazu führt, dass wir den Moment in seiner Intensität und Schönheit wahrnehmen können. Dass genau in diesen normalen, einfachen Augenblicken, aus denen das Leben meistens zusammengesetzt ist, die Schönheit und Kostbarkeit liegt.

Es gibt aber Augenblicke, in denen ich dann denke: Blablabla, ja klar, das Leben ist schön, auch wenn es gerade sch…. – genau.
Oft empfand ich die Achtsamkeitsübung irgendwie fad und ihr fehlte das, was mich die Schönheit des Augenblicks hätte erkennen lassen können. Oder mir fehlte es?

Letzthin kam ich auf die Idee, den Augenblick durch die Augen der Dankbarkeit zu betrachten. Es ist eine leise, aber umwälzende Änderung. So erhält jede Minute Wert weil ich etwas darin sehe, wofür ich dankbar sein kann. Dankbarkeit macht zufrieden. Das Jetzt kann mich berühren, wird schön und kostbar, es zu geniessen. Und ich mittendrin, nehme mich als Glückspilz wahr. Es ist ein Glücksgefühl, das mehr als Emotion ist. Eine tiefe, leise, alles unterwandernde Freude, am Leben zu sein und all die Chancen zu bekommen.

Es ist wie es ist.

Ein Satz, der Anstoss gibt, nachzudenken.

Ausgehend von diesem sehr interessanten Artikel ein paar kleine Gedanken dazu (dort im Kommentar bereits in ähnlicher Art geäussert).

Der Satz ist meiner Meinung nach anders zu betrachten, als er das normalerweise wird. Nicht als defensiver Umgang mit dem Jetzt und als billiger Trost für das, was uns widerfährt.

Normalerweise sehen wir uns etwas an und ordnen ein. Wir sagen, es ist schlecht, oder es ist gut.
Es ist, wie es ist, meint: Es ist. Es ist nicht gut. Es ist nicht schlecht. Es ist. Frei von Beurteilung.
Und dann kann etwas Neues geboren werden auf diesem leeren Feld ohne Urteil.

Versuch mal, diese Wertfreiheit zu fühlen und zu sehen.
Das hat nichts mit Rückzug oder Resignation zu tun. Es ist nicht defensiv. Es ist einfach nur da. Mit allen Fakten, die zu beurteilen wir nur immer aus einer Sichtweise imstande sind.
Nehme ich sie als Fakten, als Ausgangsmaterial für das Weitergehen, dann liegt darin Kraft. Auch Nährboden für eine Veränderung, sogar Revolution, die daraus erwächst.

Dafür muss ich erst sehen, was ist. Und auch innerlich sagen: Ja, so ist es. So und nicht anders. Von jetzt und von hier aus gesehen. Das ändert ja. Immer.
Dann kann ich weiter machen: Ok. Es ist so. Was jetzt? Wie gehe ich damit um? Wie will ich reagieren? Was ist meine Antwort?
Dann tue ich das und sehe, was passiert. Wieder möglichst wertfrei (schwierig, schwierig, ich weiss!): Aha, jetzt entsteht das und das… Aha, der reagiert jetzt so und so…
Dann wieder: Was jetzt? Wie gehe ich damit um…..

 

Theoretisch wäre so eine Vorgehensweise weniger von Leiden behaftet, als das, was wir normalerweise tun. Theoretisch.

Auch den Satz im originalen Wortlaut von Erich Fried „Es ist, was es ist“, sagt die Liebe, könnte man auf diese Art betrachten.