Erdnähe

Campieren hat einen hohen Erholungswert – für mich zumindest.
Ich vermute, ich hab den Grund dafür gefunden: Man ist mehr in Erdnähe.
Man schläft auf dem Boden, lebt vorwiegend im Freien, ist daher in näherem Kontakt zur Natur. Man ist den Naturgewalten ausgeliefert.
Ein Freund sagte kürzlich, er sei überzeugt davon, dass der Wald eine heilende Wirkung auf den Menschen habe, wenn man in ihm und mit ihm lebe. „Ohne jetzt esoterisch zu werden“, fügte er schnell hinzu.
Ich erzählte ihm darauf von meiner Linde, die ich fast immer aufsuche, wenn ich innerlich aufgewühlt bin, nicht weiter weiss. Ich gehe von dort immer anders, als ich gekommen bin. Sie hat eine beruhigende Wirkung auf mich. Es ist einfach ein guter Ort, an dem ich dem Himmel näher bin als anderswo.
Wie war ich überrascht, dass dieser Freund genau zur selben Linde geht wenn er Schwieriges verarbeiten muss.
Solches zu hören, bewirkt in mir eine demütige Haltung. Die grossartige Schöpfung und alle Wesen, die darin leben, sie alle haben ebenso ein Recht, hier zu wohnen und zu leben wie ich selbst.

Heute ist mir bewusst geworden, dass ich dieser Haltung im Alltag mehr Ausdruck verleihen möchte. Wenn alles Daseinsberechtigung hat und ich andere Wesen töten muss um zu überleben, dann kann ich das so tun, dass ich mich bei ihnen für ihr Opfer bedanke und mir nicht mehr nehme, als ich zum Leben brauche.
Ich möchte mir ein offenes Herz für diese Haltung bewahren, zutiefst dankbar bleiben, dass ich alles im Überfluss habe, was ich brauche, und dass ich alle Unterstützung bekomme, die ich nötig habe.

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Besuch in Kirakuna

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Wir spazierten durch den Wald. Es schien, als wären alle seine Bewohner herbeigekommen, uns zu begrüssen. Die Bäume standen ehrwürdig da mit ihren dunklen Stämmen, schweigend ins Gespräch vertieft, lächelten und sahen uns wohlwollend zu. In einem hellgelben Sonnenstrahl tanzten tausende kleiner, glitzernder Eiskristalle: ein leise wehender Feenschleier, der bis zum Boden reichte. Wir spazierten durch das Waldhaus, von einem Saal in den nächsten. Alle die da wohnten, hatten auf uns gewartet, begrüssten uns mit Freude und boten uns Gastfreundschaft. Allein, es war zu kalt zum Bleiben. Sie waren deshalb nicht verstimmt, nickten nur verständnisvoll, schauten uns anerkennend nach. Dass wir uns in diese Kälte hinausgewagt hatten!

Wir traten in den nächsten Raum. Nicht von Anfang an bemerkte ich, weshalb er so farblos und tot wirkte. Der Boden war auf einmal ganz weich, federte bei jedem Schritt. Wir gingen auf grünen Tannzweigen. Ganz bedeckt war die Erde davon. Kein braunes Fleckchen war zu sehen. Plötzlich sah ich einen frisch abgesägten, blutenden Baumstrunk vor mir. Ich hob den Blick. Da waren noch mehr. Es roch nach Harz, trotz der Kälte. Überall Sägemehl, aufeinander geschichtete, nackte Baumstämme. Das also war der neue Waldsaum, den die Menschenkinder gestalten wollten. Den sie hinter dem Schreibtisch und vor dem Computer, nach neuesten Erkenntnissen geplant hatten und jetzt umsetzten.

Die Bäume des neuen Waldrandes waren ihrer Aufgabe nicht gewachsen. Früher im Waldesinneren hatten sie im unteren Bereich keine Äste gebraucht. Sie wären ihnen nur hinderlich gewesen. Jetzt aber standen sie ein bisschen verloren und hilflos da. Nackt und schutzlos, und das würde so bleiben. Sie waren zu alt, um so weit unten noch Äste nachwachsen zu lassen.
Was hatten sich die Leute nur dabei gedacht? Keine niedrigen Büsche, keine fachgerechte Waldrandbepflanzung könnte die Wunde füllen, die sie in ihrer Unwissenheit dem Waldreich zugefügt hatten.
„Und ich kann sie euch auch nicht verbinden“, sagte ich traurig, „kann nichts für euch tun, die ihr mir immer so wohl tatet und kann euch das Leben nicht zurückgeben.“

Ein paar Schritte weiter, in einem neuen Zimmer, schien das Waldhaus ganz das alte. Vielleicht ein bisschen schweigsamer, ein wenig stiller. Aber sonst stand es da, als wäre nichts passiert. Wir gingen durch den Fitnessraum, in dem immer einige Menschen sind, die ihrer Bestform hinterher laufen. Weiter vorn im Sonnenzimmer fragte mich Duda, ob ich mich nicht täuschte.
„Denkst du nicht, du interpretierst da einfach etwas hinein, je nach Witterung, die du siehst? Denkst du nicht, dass das, was du meinst, an Atmosphäre zu spüren, einfach nur Farben und Stimmungen optischer Art sind? Solche, die man auf Fotos bannen kann, die sich bloss aus den äusseren Lichtbedingungen, aus den Formen der Bäume, der Farbe der Waldwege und aus dem Wetter ergeben?“
„Es könnte doch genau umgekehrt sein, du Zweiflerin“, entgegnete ich. „Es könnte doch sein, dass das, was wir sehen, Ausdruck dessen ist, was wir nicht sehen. Dass also nicht die Dinge, die wir sehen das Empfinden erzeugen, sondern, was wir nicht sehen, aber empfinden können, erzeugt das, was wir sehen.“
Duda schüttelte ein bisschen verwirrt den Kopf.
„Wieder so ne Huhn-Ei-Frage! Ich brauch jetzt eine Tasse Kaffee“, meinte sie, „komm, gehen wir!“ Sie vergrub ihre Hände in den Taschen und wir verliessen Kirakuna durch das westliche Tor.

Das doppelte Geschenk

Adventskranz

Vor ein paar Tagen streifte ich auf der Suche nach Tannzweigen für unseren Adventskranz durch den Markt. Die schwindelerregenden Preise schreckten mich derart ab, dass ich beschloss, dieses Jahr selbst in den Wald zu gehen, um welche zu schneiden, denn wenn ich bereits für den Weihnachtsschmuck so viel ausgeben muss, würde unser Budget für Geschenke darunter leiden und das wollte ich nicht.
So zogen Sohnemann und ich mit Rucksack und Astschere los. Mir war nicht ganz wohl bei der Sache. Ist so etwas überhaupt erlaubt? Wenn das jeder tun würde, wie sähen dann unsere Bäume aus?
Es war ein kalter Nachmittag. Die Sonne schien eifrig am eisblauen Himmel und lockte nach so vielen grauen Tagen Frauchen und Herrchen mit und ohne Hund ins Freie.
Als wir durch den Wald marschierten, fragte Sohnemann: „Was suchen wir eigentlich?“
„Wir suchen kleine Ästchen, Tannzapfen, Beeren und solche Dinge für unseren Adventskranz.“
„Hier! Ich hab schon was!“ rief er und fischte einen kleinen Zweig aus dem weichen, braunen Laub. Wunderschön filigran, klein und handlich, fast schon fertig gerüstet für das Gesteck. Und das Beste war, ich hatte dem Baum nicht wehtun müssen dafür.
Jetzt ging es los! Als erst einmal unsere Augen dafür geschärft waren, sahen wir, dass sich zwischen dem weichen Laub viele Äste versteckten. Wir fanden Lärchenzapfen, wie kleine Vögel in einer Reihe auf einem Ästchen sitzend, Rot- und Weisstannenäste und feuerrote Beeren. Ich erklärte, dass wir von den Stechpalmen sowieso nichts nehmen würden, was nicht am Boden liegt, denn die Pflanze ist geschützt.
Meine Hände sammelten die Schätze in unseren Rucksack und meine Augen sammelten den ganzen Wald.
Die Sonne blinzelte durch die Baumkronen und tauchte zusammen mit feinem, kaum sichtbarem Nebel das Waldreich in bezaubernde weiche Farben. Das Moos an den Buchenstämmen leuchtete hellgrün im braunen Laub. An schattigen Stellen hatte sich zuckriger Rauhreif um die Blätter gelegt. Mir war, als würde der ganze Wald sich nur vor mir allein ausbreiten und mich umwerben und er umhüllte mich mit seiner ganzen winterlichen zarten Schönheit.
Doppelt beschenkt fühlte ich mich auf einmal reich, als würde ich die ganze Welt besitzen.
Und wenn ich im Advent die Kerzen anzünde, werden Licht und grüne Zweige mich an dieses Wunder erinnern.