Nichts ist nicht nichts

Bei vollem Bewusstsein ins Strudeln geraten.
In den Strudel geraten. Keine Chance, Halt zu finden. Es strudelt. Es kreist. Das Leben dreht sich an mir vorbei.
Andocken? Wie mache ich das? Keine Besser-leben-Blogs und -accounts helfen, egal, welcher Sorte. Leben muss ich selber. Aber wie geht das, wenn man in der Grauzone angelangt ist? Nicht richtig gut, nicht schlecht genug, dass es reichen würde, einen aufzurütteln.
Der Glaube trägt gerade in schlechten Zeiten, sagen sie.
Es gibt zwei verschiedene Arten von schlechten Zeiten. Die mit den schwierigen Umständen, wo dir nichts übrigbleibt, als aufzustehen, alle Freunde zusammenzuhalten und weiter zu gehen.
Und die anderen. In denen nichts hilft, was du bisher gelernt hast. In denen du das Gefühl hast, bei allem bei Null anfangen zu müssen. Das Gefühl, dass nichts einen Sinn ergibt, auch das nicht, was so logisch und richtig schien, als es dir gut ging.
Glaube trägt? Das klingt wie ein Witz. Trägt er auch, wenn keine Freunde da sind weil du keinem richtig sagen könntest, was los ist und warum du Hilfe brauchst und nicht weiter kommst?
Wie trägt er dann?
Es kann nicht immer gut gehen.
Ja, das weiss ich auch. Aber diese Grauzone hält jetzt schon zu lange an.
Jetzt musst du kämpfen.
???
Wenn schlechte Gedanken und Gefühle kommen, ignorieren. Sogar entschieden weg schicken. So handeln, so tun, als ob du weisst, was du willst, wohin du willst und wie du dahin kommst. Du bist gut. Du bist richtig. Du kannst das.
Ich vergesse es.
Unterwegs im Leben vergesse ich das. Ich vergesse, genug zu trinken, mich zu bewegen, Musik zu machen, vergesse, zu kämpfen, ein Licht anzuzünden, mich zu besinnen, was ich will. Es wird Abend, Tag für Tag, und ich habe es wieder vergessen. Habe gemacht, was vor meinen Händen lag, getan, was zu tun war. Erledigt, was anstand. Ich komme im Dunkeln nach Hause und vergesse, dass ich mich bewegen wollte, etwas Gescheites, mir gut tuendes essen, jemandem zum Geburtstag gratulieren. Solche Sachen eben.
Es ist nur der Winter. Du musst dafür sorgen, dass du etwas raus kommst. Stress abbauen.
Nur der Winter? Und ich habe keinen Stress.
Wo soll ich hin im Dunkeln? Der Strasse entlang spazieren?
Jetzt ist es Tag, Morgen, und die Sonne scheint. Mach etwas! Pack dein Leben an!

Ich glaube, ich lösche das wieder. Hier im Netz will man nur Lösungen. Glatte, heile Welt. Keine Prozesse. Nichts Ungelöstes. Keine unbeantworteten Fragen. Kein offenes Ende. Und wenn sowas kommt, muss man kommentieren, abstempeln, es besser wissen.
Ich mache das auch so. Denkend meistens, nicht schreibend, aber das ist dasselbe.
Als es mir gut ging, so Vollgas mit Fahrtwind im Gesicht, da sah ich keine Fehler an mir. Ich mache alles richtig, die anderen sind falsch, war meine Haltung. Was ich auf den verschiedenen Kanälen las, bestärkte mich darin, nur das Gute an mir zu sehen. Mich schön zu finden. Mich gut zu finden. Selbstliebe und so. Ich zuerst. Denn wenn es mir nicht gut geht, geht es niemandem um mich gut. Klingt alles logisch, solange es einem gut geht.
Aber was jetzt? Jetzt sehe ich Fehler, erschrecke manchmal, schäme mich, verurteile oft trotzdem, obwohl ich es besser weiss, mache andere Fehler, obwohl ich es besser wüsste. Es ist das realistischere Bild, ein ganzes, ernüchterndes Bild.
Ist das besser, als nur das Gute zu sehen?
Kann man dieses Selbstliebe-Ding auch machen, ohne dass es auf Kosten anderer geht?
Wer kann in diesem Dschungel wirklich wegweisend sein?
Bete. Bitte darum, die Liebe kennenlernen zu dürfen. Bitte darum, dass Jesus in dein Leben kommt. Bitte darum, dass er es dir erklärt, so, dass du verstehst.
Habe ich alles schon gemacht. Ist nix passiert.
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Ok. Dann warte ich mal.

Nein. Klinke dich aus dem Lesen aus. Lies nichts. Keine Blogs und Instagrams, hör keine Besser-Leben-Selbstoptimierungs-Podcasts und lies keine Bücher.
Kein Input. Nur still sein.
Deine eigene Stimme wieder hören lernen.
Herausfinden, was DU zu sagen hast, wer DU bist, ohne all das andere.
Da sein.

Sein.

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Alles hat seine Zeit

…und manchmal fügt sich ein Teil so perfekt zum anderen, dass man unweigerlich auf die Idee kommt, es könnte ein Masterplan, eine Art Drehbuch hinter allem stecken.

Als Christ ist mir dieser Gedanke nicht fremd, im Gegenteil. Und als ein solcher habe ich vor vielen Jahren meine Mondbücher weggeworfen weil ich, also eigentlich die Kirche, in die ich ging, sie als Aberglauben verurteilte. Etwas in meinem Inneren sagte mir damals, dass es sehr wohl sein kann, dass der Mond einen Einfluss auf das Geschehen auf der Erde hat, aber etwas anderes in mir wollte diesen ungelösten Fragen nicht nachgehen. Es war einfacher und massenkonformer, zuzustimmen, zu nicken und zu gehorchen.

Inzwischen bin ich alt genug, zu wissen, dass man niemals alles weiss und alt genug, mich zu trauen, selber zu denken. Das gesamte Menschheitswissen ist nur ein winziger Bruchteil des Ganzen, auch wenn sich die Geschwindigkeit, mit der sich dieses Wissen vermehrt, in den letzten fünfzehn Jahren fast vervierfacht hat! Wir werden trotz dieses Affentempos das Ende des Wissens niemals erreichen. Und wir können nur von unserem Standpunkt aus sehen. Wir können uns den des anderen bestenfalls vorstellen, aber ihn wirklich einnehmen? Ich glaube nicht. Und wir haben trotz dieses Affentempos auch Wissen „verloren“, das mal sehr verbreitet war.

Die Mondbücher haben nun nach vielen Jahren meinen Weg wieder gekreuzt, ergänzt um ein Buch, das es damals noch nicht gab. Es ist anders als die anderen Bücher dieser Autoren. Klar und geradlinig werden die Gedankengänge vor einem ausgebreitet, so, dass man die Zusammenhänge nachvollziehen kann. Nichts klingt nach Aberglaube, nichts nach Esoterik, im Gegenteil. Ich habe selten ein bodenständigeres Buch gelesen, das einen explizit darauf hinweist: „…Verlaufen Sie sich dabei nicht, und lassen Sie sich nicht in eine fanatische Richtung verführen, sonst sind Sie nicht besser dran…“

Wusstet ihr, dass das Wissen vom richtigen Zeitpunkt noch vor wenigen Jahrzehnten weltweit! verbreitet war? Wusstet ihr, dass sogar die Tiere sich daran halten und Vögel z.B. nur an bestimmten Tagen ihr Nistmaterial sammeln, so, dass das Nest nach einem Regen rasch trocknet und nicht brüchig wird? Ich erinnere mich noch an jene Kalender, in denen nebst den Mondphasen auch Tierkreiszeichen notiert waren, aber niemand konnte mir erklären, was sie bedeuten.

Unsere Vorfahren, die etwas weiter zurückliegenden, waren darauf angewiesen, ihren Künsten – Bebauen der Felder, Holz schlagen, Heil- und Pflegemittel herstellen etc. – das Wissen vom richtigen Zeitpunkt hinzuzufügen. Sie hatten keine Konservierungsmittel oder chemische Zutaten, die ihnen diesen Dienst abgenommen hätten.
Sie beobachteten die Natur und stellten fest, dass alle alltäglichen Handlungen vom Mondstand beeinflusst werden, dass Pflanzen und Tiere sich danach richten, Ebbe und Flut, das Wetter und Geburten davon beeinflusst sind.
Um das gesammelte Wissen besser und einfacher weiterzugeben, erfanden sie ein System. Sonne, Mond und Sterne waren da, von der Natur zur Verfügung gestellt als natürliche Zeitmesser. Sie beobachteten, dass bestimmte Kraftimpulse monatlich zwei, drei Tage dauern und der Mond in dieser Zeit immer durch die gleichen Sterne wandert. Also lag es nahe, diese Sternengruppe zu einem Bild zusammenzufasssen und ihr einen griffigen Namen zu geben, der zum jeweiligen Kraftimpuls passte. Zwölf solche Kraftimpulse entdeckten sie, die von der Sonne im Laufe eines Jahres und vom Mond im Laufe eines Monats durchwandert werden. So entstanden die zwölf Tierkreiszeichen. Der Himmel war jetzt ein Kalender und man konnte im Voraus berechnen, wann die guten Tage des richtigen Kraftimpulses wieder kommen würden und seine Arbeiten danach planen. Jetzt weiss ich, warum ich meistens bei bestem Willen nicht nachvollziehen kann, weshalb die Menschen in einem wirren Haufen Sterne einen Steinbock oder Widder oder eine Waage sahen. Es sind Namen für die Kräfte, die zu dem Zeitpunkt wirken, wenn der Mond gerade durch diesen Sternhaufen wandert.

Mir als Christ stellt sich spätestens jetzt die Frage: Haben Sonne, Mond und Sterne tatsächlich einen Einfluss auf uns, oder sind sie lediglich Zeiger auf einem Zifferblatt, die uns die jeweils beobachteten Energien anzeigen? Dass es diese Kräfte gibt, kann ich nicht abstreiten. Ich beobachte sie selbst.
Die Autoren antworten: Wir wissen es nicht. Wir beobachten nur und benennen die herrschenden Einflüsse der Einfachheit halber so. „Es ist handlicher zu sagen: „Der Mond im Stier beeinflusst die Halsregion“, als zu schreiben: „Wenn der Mond im Stier steht, herrscht gleichzeitig auf der Erde eine Kraft, die auf den Halsbereich wirkt.“
So formuliert macht es für mich Sinn und kommt meinem Glauben nicht als Aberglauben in die Quere. Es steht schon im alten Testament, dass alles seine Zeit habe.

Die Gedanken, die mir in diesem Buch vorgelegt werden, sind neu und vertraut zugleich. Zum Beispiel dieser: Es ist der Moment der Berührung, der die Wirkung überträgt. Denken wir an eine Massage, dann ist diese Aussage völlig logisch. Wenn wir mit Berührung mehr meinen, die Handlung selber oder auch ein Gedanke, dann weitet sich der Sinn der Aussage. Wenn wir tun oder denken passiert mehr als nur Handlung und Gedanke. Unsere innere Haltung, die Beweggründe und Ziele, die uns zu dieser Handlung veranlassen, werden genauso übertragen. Obwohl sie zum Zeitpunkt der Übertragung unsichtbar sind, werden sie dennoch heute, morgen oder in zehn Jahren für alle in irgendeiner Art und Weise sichtbar werden. „Wenn man aus Liebe berührt, erzeugt man immer Liebe. Wenn man aus Berechnung berührt, kommt ein Tauschhandel zustande (oder auch nicht).“
Und im Augenblick der Berührung werden ausser der inneren Intention auch die Kraftimpulse und Energien, die auf der Erde wirken, transportiert. „Die Kräfte, die durch den Zeitpunkt – die Mondphasen und den Mondstand im Tierkeis – gekennzeichnet sind, werden durch die menschliche Absicht wie in einem Brennglas gebündelt und verstärkt.“

Was mir an dem Buch gefällt, ist seine undogmatische Art. Man muss sich nicht pedantisch an die Angaben halten. Man darf sie als Hilfe benützen und flexibel und lebendig anwenden. Auch wenn man den Mondstand seit Tausenden von Jahren auf die Minute genau berechnen kann, wäre es fatal, beschränkte man seine Handlungen minutengenau auf einen so berechneten idealen Zeitpunkt. Kräfte und Energien wechseln nicht von einer Sekunde zur anderen, sondern beeinflussen sich gegenseitig. Der Mond braucht ca. zweieinhalb Tage um durch ein ganzes Tierkreiszeichen zu wandern. Am Anfang dieser Phase wirken die Kräfte des vorhergehenden Zeichens noch nach, gegen Ende wirken schon die Energien des nachfolgenden Zeichens. Es gibt auch immer genügend Alternativen, wenn z.B. das Wetter oder Termine einem Vorhaben im Weg stehen. In verschiedenen Zeichen wirken ähnliche Kräfte. Die Natur lässt sich nicht in ein starres System zwingen. Der Mondkalender ist ein Werkzeug, ein Hilfsmittel, nicht weniger aber auch nicht mehr.

Was mir ebenfalls gefällt, sind die Parallelen, die ich in meiner Weltanschauung finde. Da steht zum Beispiel: „Statt leblose Hybriden zu züchten, die nicht keimfähiges Getreide abgeben, sollten wir zurückkehren zu wirklich lebendigem Getreide, das die Kraft zur Fortpflanzung in sich trägt. Und uns dann erinnern an die alte Weisheit der Natur: Wer Schönes bekommen will, muss Schönes opfern. Machen Sie es wie die naturverbundenen Gärtner: Sie lassen die kräftigsten, schönsten Radieschen stehen, statt gerade sie zu ernten, und warten dann, bis die Samen reif sind.“
Diese Aussagen erinnern mich schwer an die Empfehlung in der Bibel, dass wir den zehnten Teil von allem opfern sollen.

So, ich glaube, für heute habe ich genug gesagt. Diesen Beitrag schreibe ich nicht im Auftrag von irgendjemandem und schon gar nicht gegen Bezahlung. Aber ihr müsst damit rechnen, dass ich das Buch nicht zum letzten Mal erwähnt habe ;-)

Bis bald,

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PS. Danke an Der Emil, der mir den ultimativen Tipp für das Einfügen der Unterschrift gegeben hat. Dauerte nur fünf Minuten, ist nicht ganz perfekt, aber ich lass das jetzt so :-)

Der rote Faden

Der rote Faden ist noch nicht abgerissen. Ich habe keine Ahnung, wohin mich dieser Artikel führt. Aber ich habe beschlossen, wieder zu schreiben. Weil es klärt. Mich, meine Gedanken, mein Sein. Weil es ein Gegenstück zum Scrollen, Hochwischen, Drüberfliegen und Bilder hinein Saugen ist. Etwas, was mein Denken einen Gang runterschaltet und mich mein Leben betrachten lässt. Etwas, das festhält, was so schnell vorbei ist.

Ja, ich weiss, da kommen jetzt die ganzen Achtsamkeits-Argumente für das Leben im Jetzt. Da kommen Ratschläge, die Vergangenheit Vergangenheit sein zu lassen und die Zukunft nicht zu bedenken, damit man frei für die Gegenwart sei, und all das dementiere ich auch nicht. Im Gegenteil. Ich glaube, dass ich gerade durch das Schreiben ins Jetzt finde.
Wenn ich schreibe, halte ich an. Ich betrachte etwas, versuche, dem, was ist, Worte zu verleihen. Das, was im Innersten ist, bekommt plötzlich eine Sichtbarkeit.
Manchmal überrascht mich, was ich schreibend denke. Ein Wort kommt hoch, als wäre es ein eigenes Lebewesen. Es will genau für das, was ich gerade sagen will, seine Gestalt leihen. Es drängt sich in den Vordergrund und ruft laut: „Iiiich, ich, hier!“ oder bleibt einfach still und leise und hartnäckig da, wenn ich ein anderes suchen will.
Manchmal weiss ich nicht, ob dieses Wort den Sinn dessen trifft, was ich sagen möchte. Dann schlage ich es nach. Und bin überrascht weil es das tut. In einem tieferen Sinn, den ich vorher noch nicht entdeckt hatte.
So komme ich dem Kern der Sache auf die Spur und manchmal sogar ganz nahe.
Und wenn ich aufhöre – ich wollte gerade schreiben, den Stift weglege, aber meistens ist es ein Zuklappen meines elektronischen Tausendsassas – dann bin ich ein Stück weiter gekommen, während ich anhielt um nachzudenken.

Ich werde also weiterschreiben. Wegen mir. Weil ich das Bedürfnis verspüre, zu sagen, was mir manchmal durch den Kopf geht. Und wegen euch. Weil ich gerne Gedanken anstosse und andere Menschen inspiriere.
Es gibt ein paar sehr treue Leser hier. Noch täglich bekomme ich Besuche und ab und zu auch neue Abonnenten, obwohl meine Schreibfrequenz, wäre sie ein Ton, inzwischen vermutlich ein unhörbar tiefer Bass wäre. Dass dieses Blog dennoch gelesen wird, freut mich umso mehr.

Wohin dieser Weg führt, was meine Themen sind und wie häufig ich schreiben werde, weiss ich nicht. Es gibt keinen Plan, kein Konzept. Es gibt keinen besonders aussagekräftigen Untertitel oder Tags, keine vermarktbaren Inhalte und keine kernige Definition die sagen, was man hier erwarten darf und worum es auf dieser Seite geht.
Es bleibt, was Blogs ursprünglich mal waren, als es vor zwanzig Jahren noch fast kein Internet gab. Ein Tagebuch. Eine lose Sammlung von Notizen und Netzfunden. So zufällig, wie das Leben selbst. Aus meiner Perspektive betrachtet.
Der rote Faden darin ist, dass es Dinge sind, die die ich weitergeben möchte oder die mich genug beschäftigen, dass ich mir Zeit nehme, sie näher zu betrachten. Vielleicht sind es mal Rezepte oder Anleitungen für Handwerk, vielleicht sind es poetische Texte oder Essays. Es gibt keine Beschränkung auf einzelne Themenfelder.
Wenn ihr gerne weiterhin mitkommt, freue ich mich sehr, wenn nicht, wünsche ich euch das allerbeste Leben. Schreibt Kommentare, wenn euch danach ist, wenn nicht, dann lasst es bleiben ;-) Ich freue mich darüber, wenn ich euch zum Nachdenken bringen kann oder euch in irgendeiner Form inspirieren darf.

In diesem Sinne: Bis zum nächsten Mal!

PS. Eigentlich wollte ich hier jetzt ein Bild meiner Unterschrift einfügen. Das Projekt muss ich aber verschieben weil ich keine Ahnung habe, wie ich das anstellen soll…. also das Bild einfügen schon ;-) Nur: Wie komme ich zu einem solchen Bild. Es ist kompliziert.

Demut

Nach langer Zeit, in der die Abstände immer grösser wurden, bin ich wieder mal hier und lese. Ja, lese! Ich lese in meinen eigenen Beiträgen und es ist wie ein Gespräch mit einer besten Freundin. Es ist, als ob ich mich selber an die Hand nähme und mir Weisheiten mit auf den Weg gäbe. Habe ich das alles tatsächlich mal geschrieben?

Ich denke über Demut nach. Schreibend. Etwas wackelig ist diese Reise, so, wie wenn man nach langer Zeit wieder Rad fährt. Kann ich es noch? Finde ich in Kreisen zum Kern der Sache?

Demut. Hat das was mit Mut zu tun? Der blaue Duden in meinem Regal gibt mir Recht. Der Mut in Demut ist tatsächlich von Mut abgeleitet.
Mut bezeichnete ursprünglich die innere Haltung, wenn man etwas unbedingt will. Das zeigt die indogermanische Wurzel mo- = nach etwas trachten, etwas anstreben, wollen.

Der andere Teil des Wortes dagegen gehört zum Stamm des Verbs dienen. Demütig bedeutete ursprünglich dienstwillig und Demut bezeichnete eine dienende Gesinnung.

Dienen, also. Die tiefere Bedeutung von Dienen kommt im litauischen Verb teketi = laufen, fließen, rinnen und im altindischen takti = eilt zum Ausdruck. Teketi und takti gehen auf dieselbe indogermanische Wurzel wie dienen zurück.
Rinnen und fliessen wie Wasser. Wasser fliesst ohne zu zögern in die Form, die gerade da ist und strebt keine andere Form an. Es gibt sich vollkommen dem hin, was da ist, und erfüllt die Rolle, die es darin hat.
Dienen ist also Hingabe, und Hingabe ist hinzuschauen, was ist. Den Dingen zu erlauben, dass sie sind, wie sie sind. Einem selbst zu erlauben, dass man ist, wie man ist und aus dieser Haltung zu handeln.

Ein weiterer Aspekt ist die Einordnung oder auch Unterordnung in ein grösseres Ganzes. Demütig sein heisst im weitesten Sinn wissen, dass es etwas Grösseres gibt. Der Demütige erkennt und akzeptiert aus freien Stücken, dass es etwas für ihn Unerreichbares, Höheres gibt.

Demut hat nichts damit zu tun, sein Licht unter den Scheffel zu stellen oder sich selbst zu erniedrigen oder herabzuwürdigen. Demut hat auch nichts damit zu tun, sich äusserlich demütig zu geben und innerlich zu denken, man sei durch diese Haltung besser als der andere.
Demut ohne Liebe ist Stolz. Demut ohne Liebe ist eine Opferhaltung, aus der man einen Nutzen zieht.

Demut mit Liebe ist die Verschmelzung zweier innerer Haltungen: das Trachten des Mutes und die Hingabe des Dienens.
Demut trachtet danach, sich dem Jetzt, dem, was gerade ist, ohne Widerstand hinzugeben, zu dienen und zu handeln, ohne vor etwas zurückzuschrecken.

 

Exzellenz

Was ist das eigentlich? Was heisst das?

Das Wort kommt aus dem Lateinischen und heisst hervorragend, ausgezeichnet. Nebst dem Adel tragen diesen Titel auch Botschafter, Minister und Gesandte.

Exzellenz ist nicht einfach blosse Perfektion. Exzellenz vereint Erstklassigkeit mit Leichtigkeit, mit Freude und Fröhlichkeit, mit Klarheit und einem inneren Leuchten. Wenn es einfach nur Luxus, nur Exklusivität, nur unübertroffen, atemberaubend schön, auserlesen und exquisit wäre, dann würde ein Hauch Überheblichkeit und Distanz darin liegen. Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Es strahlt eine Purheit und Einfachheit aus. Weite Grosszügigkeit und Güte. Etwas Ungezwungenes, Schlichtes und zutiefst Berührendes. Etwas, was allem Seele gibt. Etwas Göttliches. Liebe.

Das Streben nach Exzellenz ohne dieses andere, unsichtbare gewisse Etwas verkommt zu Perfektionismus. Oder es wird zu einem Sich-um-alles-in-der-Welt-in-den-Vordergrund-stellen-Müssen. Es bekommt etwas Krampfhaftes und Aufgesetztes.

Echte Exzellenz besitzt eine gewisse Demut, Anmut und Natürlichkeit. So, wie ein Licht sich im Dunkeln nicht in den Vordergrund zu stellen braucht. Es leuchtet auch so.

Ein unübertroffen inspirierendes, wunderbares, grossartiges und exzellentes Bild davon komponiert Joanna mit ihrem ganzen Sein und Wesen. Der neuste Beitrag beweist es.

Heute vor einem Jahr

…habe ich erfahren, dass du dir das Leben genommen hast. Seither ist nichts mehr wie vorher. Nicht, dass die einzige Konstante die Veränderung ist, meine ich, sondern es ist, als ob ich in einen zerbrochenen Spiegel blicke.

Die Tragweite dieser Veränderung wird mir erst nach und nach bewusst. Meine Worte, mit denen ich früher beschrieb, was mein Herz umtreibt, fehlen, kommen bruchstückhaft, klingen unpassend und können nicht ausdrücken, was ich nicht einmal mit Gedanken erfassen kann. Nicht mehr. Je mehr ich denke, desto unsagbarer und unfassbarer und unverständlicher wird es mir. Es muss diesmal einen anderen Weg geben, damit umzugehen, als den, zu erzählen, zu schreiben, Worte zu finden.

Du fehlst. Mit einer Häufigkeit und Wucht, wie ich es nie gedacht hätte. Ich realisiere, dass du schon vier Jahre fehlst, und dass du mein Warten mit Weggehen beantwortet hast.

Je mehr ich darüber nachdenke, was und wie du es getan hast, desto unfassbarer wird es. Mein Verstand weiss längst, dass ich nie mehr werde mit dir reden, lachen und weinen und dich umarmen kann, aber mein Herz will es nicht glauben.
Ich mache einen grossen Bogen um dein Grab und deine Familie, wie wenn ich damit die Realität ausschalten und ungeschehen machen könnte. Es tut weh, in deinem Haus zu Gast zu sein, in dem du noch immer in jeder Dekoration präsent bist. In dem es sich anfühlt, als würdest du jeden Moment die Treppe herunter kommen, und mein Herz es noch weniger glauben will.

IMG_3854Gestern haben wir erneut Abschied genommen.
Es wird noch viel Übung brauchen, das Abschied nehmen. Man gewöhnt sich nicht daran. An keinen Gedanken davon. Und jedes neue Detail, jedes Fehlen, jedes Erinnern, jede Geschichte braucht wieder neuen Abschied.

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Ich wollte noch irgendeinen Schlusssatz finden. Etwas schreiben, was das zuvor Gesagte abrundet. Aber es geht nicht auf, diesmal. Es gibt das Abgeschlossene und Abgerundete, das Satzende nicht.

Vielleicht müssen die Fragen offen, der Schlusssatz ungesagt bleiben und vielleicht ist ein Doppelpunkt das Ende.

nicht mehr wie zuvor

Das Leben ist weitergegangen. Ich bin versucht, dieses Blog als Brief an dich weiterzuführen. Vermutlich verlöre ich dann mit der Zeit meine Leser, von denen es kontinuierlich, aber sehr langsam, immer mehr gibt. Erklären kann ich mir das nicht. Meine Schreibfrequenz hat doch sehr abgenommen. Aus Gründen.

Trotzdem ist alles, was ich schreiben will, alles, was mir als Satz fixfertig durch den Kopf geht, hinausdrängt, geschrieben zu werden, eigentlich ein Brief an dich. Einer, den du nie lesen wirst. Oder vielleicht doch?

Das Leben ist also weitergegangen. Aber es ist nicht mehr wie zuvor. Ich habe Angst vor dem Sterben. Das erstaunt mich und ist mir völlig neu. Es ist nicht eine Angst davor, was danach kommen könnte und auch nicht eine vor dem körperlichen Schmerz, den Sterben unweigerlich mit sich bringt. Schmerzen aushalten kann ich gut.
Es ist die Angst vor dem Abschied nehmen. Ich sehe den Mann an meiner Seite und weiss, eines Tages werden wir einander loslassen müssen. Entweder weil er geht oder weil ich gehe. Weiter darf ich nicht denken. Ich lasse es nicht an mich heran.

Es ist genug, dass du nicht mehr da bist. Es ist genug, dass niemand da ist, dem ich die Dinge anvertrauen könnte, die ich dir anvertraut habe. Ich habe keine beste Freundin mehr und die anderen, die noch um mich sind, kann ich nicht Freundin nennen. Da und dort kann ich etwas teilen mit jemandem von ihnen. Aber nicht, wie ich mit dir geteilt habe.

Du hast doch deinen Mann, höre ich dich sagen. Ja. Das stimmt. Aber ich brauche frische Gedanken von aussen. Manchmal sind wir uns zu nah, um einander helfen zu können.

Gestern habe ich mit einer jungen Frau geredet, mit ihr einen Teil meiner Trauer geteilt. Sie hat mir gute, neue Gedanken gegeben und ein paar meiner grossen Fragen leiser gemacht. Aber sie hat auch Scheu vor dem weiteren Erzählen geweckt. Ich halte den Ballon unter Wasser und habe nicht den Mut, ihn an die Oberfläche steigen zu lassen. Was würde mich erwarten? Und mit wem würde ich dann teilen können? Die meisten haben schon ihr Leben. Was will diese junge Frau eine Freundschaft mit mir pflegen? Sie hat ihre eigene Welt.

Es ist ein Tabuthema. Niemand will über Suizid reden. Es gibt nur vereinzelt Reaktionen, die mir weiterhelfen. Die meisten schütteln den Kopf und sagen Dinge wie, dass es furchtbar schlimm sei, unbegreifbar, eine Flucht, ein billiger Ausweg, oder was weiss ich. Sie haben keine Ahnung. Vorallem nicht, dass sie damit in meiner Wunde rumstochern.
Ich kann es zwar auch immer weniger verstehen, je weiter es weg ist, aber ich respektiere deine Entscheidung. Du hattest Gründe, extrem gute Gründe. Das muss so sein, denn du hast immer zuerst an alle anderen gedacht, bevor dann irgendwann du kamst. Mein Kopf versteht die Argumente, mein Herz möchte es tausendmal ungeschehen machen. Früher oder später hätten wir uns sowieso verabschieden müssen. Ja, klar, aber doch nicht jetzt schon. Etwas in mir akzeptiert es nicht.

Gibt es Dinge, die in meinem Herzen so sehr Spuren hinterlassen, dass das Leben nie mehr wie zuvor sein kann?
Ja, ich weiss, jeder Moment ist einzigartig und das Leben wird nie bleiben, wie es ist. Aber ich meine etwas anderes. Ich meine diese grundlegende Haltung der Hoffnung und der Freude. Eine Zuversicht, dass der Weg dort um die Biegung weitergeht. Ein sich Aufrichten und den neuen Tag Anpacken. Eine Art Naivität, dass die Dinge immer gut werden und einem Glaubenden alles möglich sei. Eine Neugierde, wie es wohl weitergeht. Ein Wissen, dass die Dinge so und so sind und manchmal auch überraschend anders, aber eben ein Wissen, eine Art Sicherheit.

Jetzt habe ich das Gefühl, dass ich nichts weiss. Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger Antworten habe ich auf das Leben und das, was geschehen ist. Ich habe keine Erklärungen mehr weil sie alle falsch sind. Ich weiss nicht, ob ein Weitergehen ein Weitergehen ist, weil ich nicht weiss, ob man das überhaupt so nennen kann. Der neue Tag kommt, vergeht wieder, ich lebe, arbeite, lache, weine.
Ich? Diese Person, die in meiner Körperhülle steckt. Wer auch immer das ist. Manchmal sehe ich mir zu und bin mir total fremd. Aber dieses andere, das zuschaut, ist mir auch fremd.

Du weisst jetzt mehr. Ich nicht.
Vor zwei Tagen habe ich von dir geträumt. Du hast mir etwas gesagt, aber schon am Morgen konnte ich mich nicht einmal mehr an das Thema erinnern.
Fragen und Antworten ziehen aussen vorbei und gehören mir nicht.

Was ich hier schreibe, ist Fragment. Immer. Diesmal sehr chaotisch hingeworfen. Wenn du es nicht liest, dann hoffe ich, dass jemand sich darin findet und weiss, es gibt noch mehr Ver-rückte. Auseinander-gerückte.

Ich muss möchte mich wieder zurecht rücken. Irgendwie. Aber ich weiss nicht, wie. Meine Gedanken sind am Ende angekommen und mein Herz weiss nicht mehr, wie es trauern soll.

Die meiste Zeit wird man mir nicht anmerken, dass meine Welt so ins Wanken gekommen ist. Ich lebe weiter und es ist ein gutes Leben, ein schönes, sogar. Ich habe angefangen, Saxophon zu lernen und es ist wunderbar! Du müsstest meine Augen leuchten sehen, wenn wir Anfänger mit der grossen Musikgesellschaft mitspielen dürfen! Ich bin vollkommen begeistert und in Flammen!
Ich arbeite mit Freude im Garten. Ich unterrichte immer noch sehr gerne. Mein Kollegium ist wunderbar. Ich lerne Menschen kennen und spüre, wie ich sofort angenommen und wertgeschätzt werde. Ich geniesse meine vielen Talente und setze sie mit Hingabe ein. Ich geniesse mein Leben, empfinde Freude, Liebe, Begeisterung, manchmal Frust, Traurigkeit, Wut, die ganze Palette, wie es halt so ist.

Aber wenn man etwas tiefer schaut, ist es anders geworden. Grauer, undurchsichtiger Nebel, kaum wahrgenommen liegt da.
Und darunter? Was ist darunter? Weisst du es?

Ist da noch ein Boden, der trägt?

Ich spüre ihn nicht. Ich tue nur so, als ob er noch da wäre.