Heute vor einem Jahr

…habe ich erfahren, dass du dir das Leben genommen hast. Seither ist nichts mehr wie vorher. Nicht, dass die einzige Konstante die Veränderung ist, meine ich, sondern es ist, als ob ich in einen zerbrochenen Spiegel blicke.

Die Tragweite dieser Veränderung wird mir erst nach und nach bewusst. Meine Worte, mit denen ich früher beschrieb, was mein Herz umtreibt, fehlen, kommen bruchstückhaft, klingen unpassend und können nicht ausdrücken, was ich nicht einmal mit Gedanken erfassen kann. Nicht mehr. Je mehr ich denke, desto unsagbarer und unfassbarer und unverständlicher wird es mir. Es muss diesmal einen anderen Weg geben, damit umzugehen, als den, zu erzählen, zu schreiben, Worte zu finden.

Du fehlst. Mit einer Häufigkeit und Wucht, wie ich es nie gedacht hätte. Ich realisiere, dass du schon vier Jahre fehlst, und dass du mein Warten mit Weggehen beantwortet hast.

Je mehr ich darüber nachdenke, was und wie du es getan hast, desto unfassbarer wird es. Mein Verstand weiss längst, dass ich nie mehr werde mit dir reden, lachen und weinen und dich umarmen kann, aber mein Herz will es nicht glauben.
Ich mache einen grossen Bogen um dein Grab und deine Familie, wie wenn ich damit die Realität ausschalten und ungeschehen machen könnte. Es tut weh, in deinem Haus zu Gast zu sein, in dem du noch immer in jeder Dekoration präsent bist. In dem es sich anfühlt, als würdest du jeden Moment die Treppe herunter kommen, und mein Herz es noch weniger glauben will.

IMG_3854Gestern haben wir erneut Abschied genommen.
Es wird noch viel Übung brauchen, das Abschied nehmen. Man gewöhnt sich nicht daran. An keinen Gedanken davon. Und jedes neue Detail, jedes Fehlen, jedes Erinnern, jede Geschichte braucht wieder neuen Abschied.

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Ich wollte noch irgendeinen Schlusssatz finden. Etwas schreiben, was das zuvor Gesagte abrundet. Aber es geht nicht auf, diesmal. Es gibt das Abgeschlossene und Abgerundete, das Satzende nicht.

Vielleicht müssen die Fragen offen, der Schlusssatz ungesagt bleiben und vielleicht ist ein Doppelpunkt das Ende.

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nicht mehr wie zuvor

Das Leben ist weitergegangen. Ich bin versucht, dieses Blog als Brief an dich weiterzuführen. Vermutlich verlöre ich dann mit der Zeit meine Leser, von denen es kontinuierlich, aber sehr langsam, immer mehr gibt. Erklären kann ich mir das nicht. Meine Schreibfrequenz hat doch sehr abgenommen. Aus Gründen.

Trotzdem ist alles, was ich schreiben will, alles, was mir als Satz fixfertig durch den Kopf geht, hinausdrängt, geschrieben zu werden, eigentlich ein Brief an dich. Einer, den du nie lesen wirst. Oder vielleicht doch?

Das Leben ist also weitergegangen. Aber es ist nicht mehr wie zuvor. Ich habe Angst vor dem Sterben. Das erstaunt mich und ist mir völlig neu. Es ist nicht eine Angst davor, was danach kommen könnte und auch nicht eine vor dem körperlichen Schmerz, den Sterben unweigerlich mit sich bringt. Schmerzen aushalten kann ich gut.
Es ist die Angst vor dem Abschied nehmen. Ich sehe den Mann an meiner Seite und weiss, eines Tages werden wir einander loslassen müssen. Entweder weil er geht oder weil ich gehe. Weiter darf ich nicht denken. Ich lasse es nicht an mich heran.

Es ist genug, dass du nicht mehr da bist. Es ist genug, dass niemand da ist, dem ich die Dinge anvertrauen könnte, die ich dir anvertraut habe. Ich habe keine beste Freundin mehr und die anderen, die noch um mich sind, kann ich nicht Freundin nennen. Da und dort kann ich etwas teilen mit jemandem von ihnen. Aber nicht, wie ich mit dir geteilt habe.

Du hast doch deinen Mann, höre ich dich sagen. Ja. Das stimmt. Aber ich brauche frische Gedanken von aussen. Manchmal sind wir uns zu nah, um einander helfen zu können.

Gestern habe ich mit einer jungen Frau geredet, mit ihr einen Teil meiner Trauer geteilt. Sie hat mir gute, neue Gedanken gegeben und ein paar meiner grossen Fragen leiser gemacht. Aber sie hat auch Scheu vor dem weiteren Erzählen geweckt. Ich halte den Ballon unter Wasser und habe nicht den Mut, ihn an die Oberfläche steigen zu lassen. Was würde mich erwarten? Und mit wem würde ich dann teilen können? Die meisten haben schon ihr Leben. Was will diese junge Frau eine Freundschaft mit mir pflegen? Sie hat ihre eigene Welt.

Es ist ein Tabuthema. Niemand will über Suizid reden. Es gibt nur vereinzelt Reaktionen, die mir weiterhelfen. Die meisten schütteln den Kopf und sagen Dinge wie, dass es furchtbar schlimm sei, unbegreifbar, eine Flucht, ein billiger Ausweg, oder was weiss ich. Sie haben keine Ahnung. Vorallem nicht, dass sie damit in meiner Wunde rumstochern.
Ich kann es zwar auch immer weniger verstehen, je weiter es weg ist, aber ich respektiere deine Entscheidung. Du hattest Gründe, extrem gute Gründe. Das muss so sein, denn du hast immer zuerst an alle anderen gedacht, bevor dann irgendwann du kamst. Mein Kopf versteht die Argumente, mein Herz möchte es tausendmal ungeschehen machen. Früher oder später hätten wir uns sowieso verabschieden müssen. Ja, klar, aber doch nicht jetzt schon. Etwas in mir akzeptiert es nicht.

Gibt es Dinge, die in meinem Herzen so sehr Spuren hinterlassen, dass das Leben nie mehr wie zuvor sein kann?
Ja, ich weiss, jeder Moment ist einzigartig und das Leben wird nie bleiben, wie es ist. Aber ich meine etwas anderes. Ich meine diese grundlegende Haltung der Hoffnung und der Freude. Eine Zuversicht, dass der Weg dort um die Biegung weitergeht. Ein sich Aufrichten und den neuen Tag Anpacken. Eine Art Naivität, dass die Dinge immer gut werden und einem Glaubenden alles möglich sei. Eine Neugierde, wie es wohl weitergeht. Ein Wissen, dass die Dinge so und so sind und manchmal auch überraschend anders, aber eben ein Wissen, eine Art Sicherheit.

Jetzt habe ich das Gefühl, dass ich nichts weiss. Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger Antworten habe ich auf das Leben und das, was geschehen ist. Ich habe keine Erklärungen mehr weil sie alle falsch sind. Ich weiss nicht, ob ein Weitergehen ein Weitergehen ist, weil ich nicht weiss, ob man das überhaupt so nennen kann. Der neue Tag kommt, vergeht wieder, ich lebe, arbeite, lache, weine.
Ich? Diese Person, die in meiner Körperhülle steckt. Wer auch immer das ist. Manchmal sehe ich mir zu und bin mir total fremd. Aber dieses andere, das zuschaut, ist mir auch fremd.

Du weisst jetzt mehr. Ich nicht.
Vor zwei Tagen habe ich von dir geträumt. Du hast mir etwas gesagt, aber schon am Morgen konnte ich mich nicht einmal mehr an das Thema erinnern.
Fragen und Antworten ziehen aussen vorbei und gehören mir nicht.

Was ich hier schreibe, ist Fragment. Immer. Diesmal sehr chaotisch hingeworfen. Wenn du es nicht liest, dann hoffe ich, dass jemand sich darin findet und weiss, es gibt noch mehr Ver-rückte. Auseinander-gerückte.

Ich muss möchte mich wieder zurecht rücken. Irgendwie. Aber ich weiss nicht, wie. Meine Gedanken sind am Ende angekommen und mein Herz weiss nicht mehr, wie es trauern soll.

Die meiste Zeit wird man mir nicht anmerken, dass meine Welt so ins Wanken gekommen ist. Ich lebe weiter und es ist ein gutes Leben, ein schönes, sogar. Ich habe angefangen, Saxophon zu lernen und es ist wunderbar! Du müsstest meine Augen leuchten sehen, wenn wir Anfänger mit der grossen Musikgesellschaft mitspielen dürfen! Ich bin vollkommen begeistert und in Flammen!
Ich arbeite mit Freude im Garten. Ich unterrichte immer noch sehr gerne. Mein Kollegium ist wunderbar. Ich lerne Menschen kennen und spüre, wie ich sofort angenommen und wertgeschätzt werde. Ich geniesse meine vielen Talente und setze sie mit Hingabe ein. Ich geniesse mein Leben, empfinde Freude, Liebe, Begeisterung, manchmal Frust, Traurigkeit, Wut, die ganze Palette, wie es halt so ist.

Aber wenn man etwas tiefer schaut, ist es anders geworden. Grauer, undurchsichtiger Nebel, kaum wahrgenommen liegt da.
Und darunter? Was ist darunter? Weisst du es?

Ist da noch ein Boden, der trägt?

Ich spüre ihn nicht. Ich tue nur so, als ob er noch da wäre.

Trauer ist vielschichtig

Heute Morgen las ich einen wunderbaren, sehr treffenden Artikel über Trauer. Es ist genau so.

Ich denke darüber nach, ……. Wie sie sich zusammensetzt und dass es das kaum je gibt: pure Trauer. ………Von den Verdrängungsmechanismen und dem Schockzutand, von der vodergründigen Geschäftigkeit und den nächtlichen Zusammenbrüchen.

Und davon, wie die Trauer in die Seele einsickert und sich dort einnistet, ganz allmählich und mit einer langsamen Bewegung, weil sie weiß, sie hat alle Zeit der Welt. Sie ist gekommen, um zu bleiben.

Das Verstummen bei der Todesnachricht, der Kopf, dem klar ist, dass das tatsächlich stimmt, die Gefühle, die nicht nachkommen, Erleichterung, Schuldgefühle, weil man nicht erleichtert sein darf, wenn ein lieber Mensch stirbt, Schuldgefühle, weil ich doch dies oder das hätte tun, sagen oder sonstwas müssen, Fragen ohne Ende, das Meer voll ungeweinter Tränen und kein ruhiger Ort für mich, an dem ich sie hätte kommen lassen dürfen, die Einsamkeit, weil der einzige Mensch, der meine ganze Geschichte erfassen konnte, und auch jetzt genau wüsste, wie es mir geht, nun nicht mehr da ist, und das ohne Abschied, all das habe ich genau so erlebt, wie die Autorin.

Trauer ist vielschichtig. Und mächtig. Sie kann uns lähmen, uns vereinnahmen und anfüllen mit einer Wucht von Gefühlen, die wir sonst im Leben kaum kennen. Sie ist wie die Schattenseite von großer Liebe oder großem Glück – etwas, das schon immer da war als Möglichkeit und das sich jetzt entfaltet. Gekoppelt an die unbarmherzige Erfahrung von totalem Verlust, ist sie wie ein Schatten, der uns fortan begleitet, mal heller, mal dunkler, aber immer da. Und zugleich ist sie das, was den Gegenpol, das Glück, die Liebe, den Genuss all der schönen Dinge dieser Welt, noch heller leuchten lässt.

Ich hadere mit diesem Teil noch. Trauer ist der Schatten, der immer da ist, der Gegenpol. Ich fürchte mich vor dieser Schattenseite, die umso grösser ist, je grösser das Licht – und umgekehrt. Ich fürchte mich davor, das Liebste eines Tages zu verlieren.

Etwas in mir weiss, dass das so sein muss. Und der andere Teil ist einfach müde und wütend, dass es so sein muss. Ich bin gezwungen, zu akzeptieren, dass dieses Gesetz unabänderlich ist, und das passt mir nicht. Ich werde nicht gern gezwungen. Mein Herz ist noch nicht bereit, nachzugeben. Eines Tages wird es einwilligen, dass es so ist, wie es ist. Jetzt noch nicht.

Trauerbild

Trauer ist wie ein Krug mit einem Getränk.
Wenn man ja zur Trauer sagt, sie versteht und sich zugesteht, kann man mal in kleinen, mal in grösseren Schlucken davon trinken. Jeder Schluck spült einen Stein von der Seele und erfrischt das Herz.
Wenn man die Trauer nicht versteht oder sich nicht zugesteht, wenn man sie wegschickt, beiseite stellt und mal mit dem Leben weitermacht, als wäre nichts, schmeckt es bitter. Man kriegt nur kleine Schlucke runter, oder vielleicht gar nichts. Die Steine bleiben.
Wenn man den Trunk unangetastet stehen lässt, wird er faul.

Es geht darum, alles bis zum Grund auszutrinken, bis der Krug leer ist.

Es gibt Tränen, die man nicht weinen kann. Sie wären zu schwer, zu dunkel und du würdest darin ertrinken. Sie machen deine Kehle eng und schmerzen, deine Haut wird dünn wie Seidenpapier. Sie fliessen bitter in den Magen und stehlen dir den Appetit.
Aber ich kenne ein Mittel, das Linderung verschafft. Für ein paar Minuten wenigstens kannst du vergessen. Fliehen, in eine andere Welt: Du setzt dich ins Auto, legst Musik auf, drehst die Scheiben ganz nach unten und die Lautstärke ganz hoch. Du schaust zu, wie Füsse und Hände fliessend, gleitend, mühelos den Wagen so perfekt lenken als wärst du darauf programmiert. Du lässt dich vom Sog der Töne mitziehen. Bis dort, wo vorher dieser enge Schmerz war, das Schlagzeug explodiert. Bis der Bass im ganzen Körper vibriert und der Rhythmus unter deinem Brustkorb klopft. Du kannst nichts mehr denken, nur noch sein. Du hast das Gefühl, mit deiner Umgebung zu verschmelzen und doch nimmst du klarer als sonst die Kontur deines Körpers wahr.
Und du wünschst dir, die Zeit möge in diesem Augenblick aufhören zu sein weil du keine Ahnung hast, wie man den Weg zurück ins Leben findet.