„Du musst nur…!“

Von Rat-Schlägen

Ihr kennt die Sprüche, Ratschläge, die die Runde machen: Du musst nur deine innere Einstellung ändern, dann geht es dir gut. Als Beispiel wird die allmorgendliche Busfahrt aufgeführt, täglich derselbe äussere Umstand also, den einen mal nervt und an anderen Tagen völlig kühl lässt. Anhand dieses Beispiels wird dann lang und breit erklärt, dass man daraus ableiten könne, dass es nicht der Umstand sei, der einen ärgere, sondern die eigene innere Bewertung desselben.

Das ist doch völliger Quatsch! Nein, natürlich nicht ganz, aber ich finde das ist ein eher zweifelhafter und vorallem ein zu billiger Schluss.
Wenn ich allmorgendlich in den Bus steige, in immer dieselbe Situation und darauf unterschiedlich reagiere, dann könnte man doch daraus auch schliessen, dass ich nicht immer dieselben inneren Bedingungen mitbringe. Oder nicht?

Am einen Tag habe ich vielleicht eine interessante Aufgabe vor mir und komme mit innerer Vorfreude. Am anderen liegt eine Herausforderung vor mir. Ich komme unternehmungslustig oder ängstlich. Am dritten Tag ist nichts Besonderes. Am vierten habe ich meinen Hund verloren.

Ja, klar, ebenfalls alles äussere Bedingungen, die ich entsprechend bewerte und darauf reagiere. Aber es gibt auch noch das andere: Da stehe ich morgens auf und bin aus unerklärlichen Gründen froh und es ist hell in mir, und an anderen Tagen bin ich aus ebensolch unerklärlichen Gründen bedrückt, gereizt, etc.

Der plakative Ratschlag, der einem nach diesem Beispiel um die Ohren gehauen wird, heisst: Du musst nur deine innere Einstellung ändern, und schon bist du glücklich. Du hast es also in der Hand und bist selber schuld, wenn es nicht klappt.

Na ja, so einfach ist das nicht. Ich kann nicht auf Knopfdruck etwas gelassen ansehen, was mich gerade noch geärgert hat und es mit einem Lächeln wegwischen: Ach, ist doch nur…. nimms nicht so tragisch!
Wenn ich ehrlich bin, funktioniert das nicht. Ich hätte gern solche Instant-Lösungen, klar.

Bevor ich mit einem Gefühl oder einer Reaktion von mir umgehen, sie verändern kann, muss ich sie annehmen. Ich muss hinsehen, beobachten, feststellen, was ist, ohne zu werten. „Aha. Ich ärgere mich.“ Einfach nur wahrnehmen, sonst nichts. Dann passieren interessante Dinge: Das, was ich beobachte, bin nicht ich selbst. Ich spüre auf einmal, wie der Ärger wieder weggeht.

Ein Bild dafür: Es ist das innere Kind, das sich geärgert hat und wenn ich es, ebenso ärgerlich beiseite schiebe, weil es mir lästig ist, ich es nicht haben will und seine Gefühle nicht ernstnehme, dann meldet es sich wieder. Wenn ich aber hinsehe und es wahrnehme, dann darf es ärgerlich sein.
Es ist wie bei einem Kind aus Fleisch und Blut: Der Ärger ist nicht länger wichtig. Es wurde gesehen. Das genügt.
Beim nächsten Mal kann ich es fragen, warum es sich ärgert. Kann ihm zuhören. Beim nächsten Mal kann ich es fragen, ob ärgern sich lohnt und wie man eine Lösung finden könnte. So verändert sich die Situation. So verändert sich auch die innere Reaktion.

Diese Art, damit umzugehen, verschärft das Problem oder die Emotion nicht, wie viele meinen. Es ist kein Werten, kein Aufbauschen, kein Abwerten. Es ist ein einfaches Wahrnehmen und damit ein Annehmen. Ich gebe mir selbst Annahme und Wertschätzung. Ich höre mir zu. Ich nehme mich ernst.
Gefühle sind ja nicht überflüssig. Sie sind für etwas da. Sie sagen mir etwas. Wenn ich hinhöre, dann kann ich etwas lernen, dann kann ich den Weg finden.

Darüber hinaus lehrt mich das, mit den Gefühlen anderer umzugehen. Nämlich genau gleich: Aha. Du bist verärgert. Warum bist du es? Kannst du etwas ändern? Gibt es einen Weg, damit umzugehen?

Es braucht Übung. Es ist keine Instant-Lösung, ganz und gar nicht. Aber es bringt nachhaltige Veränderung.

Werbeanzeigen

Ent-Täuschung

Manchmal hofft man.
Man hofft, dass Dinge sich ändern. Aber Dinge ändern sich nicht einfach so.
Man hofft, dass Menschen sich eines Tages abgewöhnen, die Schuhe im Treppenhaus liegen zu lassen. Aber sie tun es nicht.
Man hofft, dass Menschen sich öffnen, aber sie tun es nicht.

Man hofft, immer wieder.
Eines Tages gibt man die Hoffnung auf. Aber in Wahrheit hat man nur aufgehört, sich selbst zu belügen.

Grenzen der Selbstliebe

Sich selbst zu lieben heisst, gut für sich zu sorgen. Ich nehme meine Bedürfnisse wahr und ernst und äussere sie, ohne mich an deren Erfüllung zu haften innerlich und ohne andere zu überfahren.

Es gibt aber etwas, das ich brauche und mir nicht selbst geben kann: den Austausch  zwischen zwei Seelen. Ich kann eine Zeitlang ganz gut ohne, genüge mir selbst. Und dann kommt irgendwann der Zeitpunkt, an dem das nicht reicht. Ich brauche Austausch mit anderen Menschen und zwar nicht über das Wetter oder das neuste Weltgeschehen, sondern ich brauche eine tiefe Begegnung. Ich brauche es, gesehen und verstanden zu werden in meinem ganzen Wesen. Ich brauche umfassende Resonanz, nicht primär als Bestätigung, sondern als Bereicherung und Erweiterung.
Bis zu einem gewissen Grad kann das auch anderer „Input“, anderweitige Anregung übernehmen: Bücher, Filme, Vorträge, das Internet, aber eben nur bis zu einem gewissen Grad. Ich habe, seit ich mich als wachsend und unterwegs begreife, immer den Austausch mit und die Anregung von anderen Menschen gesucht.

Vielleicht gibt es noch mehr solche Dinge. Das hier habe ich eben auf meiner Reise zu mir selbst entdeckt. Angeregt durch das Nachdenken über die Kommentare hier.

Ist Selbstliebe dasselbe wie Egoismus?

Ich möchte euch ein wenig von dem Weg erzählen, der mich zu dieser Entscheidung brachte. Von der stillen inneren Revolution, die ich erst jetzt im Nachhinein ganz klar sehe. Leise und langsam wuchs dieses Neue.

Selbstliebe war ein erstes Stichwort, das mir begegnete. Ich mich selbst lieben lernen? Erst einmal empfand ich so etwas wie Abscheu und eine Furcht, dann nur noch um mich selbst zu kreisen. Was für eine schreckliche Vorstellung.
Aber jemand liess nicht locker. Das Thema kam von verschiedenen Seiten auf mich zu und wenn das geschieht, weiss ich, dass es wichtig ist. Ich las, was mir vor die Augen kam, beherzigte, was mir meine Freunde sagten und begann, mich mit dem Thema zu befassen. Und wie das Leben so schön spielt, gab es einen Anlass zur praktischen Umsetzung.

Eines Morgens konnte ich kaum mehr aus der Badewanne kraxeln, der Rücken tat mir von Null auf Hundert so weh. Eine goldene Gelegenheit, für mich selbst zu sorgen. Ein Freund hatte mir immer wieder gezeigt, wie das gehen könnte: für mich selbst sorgen. Von ihm ermutigt, machte ich einen Termin beim Chiropraktor. Volltreffer. Ich fühlte mich vom Arzt sehr ernstgenommen und die Behandlung war eine Wohltat. Er riet mir, mich leicht zu bewegen: „Machen sie einen Spaziergang heute Nachmittag.“ Was ich tat.
Auf diesem Spaziergang dachte ich über die Behandlung nach und wie gut sie mir tat, wie gut mir das Spazieren tat, und ich begriff, dass ich mich gerade selbst beschenkt hatte. Da war auf einmal eine Freude in mir und Liebe. Ich betrachtete diesen Menschen (mich selbst), der da vorsichtig sich bewegte und lernte und fragte und wuchs mit Liebe.
Es war nicht das erste Mal, dass ich es gut fand, dass es mich gibt. Diesmal aber war es anders. Das Gute kam von mir selbst und löste genauso ein gutes Gefühl aus, wie wenn mir jemand anderer gut getan hätte. Ich freute mich darüber, dass ich es geschafft hatte, mich selbst zu beschenken und mir ging ein Satz durch den Kopf:

Man kann sich Dinge aus Trotz oder aus Liebe gönnen.

Danach wagte ich auch im Alltag, mir zu überlegen, wie ich mir selbst guttun könnte. Wer, wenn nicht ich, ist verantwortlich dafür, dass ich bekomme, was ich nötig habe? An meinem Geburtstag zum Beispiel, beschenkte ich mich mit einem Ausflug auf einen Aussichtspunkt und als hätte der ganze Himmel auf so etwas gewartet, fand ich eine atemberaubend klare Fernsicht, strahlenden, warmen Sonnenschein und tief in mir eine helle Freude. Ein zweites, sehr ermutigendes Erlebnis.

Was ich tief in mir entdeckte, war ein warmes, starkes Gefühl. Eine Liebe, die sich verschenken möchte. Aber ich spürte auf einmal, dass sie mir gilt. Ich konnte mich auf einmal als meine beste Freundin ansehen, mit allen Gefühlen, die dazu gehören. Ich war ehrlich und tief betroffen, wie ich mich bis dahin behandelt hatte. Ich empfand tiefes Mitgefühl für den Schmerz, den mir meine selbst aufgeladenen Lasten und die mangelnde Selbstfürsorge zugefügt hatten. Es war alles andere als Selbstmitleid.

In dieser Richtung suchte ich weiter. Ich versuchte, mir selbst gut zu tun weil ich begriffen hatte, dass ich der einzige Mensch bin, mit dem ich bis an mein Lebensende zusammen bin und dass ich niemandem etwas nütze und auch nicht meiner Bestimmung nachkommen kann, mich nicht verschenken kann, wenn ich mit mir selbst nicht klarkomme, mich nicht mit mir aussöhne, nicht mein bester Freund werde. Alles Binsenwahrheiten, aber es ist ein himmelweiter Unterschied, wenn man das plötzlich mit ganzem Wesen begreift und umsetzt.

Was mich sehr überraschte: Selbstliebe hat nichts, gar nichts mit Egoismus zu tun. Es ist eher sowas wie das Gegenteil. Schuldgefühle,  Selbstvorwürfe, Selbstmitleid sind Egoismus weil sie verhindern, dass ich Verantwortung für mich (und im zweiten Schritt für andere) übernehme und weil ich sie zu diesem Zweck innerlich als Ausrede vorschiebe.
Wirkliche Selbstliebe ist sehr demütig, aber im reinen Sinn des Wortes. Das zu beschreiben, fehlen mir irgendwie die richtigen Worte.

Ich habe diesen Wandel noch nicht ganz erfasst. Ich beobachte und bin berührt und ergriffen über seine Tiefe und seine Auswirkungen. Glück ist plötzlich erreichbar, greifbar nahe, nicht mehr in erster Linie von äusseren Dingen und auch nicht von Gefühlen abhängig. Ich bin ein wenig mehr bei mir selbst angekommen.