Amazing Grace

Es wurde in den letzten Monaten immer stiller hier. Das liegt einerseits an meiner neuen Arbeitsstelle, die mit einem halben Pensum auf meiner Zeitrechnung doch ziemlich zu Buche schlägt, aber es liegt auch daran, dass mir zunehmend die Worte fehlen. Es ist, als ob ich eine neue Sprache finden müsste, für das, was mich beschäftigt und was ich erlebe. Doch so einfach ist das nicht. Mir scheint, der innere Zensor ist, warum auch immer, strenger als früher. Manchmal versuche ich, etwas mit Worten einzufangen, aber wenn ich meine, es erwischen zu können, wird es vor meinen Augen durchsichtig und ich steh mit leeren Händen da. Es gelingt mir nicht, das, was hinter den Worten ist, wiederzugeben.

Und in dieser Haltung gehe ich momentan durchs Leben: mit offenen, leeren Händen. Staunend, was passiert. Staunend, was  mir geschenkt ist. Wie viel ist es! Wie leicht ist es auf einmal, nichts zu erwarten und nichts zu steuern. Ich weiss gar nicht, wie das gekommen ist. Ich weiss gar nicht, was genau sich geändert hat, aber es scheint alles anders zu sein. Ich bin angekommen und doch weniger sesshaft und eingebürgert, als je.

Manchmal frage ich mich staunend, ob das wirklich alles für mich ist. Manchmal frage ich, ob diese Leichtigkeit, diese andere Farbe und das andere Licht bleiben, wenn die Umstände wieder anders kommen. Und das werden sie bestimmt! Das Leben ist so.

Bis dahin setze ich mich morgens ins Auto, dankbar, dass es fährt und gross genug für alle Alltagsanforderungen ist. Ich gehe mit dem Hund spazieren und freue mich, dass dieser langgehegte Traum in Erfüllung gegangen ist. Ich mache meine Arbeit im Bewusstsein, den schönsten Beruf der Welt zu haben. Ich sehe meinen Teens beim Essen zu und denke, was für ein Glückspilz ich doch bin,  zwei so tolle Menschen begleiten zu dürfen.

Es gibt die anderen Momente auch. Traurigkeit. Sorgen. Angst. Krankheit. Unruhe mit einem leeren Gefühl. Fragen. Nichtverstehen. Aber das hat nicht so viel Gewicht. Es kann mir nicht so viel anhaben. Es ist nicht wichtig. Und wenn ich dann hier etwas davon teilen möchte, dann klingen meine Worte so überheblich. Es klingt so simpel wie das, was mich früher immer so aufgeregt hat. Und dann lasse ich es einfach sein. Ich kann ja doch nicht richtig sagen, dass ich selber mich gross und klein zugleich fühle und ergriffen vor diesen Gaben und meinem ganzen Leben stehe, wissend, dass jedes Quäntchen davon Gnade ist. Wohltuende, unbegreifliche, erstaunliche Gnade.

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3 Gedanken zu “Amazing Grace

  1. Ich kann ja doch nicht richtig sagen, dass ich selber mich gross und klein zugleich fühle und ergriffen vor diesen Gaben und meinem ganzen Leben stehe, wissend, dass jedes Quäntchen davon Gnade ist. Wohltuende, unbegreifliche, erstaunliche Gnade.

    Ja, ein sehr weiser Satz

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