Vom Sprechen, vom Schweigen und vom Du

Der weibliche Wille zu sprechen, um zu sprechen, ohne zu wissen, was es exakt sagen will, ist ein Sprechen, um nichts zu sagen, damit das Unmöglich-zu-Sagende, das in den Worten widerhallt wie in einem hohlen Instrument, hörbar wird.
Luisa Muraro

Das Dumme ist nur, wenn man weiss, dass man kaum Worte finden kann für das, was man eigentlich sagen will und  niemand da ist, der das Unmöglich-zu-Sagende hören möchte, niemand, der Geduld hätte, endlosen Geschichten zuzuhören, die mit dem ersten Satz schon sagen, dass sie das Unmögliche nicht auf den Punkt bringen können.

Dann hängt man zwischen Schweigen und Reden, suchend nach Ausdruck, verstummend, als ob einem das Wort im Hals stecken bliebe, die Wünsche wie Hände, mitten in der Geste erstarrt, langsam sinken lassend.
Man gibt die Suche auf. Die Suche nach dem Unbekannten, Unmöglich-zu-Sagenden, der und das sich offenbart zwischen den Worten, und in der Suche wohnt und im Klang.

Unversehens, und das ist der Sinn solchen Sprechens, ohne zu wissen, was es exakt sagen will, bin ich auf Tiefstes gestossen. Mit meinem ganzen Leben und Sein möchte ich Ausdruck und Klang dieses Unsagbaren werden, bin es schon. Längst. Zwei rote Fäden, Aufträge in meinem Leben. Vielleicht einer. Gott suchen und andere dabei mitnehmen. Anbetung. Lehrerin. Beides im weitesten Sinne verstanden. Was in mir ist, ausdrücken, verschenken und weitergeben, leben mit anderen, anderen helfen, es auch zu tun. Und (vielleicht so) das Unmöglich-zu-Sagende sagen.

Alles braucht das Du.

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Verschenkt

Immer wieder renne ich hinaus auf die offene, ungeschützte Fläche. Um mich und in mir leuchten Freude und Liebe, hell und warm. Ein paar Schritte neben mir beginnt undurchdringlicher, schwarzer, weiter Raum. Das Licht lockt mich und ich rufe mein Herz in die Weite hinaus. Dort hin, wo die frischen Schneespuren sich im Dunkel verlieren.

Mein Lied verklingt. Alles bleibt still.

Erst warte ich atemlos, damit ich das Flüstern hören könnte, dann lausche ich lange in das Schweigen.
 
 
 
 
 
 
Leise geh ich wieder in die schmerzende, ungefüllte Leere.

Immer wieder renne ich dort hinaus. Singe Wärme in die Kälte. Rufe das Licht in die schwarze Weite. Und lasse ein Stück meines Herzens da. Unermüdlich.
Ich kann nicht anders. Ich verstehe es nicht.

Vielleicht, dass ich eines Tages mein Herz verschenken kann, ohne auf das Flüstern zu warten und ohne verstehen zu wollen. Vielleicht ist es das, was mich der Himmel lehren will.

Bild von Jérôme Bon

Über die Worte

Worte, was sind sie? Was können sie?
Schon oft und seit sehr langem mache ich mir darüber Gedanken. Schon ein paar Mal habe ich es auch hier thematisiert.
Mir ist bewusst, dass dies ein etwas mühsam zu lesender Artikel geworden ist. Sieh es einfach als Sammlung von Aspekten und Gedanken, die zusammen einen Teil des Bildes ergeben.
Wenn du Zeit und Lust zum Lesen und Vertiefen hast, klick auf die Links.

In erster Linie sind Worte für mich eine Übersetzung.
Worte sind nicht die Sprache unseres Herzens und nicht die unseres Geistes.
Wir ahnen und spüren Dinge, die wir nie in Worte kleiden könnten. Dann nehmen wir Bilder, die das einfangen, was wir sagen wollen, aber es bleibt Übertragung.

Worte sind wie eine Hülle.
Sie transportieren Inhalt. Einen Inhalt, den sie nicht anfassbar und vorallem nicht erfahrbar machen können. Und doch transportieren sie diesen Inhalt. Ist am anderen Ende ein offenes Herz, ein offenes Ohr, dann kommt das, was wir transportieren wollen, an, und im Inneren dieses Menschen resoniert etwas, fängt etwas an zu schwingen. Die Worte sind das Gefäss, aber nicht der Inhalt.

Worte können zerstören. Vertrauen zerstören. Jemanden verletzen. Jemanden treffen.
Worte können aufbauen. Jemandem Mut machen. Jemandem gut tun. Liebe vermitteln.
Ist es das Wort selbst, das zerstört oder aufbaut? Wirkt in gleicher Weise das Unausgesprochene?
Ich meine, Worte sind Materie gewordener Geist. Sie sind mehr als Gedanken oder Wünsche. Sie haben Kraft. Positiv wie negativ.
Es ist nicht egal, ob etwas ausgesprochen oder geschrieben wird, oder nicht. Wenn wir etwas in Worte kleiden, dann festigen wir, verstärken wir. Wir machen etwas deutlich. Wir teilen mit. Dies alles bewirkt, dass der Gegenstand des Gesagten in den Gedanken anderer Menschen präsent wird. Sie denken darüber nach, spinnen den Faden weiter und verstärken, vermehren damit weiter. Sie geben vielleicht das Ihre dazu und teilen wiederum mit.

Worte halten etwas fest.
Wir formulieren das ja auch so. Erst gerade habe ich herausgefunden, dass es weitere, feinere Ebenen gibt. Ich kann dadurch etwas festhalten im Sinne von nicht wieder hergeben wollen. Und dann verliere ich es. Nicht unwiderbringlich, aber es ist, als ob ich erobertes Land wieder abgebe.

Ich habe letzthin das Bild vom Küken im Ei gehört. Vieles braucht diese Zeit in der geschützten Verborgenheit der Schale, wird diese zu früh aufgebrochen, so stirbt, was werden wollte.

Es gibt die richtige Zeit, etwas zu sagen.
Worte können etwas zerstören, wenn wir sie zu früh sagen. Vielleicht nicht unwiderbringlich zerstören, aber kaputt machen für den Moment. Das Zarte, das gerade deutlich werden wollte, sich scheu zeigte, wird wieder vertrieben und dann kann es lange dauern, bis wieder die Zeit kommt dafür. So ähnlich, wie wenn wir jemandem ins Wort fallen, bevor er richtig sagen konnte, was er sagen wollte. Das Zarte zieht sich zurück und schweigt bis wir wieder leise, demütig und ehrfürchtig genug sind, es zu hören.

In eine ähnliche Richtung geht das Zerreden von etwas. Mit einem Zuviel zerstören wir auf die selbe Art wie mit einem Zufrüh.

Das bedeutet nun nicht, dass wir Angst haben sollten, etwas zu sagen, und damit etwas falsch zu machen. Schuld ist keine Kategorie, in der Leben gedeiht und Kostbares weitergegeben wird.

Worte gehen wenig tief, wenn ich das Eigentliche betrachte, das ich ausdrücken möchte. Ja. Sie sind ja sozusagen nur die Spitze des Eisberges.
Auch ich finde oft die Worte nicht für das, was ich sagen will. Je länger, je weniger, sogar. Aber es ist nicht nötig, die ganze Tiefe mit Worten auszuloten. Ich kann nur einen Bruchteil ausdrücken. Alles andere kann ich nicht in Worte kleiden, auch nicht für mich selbst, in der Stille und in Gedanken.
Dennoch transportieren diese wenigen, dürftigen Bilder alles, um zu verstehen. Nicht mit dem Verstand, aber mit dem Herzen. Die Hülle, das Wort, ist das Gefäss für die ganze Tiefe und transportiert diese auch.
Und deshalb hat es Sinn, dennoch zu erzählen und zu teilen, auch wenn unsere Worte unbeholfen und unzulänglich sind. Man sagt ja auch: „Ich liebe dich.“ und legt sein ganzes Herz und Wesen in diese drei Worte, die niemals ausdrücken könnten, was man meint. Sie drücken es dennoch aus.
Die Erfahrung, die kann man dem anderen nicht vermitteln, das ist klar. Ich kann nicht sagen: So und so ist innere Stille. Und der andere, der es nie erfahren hat, weiss, wovon ich rede. Trotzdem kann er eine Ahnung davon bekommen und es kann Sehnsucht geweckt werden, diese Erfahrung ebenfalls zu machen. Seinen Weg, seine eigene Stille zu finden, dazu muss er sich selbst aufmachen.

Mit der Zeit werden die Worte weniger und ihr Inhalt gehaltvoller. Das wäre dann die höchste Kunst: mit wenigen Worten alles zu sagen.

So weit meine lose Sammlung von Blickwinkeln für den Moment. Auch wenn sich einzelne Aspekte zu widersprechen scheinen, so tun sie es nicht. Das Wort ist ein Geheimnis, das man nicht fassen kann.

Vom Teilen des Innersten

Ich beobachte seit längerem ein Phänomen, das das Erzählen von inneren Dingen begleitet. Wenn ich etwas Neues entdeckt oder erlebt habe, möchte ich es weitergeben und teilen. Meist beginnt es damit, dass ich ein inneres Ziehen spüre, in Worte zu fassen, was passiert. Oft ist dieses Schreiben ein Teil meiner Verarbeitung, ein Teil meines Sortierens, Teil meiner Wegfindung. Aber ich möchte auch erzählen, wie diese unsichtbare Welt sich anfühlt und wie ich sie erlebe. Weil ich hoffe, dass jemand sich in den Worten findet, den Faden weiterspinnt, etwas Eigenes daraus macht. Ich fliesse über vor Dankbarkeit und Ehrfurcht, deshalb teile ich.
Manchmal zu schnell und zu viel.
Und dann spüre ich etwas. Meine Gefühle, die so viel mehr als Gefühle waren, verblassen, gehen vorüber, postwendend. Ich verliere etwas. Terrain, das ich eben eroberte. Was ich eben noch „wusste“, kommt mir abhanden, als ob ich es weitergegeben hätte um es festzuhalten. Worte, die man weitergibt, haben stärker die Wirkung, etwas festzuhalten. Es gibt sogar die Formulierung: „Ich halte fest, dass….“

Ich darf mich nicht so blosslegen, ahne ich. Jedenfalls nicht so rasch und unmittelbar. Nicht, weil ich etwas zu verbergen hätte oder weil es missbraucht würde – das ist mir zum Glück bisher nicht passiert – aber weil dieses innere Erleben zart und zerbrechlich ist und Scheu das Erzählen begleiten soll, um es zu schützen. Weil ich es erst eine Weile bei mir behalten muss um es nicht festhalten zu müssen. Um es wirklich weitergeben zu können. Aus der Hand geben zu können.

Ich weiss nicht so genau, wie ich damit weiter umgehen soll. Das wird sich mir erschliessen.
Ich möchte lernen, ganz genau zu beobachten. Hinzuhören. In mich. Und mich führen zu lassen. Ich bin allein mir und Gott verantwortlich. Aber das bin ich.

Indem ich dies schreibe und mit diesem Entschluss wächst es wieder. Ich gewinne mein inneres Land zurück. Und dies darf ich schreiben. Das spüre ich.

Das Geheimnis

Die geistige Welt ist unseren Sinnen nicht zugänglich, und dem Verstand auch nicht. Um miteinander zu teilen, einander zu erzählen von unserem Erleben, nehmen wir Bilder zu Hilfe. Wir brauchen Worte, die im Grunde das nicht beschreiben können, was wir sagen wollen. Was wir sagen, bleibt immer eine Übersetzung, eine Übertragung.

Alle Religionen haben ihre eigenen Bilder und Worte gefunden. Manchmal spüren wir, dass ein anderer genau das gleiche meint, aber ein anderes Bild zu Hilfe genommen hat, sein Erleben zu teilen. Wir bleiben alle Suchende und Gott bleibt der Unfassbare.

Wenn wir etwas begriffen, etwas erkannt haben, uns ein Licht aufgegangen ist und wir etwas Wichtiges gelernt haben, möchten wir unsere Freude weitergeben weil wir wissen, wir sind Beschenkte und wünschen, dass andere es genauso sein mögen.
Wo unsere Worte in ein offenes Herz fallen, dürfen sie etwas bewegen und anrühren, vielleicht sogar weiterhelfen und erleichtern.

Das Wichtige an diesen Bildern sind nicht die Details, nicht die Bilder selbst, sondern das, was sie transportieren.

Wenn ich zum Beispiel nicht weiter weiss und dieses Am-Ende-Sein Gott anvertraue, ihm vertraue, dass er weiter weiss und mich da hin führt, dann ist das ein Bild. Ein Bild, das eine ganz bestimmte Haltung in meinem Herzen „macht“. Ich lasse los. Ich mische mich in etwas nicht mehr ein. Ich halte an. Ich vertraue. Das bedeutet, ich denke über dieses Aufgeben nicht negativ, sondern mit der inneren Sicherheit, dass es richtig ist und gut kommt.

Es ist zweitrangig, ob es Gott so gibt, wie ich es mir vorstelle, ja, ob ich mir überhaupt eine Vorstellung von ihm mache. Es ist aber wesentlich, dass ich von mir weg sehe. Dass ich das, worin ich nicht weiterkomme, etwas Höherem anvertraue.
In diesem Moment mir selbst zu vertrauen ist richtig und wichtig und gut. Aber es ist nicht alles. Ich bin ja gerade am Ende. Am Ende von dem, was ich mir auch über mich selbst vorstellen kann. Am Ende meiner bisher bekannten Möglichkeiten. Ich brauche Flügel. Flügel, die mich heraustragen aus der Unmöglichkeit. Flügel, die mich hineintragen in mein Innerstes, auf meinen Grund. Dorthin, in die Stille, wo Gott in mir wohnt. Es ist ein mich Ausstrecken nach innen und aussen zugleich.

Und weil ich über mich selbst hinaus und in mich selbst hinein wachsen muss, um weiterzukommen, vertraue ich Gott. Weil er das ist, was ich nicht fassen kann. Weil er immer grösser ist. Weil er das Geheimnis ist. Weil diese Vergleiche und Bilder und die Sprache, die ich dafür habe, das Geheimnis Gottes transportieren können, so, dass mein Herz versteht und das Richtige tut.

Ich vermag das meiste davon nicht wirklich auszudrücken. Aber vielleicht können meine unbeholfenen Worte dennoch mitteilen, was ich meine.