Geschenk oder Geschäft

„Ich habe alles für ihn getan! ALLES!…… Und das ist jetzt der Dank!!!?“

Wer hat diesen Satz nicht schon gehört? Wir fühlen mit. Die arme Frau (Männern passiert das glaube ich nicht so oft) hat sich aufgeopfert für jemanden und er würdigt das nicht so, wie sie sich gedacht hat.

Nein!

Die arme Frau hat nicht gemerkt, dass sie ein Geschäft machen wollte und das Gegenüber gemeint hat, ein Geschenk zu bekommen.

Ein Geschäft ist etwas anderes als ein Geschenk. Ein Geschäft ist ein Tauschhandel. Ich gebe dir etwas und du gibst mir dafür etwas anderes. Geld gegen Dienstleistung. Gefallen gegen Gefallen. Liebesdienst gegen Liebesdienst.

Wenn man aber jemandem ein Geschenk macht, dann braucht das keine Gegenleistung. Ein Geschenk ist ein Geschenk. Es gibt keine Bedingungen, sonst ist es kein Geschenk, sondern ein Geschäft. Wenn an ein Geschenk bestimmte Auflagen gebunden sind, dann ist es Sponsoring, Stipendium oder wie auch immer – eben Geschäft. Aber kein Geschenk.

Also, liebe Frau und lieber Mann: Spür nach, wo du gibst, einfach um zu schenken, und wo du ein Gegengeschäft in irgend einer Form erwartest: Lob, Anerkennung, Bewunderung, einen Gegengefallen, einen Liebesdienst…etc.

Wenn es ein echtes Geschenk ist, macht es dich glücklich, es zu schenken, auch wenn du nichts zurückbekommst. Es hinterlässt eine tiefe, stille Freude und ein Gefühl, das Richtige auf die richtige Art gemacht zu haben.
Wenn es in irgendeiner Weise ein ungutes Gefühl hinterlässt, das Gefühl, ausgenützt zu werden oder zu kurz zu kommen oder etwas in der Richtung, dann war es kein Geschenk, sondern ein Geschäft.
Auf der Basis dieses Wissens kannst du weitergehen und handeln.

je älter, je unglücklicher?

Peter, ich danke dir für deine Fragen. Das ist meine Antwort auf deine Kommentare zu Es ist, was und wie es ist.
Aber ich schreibe auch für alle anderen, die hier lesen.

Ja, je mehr ich bewerte, desto unwahrscheinlicher wird das Glück. Ganz allgemein.
(Und Glück ist ja nicht nur, eine Beziehung zu haben. Manch einer, der in einer solchen ist, würde das Gegenteil behaupten ;-))

Es gibt für mich sowas wie zwei Handlungsseiten.
Die eine ist eine kontrollierende, bestimmende. Zumindest meine ich, ich könne alles steuern. Auf dieser Seite ist Bewerten. Ist Eingreifen. Ist mir vorstellen, wie ich es gerne hätte. Ist auch, mir ausmalen, wie schön etwas sein wird. Ist alles in die Wege leiten, damit es so wird. Selbermachen. Ist auch mir vorstellen, wie andere dann reagieren und handeln und entscheiden. Ist planen bis ins kleinste Detail und alles bestimmen wollen. Und sind Enttäuschungen weil: Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. So gut wie immer.

Auf der anderen Seite ist ein Gewährenlassen. Ein Ja zu dem, was ist. Ein einfaches Betrachten (statt bewerten). Also Aufmerksamkeit und Bewusstsein.
Ich schaue es an und sage, so ist es, ohne zu werten, ob das gut oder schlecht sei. Das kann ich ja nicht wissen, weil ich nicht mein ganzes Leben sehe und nicht die Auswirkungen, die eine Sache wirklich hat.
Und dann kann ich handeln, wenn etwas nicht so ist, wie ich erträumt habe. Gerade so weit, wie ich für mich selbst handeln und entscheiden kann, so weit, wie es in meinen Möglichkeiten liegt.
Nachher muss ich wieder loslassen. Mich vom Fluss des Lebens tragen lassen und schauen, was jetzt passiert.
Wie andere auf mein Handeln reagieren, liegt weder in meiner Verantwortung noch in meinen Möglichkeiten, es zu steuern.

Seit langer Zeit bin ich auf dem Weg, von dieser einen Seite zur anderen. Es ist nicht ein Weg von A nach B, sondern er findet eher in Kreisen statt. Ich bin noch lange nicht fertig damit und es gibt immer wieder eine neue Schlaufe und nochmal eine, wenn ich Details noch immer nicht begriffen und verinnerlicht habe oder wenn ich noch eine weitere Facette dazulerne.
Dieser Weg ist nicht einer, den ich mir einfach so befehlen kann, sondern einer, der langsam in mir wächst. Einer, auf dem ich mich von meinem Inneren führen lasse.

Ich bin viel gelassener geworden. Ich habe erlebt, dass es viel besser kommt, wenn ich es Gott, dem Universum, dem Leben, oder wie du dieses Allumfassende nennen möchtest, überlasse, statt es mit meiner kleinen, begrenzten Sicht selbst in die Hand zu nehmen. Ich bin deshalb nicht passiv (siehe oben).

Ich werde glücklicher und glücklicher, je weiter ich gehe und je älter ich werde. Das heisst nicht, dass ich ständig mit einem Lächeln durch die Gegend laufe, sondern, dass ich die Kraft und das Leuchten in mir immer deutlicher spüre. Ich komme der Liebe immer näher. Und das zeigt sich nicht in einer äusseren Beziehung – eine solche liegt gerade in Scherben – sondern in einem Wachsen nach innen, zu dem Ort in mir, der pure Liebe ist.

Eines Tages, vielleicht gerade dann, wenn du gelernt hast, mit dem Fehlen dessen zu leben, was du dir so sehr wünschst, wird es an deine Tür klopfen.
Ich wünsche dir von Herzen Geduld, Vertrauen und Zuversicht. Bleib dran! Du wirst den Weg finden.
Und wenn mein Schreiben hier ein bisschen Licht bringen darf, so ist es das, was ich mir davon erhoffe und weshalb ich es tue.

Es ist, was und wie es ist.

Ich übe also das Nichterwarten und gleichzeitig das Loslassen des Pendels.

Und als die nächste Gelegenheit dafür kommt, versuche ich, mir möglichst nichts vorzustellen, bin einfach da und geniesse, was ist. Der Verstand möchte fragen und Vorbehalte anbringen. Ich lasse ihn nicht zu Wort kommen. Heute will ich nur den gegenwärtigen Augenblick sehen. Mein Herz, meine Hände sind offen, zu geben und zu empfangen. Ohne Ziel und Absicht. Ohne irgendwas zu steuern.

 

Ich spüre, an dem, was ist, ist nichts falsch. Der Schmerz kommt erst, wenn ich mich daran festzuhalten versuche. Er kommt erst, wenn ich erwarte, etwas zu bekommen. Er kommt, wenn ich erwarte, dass anhält oder sich wiederholt, was schön war.

 

Leise schieben sich in mir ein paar Dinge an die richtige Stelle und ich sehe zu, wie der Schleier sich auflöst, wie Morgennebel in der Sonne. Ein neuer Weg liegt da, frisch und unberührt, und lockt mich.

 

In diesem Morgenlicht sehe ich zurück und begreife, dass das, was trägt, nicht die Träume, die Wünsche und die Erwartungen sind. Was trägt, ist das, was ich in der Wirklichkeit antreffe. Das, was im Leben wirklich da ist. Gesagt, getan und erlebt.

Eine Beziehung ist das, was sie ist, nicht das, was sie hätte sein können. Das Leben ist das, was es ist, nicht, was ich erwartet und erträumt habe.
Träumen ist deshalb nicht falsch. Aber wenn ich nie etwas dafür tue, und wenn nie konkret wird, was sein könnte, dann zerbreche ich eines Tages an meinem Traum. Oder ich resigniere und gebe auf. Oder ich lasse ihn los.

 

Die Wirklichkeit trägt nicht nur, sie zählt auch.
Ich kann also hoffen, träumen, sogar erwarten, aber weitergehen kann ich nur mit dem, was ist.

 

Es ist, was es ist, sagt die Liebe. Dieser Satz von Erich Fried hat eine ganz neue Farbe bekommen.

Pendel

Ich glaube, ich habe allgemein Schwierigkeiten, Veränderung von schönen Sachen zu akzeptieren. Das Schöne geht vorbei. Ich möchte es festhalten und wiederholen. Insbesondere in Beziehungen.
Ich denke immer, es müsste besser und schöner und tiefer werden, mit jedem Mal, aber das ist nicht möglich.
Ich folgere also, dass etwas kaputt gegangen ist oder nicht mehr stimmt, wenn es nicht besser wird, aber das ist falsch.

(Das wäre etwas, was man in Bezug auf Wirtschaft auch so formulieren und durchdenken könnte.)

Wenn Distanz spürbar ist, hab ich Angst, es könnte nie mehr so werden, wie es einmal war. Ich glaube nicht daran und vertraue nicht, dass der nächste Sommer bestimmt kommt. Ich fühle mich gedrängt, etwas zu tun, damit die Distanz sich verringert oder verschwindet. Oder ich resigniere.

Es ist normal und natürlich und ein ewiges Gesetz, dass das Pendel auch in die andere Richtung schwingt. Dass es ein Atmen ist. Ein und aus. Wir begegnen einander und entfernen uns wieder.

Ich möchte das Pendel festhalten. Aber dann könnte nichts mehr schwingen.
Loslassen bedeutet, auch die Möglichkeit eines „nie mehr“s in Betracht zu ziehen, denn das Pendel schwingt zwar zurück, aber nicht mehr an die gleiche Stelle. Wir steigen täglich in denselben Fluss, aber es ist nie das gleiche Wasser.

Mir fällt solches Loslassen schwer, so lange ich nicht vorbehaltlos auf ein anderes, neues „wieder“ hoffe und vertraue.
Das Dumme ist nur, dass solches Vertrauen eben nur mit dem Loslassen und Erleben wächst, dass das Schöne wieder kommt. Anders.

Ein- und Aussichten

Figlia geht heute Morgen mit der Schule ins Freibad. Nach einer halben Stunde kommt sie zurück: „Ich hole schnell das Mätteli weil Barbara* ihre Luftmatratze vergessen hat. Sie kann sonst nicht ins Wasser wegen dem Knie!“ „Ok“,  rufe ich und freue mich, dass sie ganz selbstverständlich annimmt, dass ich ihr meine von allen heissgeliebte aufblasbare Isomatte leihen werde. ‚Das mit der Grosszügigkeit‘, denke ich ‚habe ich gut hingekriegt.‘

Eine Weile später ruft ihr Lehrer aus dem Bus an, entschuldigt sich, dass er mit der Klasse schon losgefahren ist und meint, sie könne doch einfach den nächsten Bus nehmen und an der Schwimmbadkasse soll sie sich mit ihrem Namen melden, er teile mit, dass sie noch nachkomme. Ob sie vielleicht das Handy bei sich habe? Nein. Natürlich nicht. Ist ja während der Schulzeit verboten.
Ich hoffe also, dass sie es wagt, einfach den nächsten Bus zu nehmen.

Figlia kommt zurück, wie ich insgeheim befürchtet habe. Sie ist aufgebracht weil der Lehrer nicht gewartet hat und findet, sie gehe nicht mehr. Ich finde schon.
Ich suche ihr eine Busverbindung damit sie nicht zur weiter entfernten Station zu Fuss gehen muss und sage ihr, dass ich ihr die Fahrkarte bezahle und was ich mit ihrem Lehrer für den Eintritt ins Bad vereinbart habe.
Sie will nicht. Ich rege mich auf und zwar am meisten darüber, dass sie nicht selbstbewusst und ohne Angst an der Schwimmbadkasse ihren Namen nennen will, dass sie solche Courage einfach nicht hat.

„Ich nehme das Zehnerabo mit“, sagt sie. „Nein“, entgegne ich, „Den Eintritt kannst du aus dem Taschengeld bezahlen. Du kannst ja auch einfach hingehen und deinen Namen sagen. Ist doch nicht so schwer!“
„Sicher nicht!!“ Jetzt beginnt sie das Feld der Argumente zu erweitern: „Wenn ich schon laufen musste, dann hätte er auch warten können! Und jetzt soll er mich gefälligst abholen oder du kannst mich bringen.“ „Ich bring dich sicher nirgendwo hin. Du kannst selbst busfahren. Du bist kein Kleinkind mehr. Ausserdem hat niemand gesagt, dass du laufen müsstest. Das hast du dir selbst aufgeladen. Gehen hätte gereicht. Du musst aufpassen, dass du unterscheidest zwischen dem, was du dir selbst aufträgst und dem, was andere dir auftragen.“
„Bla-bla-bla!“ ruft sie empört und daran erkenne ich, dass ich ins Schwarze getroffen habe und sie es im Grunde eingesehen hat.

Jetzt schweige ich, auch wenn sie weiter vor sich hin schimpft. Ich sehe, dass sie sich mit denselben Problemen rumschlägt, wie ich. Dass sie zwar, genau wie ich, lautstark findet, Nein, das mache ich nicht, und am Ende dann doch das tut, was sie denkt, dass man von ihr erwartet. Und dieses „genau wie ich“ trifft mich am meisten. Ich bin fast dreissig Jahre älter und habe es noch immer nicht begriffen. Wann sie es lernen und einsehen möchte, entscheide nicht ich. Das entscheidet sie. Wie stark also soll ich sie in diese Richtung schubsen? Soll ich ihr jetzt diesen Stein wegräumen und den Eintritt bezahlen? Was ist mehr Hilfe?
Während ich noch überlege, wird es ruhig. Ich beschliesse, den Dingen ihren Lauf zu lassen. Falls sie mich nochmal fragt, würde ich ihr den Eintritt bezahlen.
Irgendwann rufe ich noch, sie soll zusehen, dass sie den Bus nicht verpasst. An ihrer Antwort merke ich, dass das schon zu viel gesagt ist und sie sich entschieden hat, zu gehen.

Mittags wird sie dann heimkommen und sie wird sich benehmen, als wäre nichts gewesen. Meine Beziehung zu ihr wird durch eine solche Episode nicht gefährdet, auch wenn sie mir heute Morgen ein paar Worte an den Kopf geworfen hat, die mich verletzen könnten. Und das erfüllt mich mit Stolz und Freude. Auf uns beide. Wir haben es geschafft, den Kontakt zueinander nicht zu verlieren, auch wenn unsere Beziehung sehr lange keine einfache war. Das Grundvertrauen ist da, meine Schuldgefühle haben sich auf ein Minimum reduziert. Im Nachhinein muss ich immer wieder erkennen, dass ich meine Sache schon richtig mache. Das stärkt mein Vertrauen, in solchen Situationen, wie der eben beschriebenen einfach so zu sein, wie ich bin, das zu sagen, was ich denke und fühle. Es schadet nicht, lauter zu werden, wenn ich darin meine Verzweiflung und mein inneres Engagement ausdrücke und meine Liebe zu ihr. Unsere Beziehung hält das aus. Ich habe gelernt, während des Streits schon zu reflektieren und, vorallem mich, zu beobachten, was da eigentlich abläuft. Schon da hinter die Kulissen zu schauen, nicht erst, wenn das Geschirr zerbrochen ist. Und sie hat gelernt, mir zu vertrauen, dass ich es gut meine, dass meine Anordnungen nicht repressiv sein wollen, sondern gute Gründe haben und aus meinem Herzen kommen, das für sie nur das Beste will. Wir werden diese Teeniejahre zusammen schaffen.

*Name geändert

Vom Preis der Bequemlichkeit

Bei Dirk Henn könnt ihr einen guten Artikel von Leo Babauta zum Thema Bequemlichkeit und ihre Folgen lesen.

Er schreibt davon, dass sich die Gesellschaft in den letzten hundert Jahren vorallem Richtung Bequemlichkeit entwickelt hat und zählt auf: Waschmaschinen & Wäschetrockner, Mikrowelle, Computer, die Internet-Revolution, Fastfood, Agrobusiness, Tiefkühlkost, Geschirrspüler, Maschinen und Modernisierungen aller Art.
Das hat ökologische Folgen, soviel ist uns allen klar. Was mich mehr fasziniert hat, und in eine ganz andere Richtung denkt, sind diese Worte:

Es ist unbequem, feuchte Wäsche auf den Ständer zu hängen, aber es hat auch eine sympathische und wohltuende Seite und es ist nachhaltig. Einen kleinen Hausgarten zu haben ist nicht so angenehm und bequem, wie sich auf die Produkte des Agrobusiness zu verlassen, und doch ist es den Preis der Unbequemlichkeit wert.
Laufen, Radfahren und die Nutzung des Öffentlichen Nah- und Fernverkehrs sind nicht so bequem. Doch es kann uns Freude und Genugtuung bereiten und es ist nachhaltiger, als weiterhin aufs eigene Auto zu setzen.

Ja! Genau das ist es doch, was wir vermissen und uns in steter Unruhe treibt, weiter, höher und schneller was auch immer zu tun. Die ganze Wirtschaft ist auf dieser Steigerung aufgebaut. Alles muss besser und preiswerter und – eben: schneller, höher, weiter… sein.

Wir vergessen, dass diese permanente Steigerung an den ewig gültigen Gesetzen des Universums vorbei geht. Es gibt ein Ein- und Ausatmen. Es gibt den Tag und die Nacht. Ebbe und Flut. Winter und Sommer. Geboren werden und Sterben. Nichts davon ist für Ewigkeiten ausschliesslich dem Wachstum unterstellt. Es gibt, wie bei einem Pendel, die entsprechende Gegenbewegung. Es gibt Feste und Alltag, und nach dem Prinzip von Saat und Ernte kommt der Alltag vor dem Fest.

Wir Menschen haben das Gefühl, wir hätten es in der Hand, alles bis zum Gehtnichtmehr zu steigern. Und den Anspruch, dass das ganze Leben in gesteigertem Modus abläuft. Alles muss Sensation sein und nur das Beste ist gut genug. Ehe muss sich wie Flitterwochen anfühlen. Nachtisch gibts täglich. Wissensmagazine müssen sich wie eine Aneinanderreihung von Sensationen anhören. Werbung gaukelt vor, dass Herkömmliches nicht gut genug war und jetzt das absolute Nonplusultra gefunden sei.
Welche Folgen hat diese Steigerungsmanie für Körper, Psyche, Beziehungen, Bildung, Umwelt…?

Vielleicht sollten wir umdenken lernen. Es ist normal, dass etwas, was gewachsen ist, wieder vergeht. Es ist normal, dass es nichts umsonst gibt. Wenn wir anfangen, den Preis der Unbequemlichkeit zu zahlen, dann werden Feste wieder Feste sein. Dann wird es wieder Besonderes geben. Und das ganz umsonst. Wenn man verzichtet hat, ist ein einfaches Joghurt köstlicher Nachtisch. Und Freude wird nicht länger Spass, sondern wieder echtes Vergnügen sein. Vergnügen kommt von genug.

Vielleicht ist am Ende die Unbequemlichkeit der kleinste Preis.

Unglaublich, aber wahr

Wir sind vor zweieinhalb Wochen umgezogen. Während des Einrichtens meines neuen Nähzimmers muss ich euch diese unglaubliche, hoffentlich letzte Nachbarschaftsgeschichte erzählen.

Diesmal war es nicht die Schlafhaubendame und auch nicht Frau Keyser, es war die Witwe Bolte, mit der ich euch noch nicht bekannt gemacht habe.
Witwe Bolte wohnt in der Häuserreihe leider genau vor dem Spielplatz und hat die Angewohnheit, dort zu laut spielende Kinder lautstark zurechtzuweisen. Ausserdem achtet sie peinlich genau, dass keine Kinder aus anderen Quartieren dort spielen, auch nicht vom Haus nebenan, das eben nicht dem gleichen Besitzer gehört, und deshalb ist es natürlich äusserst verboten auf „ihren“ Spielplatz zu kommen, auch wenn man eingeladen ist.
An guten Tagen verköstigt Witwe Bolte alle Kinder, die lieb und artig (und nicht zu laut) spielen, mit Süssgetränken und Keksen. Die bösen bekommen natürlich nichts. So gehört sich das nun mal.
Ich muss nicht erwähnen, dass Sohnemann leider nie von diesen Sonderkonditionen profitieren durfte.

In gleicher Manier veranstaltete sie kürzlich eine solche Kinderparty. Sie kaufte Süssgetränke, Kekse und anderes Naschwerk und lud alle Kinder, auch diejenigen aus dem nicht zugehörigen Nachbarhaus ein, um bei ihr zu feiern. Nur, was es da zu feiern gibt, mitten im Winter, wenn niemand für liebes und artiges Spielen auf dem Spielplatz belohnt werden könnte weil da nämlich gar niemand spielt?
Ganz einfach: Wir feiern den Wegzug der Familie Schneiderin!

„Jetzt aber mal langsam! Das ist kein Gerücht?“ fragte ich meine Kinder. „Nein, das ist keins. Das haben unsere Kameraden alle erzählt. Einer nach dem anderen.“

Ich kann nur den Kopf schütteln. Was für ein Abschied!
Und dass irgendjemand uns am Umzugstag einen Pfannendeckel und eine hölzerne Schubladenfront mit Griffen beim Eingang auf die Briefkästen gelegt hat, erwähne ich nicht. Was  sind die Schneiderins schlampige Leute! Lassen ihren Krempel einfach liegen. Kann ja jeder behaupten, es wäre nicht seins, oder?

Wie anders ist es hier! Das hier bekamen wir zum Empfang:

Wir musizieren, lachen, rennen… wieder in der Wohnung. Man höre nichts von uns, findet meine Stockwerknachbarin. „Pass auf, wir tauen dann schon noch auf“, warne ich sie vor. „Wir sind uns nur noch nicht gewöhnt, dass wir wieder leben dürfen.“