Vom Sinn des Lebens

„Weisst du, ich habe jetzt den Sinn des Lebens gefunden“, sagte sie leichthin, als würde sie über das schöne Wetter sprechen.
„Du hast was?“, fragte ich und tat, als hätte ich sie nicht richtig verstanden. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass jemand eine Antwort auf diese so bedeutende Frage gefunden hatte.
Sie wiederholte ihre Aussage nicht.

Später, als wir beim Kaffee sassen, führte sie das Thema weiter.
„Der Sinn des Lebens ist es, Gott zum Ausdruck zu bringen. Jeder auf die Art, die er am besten kann. Du bist ein Ausdruck Gottes, sein Lächeln, sozusagen.“
Sie lächelte mich an und dieses Lächeln ging tief in mein Innerstes und öffnete eine Tür, löste einen Knoten. Ich wusste auf einmal, dass sie Recht hatte, aber wie sollte ich ein Lächeln Gottes werden?
„Du bist schon eins“, sagte sie, als hätte sie meine Gedanken gelesen.
„Und wenn du tust, was dich im Innersten glücklich macht, was dir das Gefühl gibt, genau am richtigen Platz zu sein, dann bringst du dieses Lächeln zum Strahlen.“4stats Webseiten Statistik + Counterfree hit counters

Der Feentraum

„Schliess die Augen!“ forderte sie mich auf. „Wir machen jetzt zusammen eine Reise. Ich nehm dich bei der Hand. Magst du mitkommen?“
„Ja, gut. Einverstanden.“
„Also, stell dir vor, dass wir jetzt über eine grosse Wiese spazieren.“
„Funktioniert es auch, wenn ich das nicht sehe?“ unterbrach ich ihren Enthusiasmus.
„Klar. Du kannst dir auch die Stimmung oder das Gefühl dazu vorstellen. Bilder braucht es nicht. Die kommen irgendwann von alleine.“
Ich war skeptisch, aber meine Neugier war stärker.

„Wir gehen jetzt über die Blumenwiese zu einem wunderschönen Wald. Du hörst die Vögel singen. Es ist warm. Die Sonne scheint. Der Wald riecht erfrischend und würzig. Wir gehen einen schmalen, moosbewachsenen Weg entlang.
Und jetzt kommen wir auf eine Waldlichtung. Schmetterlinge tanzen, ein Sonnenstrahl zaubert märchenhaftes Licht.
Hier, auf dieser Lichtung bist du ausserhalb von Zeit und Raum, ausserhalb deines Karmas – du würdest vielleicht Schuld oder Sünde dazu sagen, ausserhalb von Ursache und Wirkung.“

„Das ist doch gar nicht möglich!“ zweifelte ich, „Einen solchen Raum gibt es nicht.“
„Es geht nicht darum, ob es ihn gibt oder nicht. Stell es dir einfach nur vor“, beschwichtigte sie mich.
„Und wo…“
„Schschsch! Geh dorthin. Es gibt diesen Raum! Geh dorthin.“

Ihre Stimme war leise und beruhigte mich.
Ich versuchte es also. Ein Raum, ausserhalb von allem? Ein Stück Himmel! Ein Stück Ewigkeit. Mir war plötzlich leicht und warm und die Luft schien mehr Sauerstoff zu enthalten.

„Hier, an diesem Ort sind alle Fragen leicht. Hier findest du die Antwort auf alles. Nimm deine schwierigste Frage“, forderte sie mich auf.
Das war nicht schwer.
„Die Antwort, die du darauf findest, wird niemandem schaden. Niemand wird dir Vorwürfe machen oder Anerkennung dafür geben. Hier ist neutraler Raum, frei und unberührt von allem. Egal, wie du dich entscheidest, es wird richtig sein.“

Meine Frage fühlte sich auf einmal nicht mehr wie eine Frage an. Sie hatte sich unmerklich in eine Antwort, in eine Aussage verwandelt und schwebte wie eine Feder vor meinen Augen, tanzte in der Sonne. Ich brauchte sie nur einzufangen, in der hohlen Hand festzuhalten, leicht, ohne sie zu zerdrücken.
Ich war nie zuvor in meinem Leben so glücklich wie in diesem Augenblick.

„Jetzt geh“, sagte sie sanft, „Geh und bewahre die Antwort. Sie kommt aus der Tiefe deines Herzens, aus der Ewigkeit und sie zeigt dir den Weg.“

Ich erwachte aus meinem Traum. Vor dem Fenster waren noch immer der graue Himmel mit dem unbestimmten Licht, die Kälte und das Eis. Es hatte sich nichts geändert und der Platz, an dem ich gewesen war, schien nie existiert zu haben.
Nur in meinem Herzen war ein kleines Licht, das meinen nächsten Schritt erhellte.4stats Webseiten Statistik + Counter
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Es gibt Tränen, die man nicht weinen kann. Sie wären zu schwer, zu dunkel und du würdest darin ertrinken. Sie machen deine Kehle eng und schmerzen, deine Haut wird dünn wie Seidenpapier. Sie fliessen bitter in den Magen und stehlen dir den Appetit.
Aber ich kenne ein Mittel, das Linderung verschafft. Für ein paar Minuten wenigstens kannst du vergessen. Fliehen, in eine andere Welt: Du setzt dich ins Auto, legst Musik auf, drehst die Scheiben ganz nach unten und die Lautstärke ganz hoch. Du schaust zu, wie Füsse und Hände fliessend, gleitend, mühelos den Wagen so perfekt lenken als wärst du darauf programmiert. Du lässt dich vom Sog der Töne mitziehen. Bis dort, wo vorher dieser enge Schmerz war, das Schlagzeug explodiert. Bis der Bass im ganzen Körper vibriert und der Rhythmus unter deinem Brustkorb klopft. Du kannst nichts mehr denken, nur noch sein. Du hast das Gefühl, mit deiner Umgebung zu verschmelzen und doch nimmst du klarer als sonst die Kontur deines Körpers wahr.
Und du wünschst dir, die Zeit möge in diesem Augenblick aufhören zu sein weil du keine Ahnung hast, wie man den Weg zurück ins Leben findet.

strandgut

strandgut bin ich
aus dem meer deiner liebe
ans kalte ufer gespült
liege ich im nassen sand
und warte auf die nächste welle
vielleicht geht meine reise weiter
vielleicht verlier ich
mich
im nirgendwo
zwischen dem endlosen horizont
und dem himmel
wo die feuersonne
in den abend sinkt
und ihr leuchtender friede
wie ein pfeil in mein herz dringt

Bildquelle: © Stefan Krause/pixelio

Geistliche Pubertät – ein Buchfragment

Wenn du in einem anerkannten und abgeschlossenen System lebst, dann ist es einfach, voranzukommen, den Beifall und die Unterstützung anderer zu erhalten. Dann ist es einfach, dich deiner Sache sicher zu fühlen. Du passt ins System, gehörst dazu, alles ist klar, du weisst, was zu tun ist, denn für alles gibt es Antworten. Du lebst vorwiegend von aussen gesteuert, steckst eine Zeitlang weg, was nicht zu dir passt. Du ziehst dir die neuen Kleider an, auch wenn sie an manchen Stellen zwicken oder schlottern.

Wenn du selber beginnst zu denken, dann erschaffst du dir sozusagen das eigene System. Zu dem andere möglicherweise keinen Zugriff haben, das anderen fremd ist, das andere nicht verstehen. Statt Ermutigung und Unterstützung, erntest du für deine Schritte Skepsis und Ablehnung, vielleicht sogar Verachtung. Statt Regeln und Antworten nach Schema x wählen zu können, hast du zudem null Ahnung, was zu tun jetzt richtig wäre. Es sei denn, du hörst auf dein Innerstes.
Am Anfang aber bist du dir deiner inneren Stimme zu wenig sicher, als dass du über Skepsis einfach hinweggehen könntest. Du spürst, dass du auf dem richtigen Weg bist. Aber wenn Angriffe kommen, wirst du verunsichert und stellst alles in Frage.
Du hast den sicheren Raum verlassen und da, wo du jetzt bist, gibt es niemanden, der dir mit 100%iger Sicherheit sagen kann, was du tun sollst und was richtig ist.

Es gibt nur noch Gott und dich. Du stehst ganz allein vor ihm und kannst nichts anderes tun, als ihn zu wollen und von ganzem Herzen so zu handeln, wie du meinst, ihn verstanden zu haben, im Vertrauen darauf, dass das genügt.