Demut

Nach langer Zeit, in der die Abstände immer grösser wurden, bin ich wieder mal hier und lese. Ja, lese! Ich lese in meinen eigenen Beiträgen und es ist wie ein Gespräch mit einer besten Freundin. Es ist, als ob ich mich selber an die Hand nähme und mir Weisheiten mit auf den Weg gäbe. Habe ich das alles tatsächlich mal geschrieben?

Ich denke über Demut nach. Schreibend. Etwas wackelig ist diese Reise, so, wie wenn man nach langer Zeit wieder Rad fährt. Kann ich es noch? Finde ich in Kreisen zum Kern der Sache?

Demut. Hat das was mit Mut zu tun? Der blaue Duden in meinem Regal gibt mir Recht. Der Mut in Demut ist tatsächlich von Mut abgeleitet.
Mut bezeichnete ursprünglich die innere Haltung, wenn man etwas unbedingt will. Das zeigt die indogermanische Wurzel mo- = nach etwas trachten, etwas anstreben, wollen.

Der andere Teil des Wortes dagegen gehört zum Stamm des Verbs dienen. Demütig bedeutete ursprünglich dienstwillig und Demut bezeichnete eine dienende Gesinnung.

Dienen, also. Die tiefere Bedeutung von Dienen kommt im litauischen Verb teketi = laufen, fließen, rinnen und im altindischen takti = eilt zum Ausdruck. Teketi und takti gehen auf dieselbe indogermanische Wurzel wie dienen zurück.
Rinnen und fliessen wie Wasser. Wasser fliesst ohne zu zögern in die Form, die gerade da ist und strebt keine andere Form an. Es gibt sich vollkommen dem hin, was da ist, und erfüllt die Rolle, die es darin hat.
Dienen ist also Hingabe, und Hingabe ist hinzuschauen, was ist. Den Dingen zu erlauben, dass sie sind, wie sie sind. Einem selbst zu erlauben, dass man ist, wie man ist und aus dieser Haltung zu handeln.

Ein weiterer Aspekt ist die Einordnung oder auch Unterordnung in ein grösseres Ganzes. Demütig sein heisst im weitesten Sinn wissen, dass es etwas Grösseres gibt. Der Demütige erkennt und akzeptiert aus freien Stücken, dass es etwas für ihn Unerreichbares, Höheres gibt.

Demut hat nichts damit zu tun, sein Licht unter den Scheffel zu stellen oder sich selbst zu erniedrigen oder herabzuwürdigen. Demut hat auch nichts damit zu tun, sich äusserlich demütig zu geben und innerlich zu denken, man sei durch diese Haltung besser als der andere.
Demut ohne Liebe ist Stolz. Demut ohne Liebe ist eine Opferhaltung, aus der man einen Nutzen zieht.

Demut mit Liebe ist die Verschmelzung zweier innerer Haltungen: das Trachten des Mutes und die Hingabe des Dienens.
Demut trachtet danach, sich dem Jetzt, dem, was gerade ist, ohne Widerstand hinzugeben, zu dienen und zu handeln, ohne vor etwas zurückzuschrecken.

 

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nicht mehr wie zuvor

Das Leben ist weitergegangen. Ich bin versucht, dieses Blog als Brief an dich weiterzuführen. Vermutlich verlöre ich dann mit der Zeit meine Leser, von denen es kontinuierlich, aber sehr langsam, immer mehr gibt. Erklären kann ich mir das nicht. Meine Schreibfrequenz hat doch sehr abgenommen. Aus Gründen.

Trotzdem ist alles, was ich schreiben will, alles, was mir als Satz fixfertig durch den Kopf geht, hinausdrängt, geschrieben zu werden, eigentlich ein Brief an dich. Einer, den du nie lesen wirst. Oder vielleicht doch?

Das Leben ist also weitergegangen. Aber es ist nicht mehr wie zuvor. Ich habe Angst vor dem Sterben. Das erstaunt mich und ist mir völlig neu. Es ist nicht eine Angst davor, was danach kommen könnte und auch nicht eine vor dem körperlichen Schmerz, den Sterben unweigerlich mit sich bringt. Schmerzen aushalten kann ich gut.
Es ist die Angst vor dem Abschied nehmen. Ich sehe den Mann an meiner Seite und weiss, eines Tages werden wir einander loslassen müssen. Entweder weil er geht oder weil ich gehe. Weiter darf ich nicht denken. Ich lasse es nicht an mich heran.

Es ist genug, dass du nicht mehr da bist. Es ist genug, dass niemand da ist, dem ich die Dinge anvertrauen könnte, die ich dir anvertraut habe. Ich habe keine beste Freundin mehr und die anderen, die noch um mich sind, kann ich nicht Freundin nennen. Da und dort kann ich etwas teilen mit jemandem von ihnen. Aber nicht, wie ich mit dir geteilt habe.

Du hast doch deinen Mann, höre ich dich sagen. Ja. Das stimmt. Aber ich brauche frische Gedanken von aussen. Manchmal sind wir uns zu nah, um einander helfen zu können.

Gestern habe ich mit einer jungen Frau geredet, mit ihr einen Teil meiner Trauer geteilt. Sie hat mir gute, neue Gedanken gegeben und ein paar meiner grossen Fragen leiser gemacht. Aber sie hat auch Scheu vor dem weiteren Erzählen geweckt. Ich halte den Ballon unter Wasser und habe nicht den Mut, ihn an die Oberfläche steigen zu lassen. Was würde mich erwarten? Und mit wem würde ich dann teilen können? Die meisten haben schon ihr Leben. Was will diese junge Frau eine Freundschaft mit mir pflegen? Sie hat ihre eigene Welt.

Es ist ein Tabuthema. Niemand will über Suizid reden. Es gibt nur vereinzelt Reaktionen, die mir weiterhelfen. Die meisten schütteln den Kopf und sagen Dinge wie, dass es furchtbar schlimm sei, unbegreifbar, eine Flucht, ein billiger Ausweg, oder was weiss ich. Sie haben keine Ahnung. Vorallem nicht, dass sie damit in meiner Wunde rumstochern.
Ich kann es zwar auch immer weniger verstehen, je weiter es weg ist, aber ich respektiere deine Entscheidung. Du hattest Gründe, extrem gute Gründe. Das muss so sein, denn du hast immer zuerst an alle anderen gedacht, bevor dann irgendwann du kamst. Mein Kopf versteht die Argumente, mein Herz möchte es tausendmal ungeschehen machen. Früher oder später hätten wir uns sowieso verabschieden müssen. Ja, klar, aber doch nicht jetzt schon. Etwas in mir akzeptiert es nicht.

Gibt es Dinge, die in meinem Herzen so sehr Spuren hinterlassen, dass das Leben nie mehr wie zuvor sein kann?
Ja, ich weiss, jeder Moment ist einzigartig und das Leben wird nie bleiben, wie es ist. Aber ich meine etwas anderes. Ich meine diese grundlegende Haltung der Hoffnung und der Freude. Eine Zuversicht, dass der Weg dort um die Biegung weitergeht. Ein sich Aufrichten und den neuen Tag Anpacken. Eine Art Naivität, dass die Dinge immer gut werden und einem Glaubenden alles möglich sei. Eine Neugierde, wie es wohl weitergeht. Ein Wissen, dass die Dinge so und so sind und manchmal auch überraschend anders, aber eben ein Wissen, eine Art Sicherheit.

Jetzt habe ich das Gefühl, dass ich nichts weiss. Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger Antworten habe ich auf das Leben und das, was geschehen ist. Ich habe keine Erklärungen mehr weil sie alle falsch sind. Ich weiss nicht, ob ein Weitergehen ein Weitergehen ist, weil ich nicht weiss, ob man das überhaupt so nennen kann. Der neue Tag kommt, vergeht wieder, ich lebe, arbeite, lache, weine.
Ich? Diese Person, die in meiner Körperhülle steckt. Wer auch immer das ist. Manchmal sehe ich mir zu und bin mir total fremd. Aber dieses andere, das zuschaut, ist mir auch fremd.

Du weisst jetzt mehr. Ich nicht.
Vor zwei Tagen habe ich von dir geträumt. Du hast mir etwas gesagt, aber schon am Morgen konnte ich mich nicht einmal mehr an das Thema erinnern.
Fragen und Antworten ziehen aussen vorbei und gehören mir nicht.

Was ich hier schreibe, ist Fragment. Immer. Diesmal sehr chaotisch hingeworfen. Wenn du es nicht liest, dann hoffe ich, dass jemand sich darin findet und weiss, es gibt noch mehr Ver-rückte. Auseinander-gerückte.

Ich muss möchte mich wieder zurecht rücken. Irgendwie. Aber ich weiss nicht, wie. Meine Gedanken sind am Ende angekommen und mein Herz weiss nicht mehr, wie es trauern soll.

Die meiste Zeit wird man mir nicht anmerken, dass meine Welt so ins Wanken gekommen ist. Ich lebe weiter und es ist ein gutes Leben, ein schönes, sogar. Ich habe angefangen, Saxophon zu lernen und es ist wunderbar! Du müsstest meine Augen leuchten sehen, wenn wir Anfänger mit der grossen Musikgesellschaft mitspielen dürfen! Ich bin vollkommen begeistert und in Flammen!
Ich arbeite mit Freude im Garten. Ich unterrichte immer noch sehr gerne. Mein Kollegium ist wunderbar. Ich lerne Menschen kennen und spüre, wie ich sofort angenommen und wertgeschätzt werde. Ich geniesse meine vielen Talente und setze sie mit Hingabe ein. Ich geniesse mein Leben, empfinde Freude, Liebe, Begeisterung, manchmal Frust, Traurigkeit, Wut, die ganze Palette, wie es halt so ist.

Aber wenn man etwas tiefer schaut, ist es anders geworden. Grauer, undurchsichtiger Nebel, kaum wahrgenommen liegt da.
Und darunter? Was ist darunter? Weisst du es?

Ist da noch ein Boden, der trägt?

Ich spüre ihn nicht. Ich tue nur so, als ob er noch da wäre.

Gartenlektionen – Arbeiten wie atmen

Kürzlich arbeitete ich in unserem grossen Garten, der in den letzten Tagen zum Regenwald geworden ist: ein undurchdringlicher Dschungel an manchen Stellen.

Ich jätete den Hang mit den Brombeerranken und dem Schachtelhalm und der Garten lehrte mich während ich arbeitete. Ich wollte nicht irgendetwas erreichen, nicht in einer gewissen Zeit fertig sein mit meiner Arbeit. Irgendwo muss man mal anfangen, dachte ich und wollte einfach nur arbeiten, bis ich müde bin und an einem anderen Tag damit weitermachen.

Ich verbrachte zwei Stunden, die wie im Flug vergingen und kam vorwärts, wie ich es nie gedacht hätte. Das Arbeiten war mühelos und bereitete Freude.

Genau an diesem Punkt, wo ich es forcieren wollte, wo ich schneller sein wollte, als mein gutes Fliesstempo war, da wurde es anstrengend und mühsam. Genau, da, wo ich mich innerlich auflehnte und gegen die Ranken stemmte, wurden sie undurchdringlich und kratzten meine Arme auf. Die Arbeit wurde mühsam und anstrengend und ich fühlte mich, als sei die ganze Welt gegen mich.

 

Wenn uns in unserem Leben irgendetwas begegnet, das wir uns anders wünschen, etwas, das nicht so ist, wie wir dachten, es müsste sein oder etwas, das ein unhaltbarer Zustand ist, dann begehren wir innerlich auf.
Wir empören uns. Wir schimpfen darüber – laut oder nur innerlich.
Wir regen uns auf. Wir nerven uns daran. Wir sind wütend.

Wir denken immer wieder darüber nach. Und wir haben das Gefühl, wir müssten und könnten im Inneren einen Muskel anstrengen, der dann bewirkt, dass dieses ungeliebte Äussere sich ändert.
Das merkt man daran, wie wir über darüber sprechen, was wir tun oder tun möchten.

Es ist angestrengt oder mit einer Art Unzufriedenheit oder Empörung darüber, wie etwas ist. Man hört die Auflehnung im Tonfall und in der Wortwahl.

Wir möchten, dass es nicht so ist, wie es gerade ist. Wir sind nicht einverstanden damit, dass es jetzt gerade so ist. Wir lehnen uns dagegen auf, dass es jetzt so ist. Und meinen, ohne diese Auflehnung könnten wir nicht aktiv werden, uns nicht wehren. Wir meinen, ein Tun um die Sache zu ändern käme aus der Auflehnung und je höher dieses innere Dagegenstemmen sei, desto kraftvoller sei die Tat, die den Zustand ändert.

Allein die Auflehnung ändert nichts am Sosein der Dinge. Wir können das Sosein der Dinge nicht ändern. Die Dinge sind so, wie sie sind, jetzt gerade, und das hat nichts mit Resignation, sondern mit Realität zu tun.

Aber wir wissen, dass alle Dinge sich beständig ändern. Deshalb können wir etwas tun, das die Dinge in eine bestimmte Richtung bewegt.

Auch dieses Tun muss aber frei von jener inneren Muskelanstrengung sein. Weil dieser innere Muskel es nicht ist, was uns zur Tat führt. Und weil dieser innere Muskel nicht das ist, was wirkt. Er spannt sich bloss an und verbraucht unsere Energie. Energie, die dann nicht für das Tun zur Verfügung steht. Energie, die den Geist belegt. Den Geist, das Denken, das wir zum klaren Tun bräuchten.

Die Tat, das Tun muss aus einer Art Fliessen kommen. Man ist wach, sehr wach, innerlich, und klar. Man weiss genau, was man tut und was dieses Tun bewirkt. Man forciert nichts. Man tut einfach in einem guten Rhythmus das, was zu tun ist. So, wie man ruhig ein- und ausatmet. Es ist ein Schwingen. Eine Art Tanzen. Der innere Muskel ist nicht angespannt. Man lässt sich sozusagen tragen von dem, was gerade ist, von dem Fliessen des Tuns, von den Bewegungen, die man dazu tun muss.

Die Kreativität erreicht den höchsten Grad. Es ist nicht eine Kreativität, die aus dem Denken kommt, sondern eine, die aus dem Innersten Fliessen kommt. Man ist kreativ, schöpferisch.

Die Bewegung geht nicht nur in eine Richtung. Es gibt Saat und Ernte. Es gibt Tag und Nacht. Es gibt Einatmen und Ausatmen.

Es gibt diese beständige Steigerung, die wir heute in allen Bereichen des Lebens, vorallem in den Tätigkeiten so leben wollen, nicht. Das entspricht keinem Naturgesetz. Wir selber sind dafür nicht gemacht.

Selbst Gott hat am siebten Tag geruht. Und selbst eine Maschine muss man anhalten um sie zu reinigen und zu reparieren.

Das Geheimnis des wirkungsvollen Tuns liegt darin, als erstes hinzuschauen, was ist. Den Dingen zu erlauben, dass sie sind, wie sie sind. Einem selbst zu erlauben, dass man ist, wie man ist. Man muss nichts hinzufügen, um zu sein.

Wenn man so wach hinschaut, kann man auf die Dinge antworten und eingehen. Man gibt das mit hinein, was man ist und wozu man fähig ist. Und dann schaut man wieder, wie es weitergeht. Wie die Situationen, die Menschen antworten und wie das Leben antwortet.

Es ist ein stetiger Wechsel zwischen sehen, was ist und selber etwas beitragen.

Wie atmen. Ein und aus.

Trauerbild

Trauer ist wie ein Krug mit einem Getränk.
Wenn man ja zur Trauer sagt, sie versteht und sich zugesteht, kann man mal in kleinen, mal in grösseren Schlucken davon trinken. Jeder Schluck spült einen Stein von der Seele und erfrischt das Herz.
Wenn man die Trauer nicht versteht oder sich nicht zugesteht, wenn man sie wegschickt, beiseite stellt und mal mit dem Leben weitermacht, als wäre nichts, schmeckt es bitter. Man kriegt nur kleine Schlucke runter, oder vielleicht gar nichts. Die Steine bleiben.
Wenn man den Trunk unangetastet stehen lässt, wird er faul.

Es geht darum, alles bis zum Grund auszutrinken, bis der Krug leer ist.

Es geht nicht ohne Kompromisse

Das wird schwierig, das mit plastikfrei.
Meine Recherchen ergaben folgendes: Im kleinen Milch-Quartierladen kann ich ausser Joghurt und Sahne nichts im Glas kaufen. Die offene Milch – ich habe nicht mehr nachgefragt, ob sie noch erhältlich ist – mögen meine Kids eh nicht. Der Käse wird zwar offen verkauft, ist aber samt und sonders in Frischhaltefolie gewickelt, bzw. damit abgedeckt. Also richtig plastikfreien Käse gibt es nicht. Die kleinen Produzenten dürfen nichts mit Glas in die Grossverteiler mehr liefern, meinte der Milchmann. Irgendwann hätten wir diese Rechnung zu bezahlen.
Butter ist in Kunststofffolie gepackt, oder nicht bio, ausser dem aus der sauteuren Pro Montagna Linie.
Die Molkerei im Nachbardorf wird nächste Woche unter die Lupe genommen. Falls ich dort nicht fündig werde, gibts für mich momentan fast keine plastikfrei erhältlichen Milchprodukte.
Plastikfreies Brot hab ich noch nicht gefunden, beim Grossverteiler zumindest nicht. Bloss Brötchen im Offenverkauf darf ich in selbst mitgebrachte Beutel packen. Vermutlich gilt das für die Theke vor dem Laden auch. Nachgefragt habe ich nicht. Als nächstes nehme ich mir die Bäckerei im Quartier vor.
Apropos Nachfragen: Das muss ich beim Lieblingsgrossverteiler doch noch. Wurst und Fleisch offen zu kaufen, wäre schon mal ein Fortschritt. Erschrocken hab ich festgestellt, dass ich nicht mal weiss, wo die nächste Metzgerei wäre.

Sicher ist, ohne Kompromisse geht es nicht. Warum verkauft denn niemand die Dinge in Bio-Qualität, schadstoffarm, zusatzstoffffrei, gescheit oder gar nicht verpackt und fair gehandelt?

Der Widerstand in meiner Familie ist auch nicht ohne. Figlia meinte: „Also wenn du jetzt alles selber machst, zieh ich aus.“ Fragen kommen: „Gehst du jetzt ernsthaft mit diesen Beuteln einkaufen?“ „Warum ist das jetzt plötzlich so ein Riesenthema! War doch vorher auch nicht wichtig, oder?“ „Oh, Achtung! Plastik!“ wird gewitzelt und die Augen werden verdreht, wenn ich irgendwas zum Thema sage.

Weitermachen, und zwar still und leise, ist die Devise. So schnell gebe ich nicht auf.

Das Tüpfelchen auf dem i

Kennst du das auch? Da gibts irgendeine Sache, bei der du Antworten suchst. Immer wieder bewegen die Fragen dein Herz. Und auf einmal, wenn du nicht mehr dran gedacht hast, nimmt dich etwas in deinem Inneren ganz sanft und leise bei der Hand und führt dich an einen neuen Ort.

Es begann mit diesem Beitrag.

Früher habe ich Hingabe mit Perfektionismus verwechselt und herausgefunden, dass man davon krank wird.
Perfektionismus ist schon länger kein Thema mehr, aber die Dinge nicht 100%-ig zu machen, befriedigte mich nicht wirklich.

Es gibt das Prinzip, dass 80 % der Ergebnisse in 20 % der Gesamtzeit eines Projekts erreicht werden.
Und dass die verbleibenden 20 % der Ergebnisse 80 % der Gesamtzeit benötigen und die meiste Arbeit verursachen.
Mit dem Beherzigen dieser Regel kann man erfolgreich Druck und Perfektionismus loswerden, ohne Frage. Doch mir fehlte eine wichtige Weiterführung. Es blieb eine Leere zurück. Es war nicht der ganze Weg.

Wäsche waschen war als nächstes dran, als ich mit dem Lesen fertig war.
Wie um alles in der Welt macht man das mit Hingabe, wenn es einen grad angurkt? Einfach über die Gefühle hinweg gehen??

Hingabe bedeutet nicht, ein perfektes Ergebnis abzuliefern (!), sondern mit ganzem Herzen bei der Sache zu sein.

Achso bei der Sache sein. Achtsamkeit. Das kenne ich schon ein bisschen.
Mit ganzem Herzen. Das Herz möchte ganz bleiben. Ganz bei dem, was du tust. Wenn du es halb tust, dann ist das Herz irgendwie aufgeteilt und das tut ihm nicht gut. Das ist gegen seine Natur.

Die Gefühle kamen nicht im gleichen Augenblick nach, aber ganz langsam ist die Hingabe in meinen Alltag gesickert, hat viele leere Stellen aufgefüllt und mir das zurückerobert, was ich vermisst hatte.

Was ich bis jetzt entdeckt habe:

Die Alternative zum Perfektionismus bedeutet nicht, mit den 80% zufrieden zu sein. Weil man damit nicht wirklich zufrieden ist. Das beruhigt bloss erst mal das Arbeitspensum und die Agenda.
Es bedeutet auch nicht, wieder um jeden Preis die (vermeintlichen) 100% anzustreben.
Es bedeutet, deine jetzigen 100% zu geben. Die 100%, die jetzt möglich sind.
Diese Zahl bezieht sich nicht auf die Zeit, nicht auf die Menge der Arbeit, nicht auf die Anzahl Projekte, sondern auf die Menge Herz, die in allem steckt, was du tust.
Wenn da 100% Herz, 100% deiner Aufmerksamkeit und Achtsamkeit drin sind, macht es dich zufrieden.

Ich habs ausprobiert.

Und dann – ganz konkret – wenn du merkst, dass du in einer Situation nicht zu 100% da bist – entscheidest du dich, dich der Sache völlig hinzugeben.
Einfach JETZT in DIESEM Augenblick diese simple Tätigkeit mit dem maximalen Genuss auszuführen.

Nur für heute. Nur für jetzt (Wenn es dich beruhigt.)

Probiers aus! Es wird wunderbar!
Und berichte, wenn du magst, hier unten davon. :-)

online

Dieses Medium, das wir sozial nennen, ist alles andere.
Wir schliessen die Türen während wir unseren Laptop öffnen. Jeder sitzt für sich allein in einem Raum. Wir sind mit vierhundertdrölfzig Leuten befreundet und doch allein. Wir gewöhnen uns daran, dass uns niemand in die Augen sieht, wenn wir unterwegs sind. Jeder guckt auf ein kleines viereckiges Kästchen, tippt und wischt mit den Fingern darauf herum und entlockt ihm Informationen. Tamagotchis, die wir am Leben erhalten müssen. Den Weg in einem fremden Ort finden wir nicht über einen netten Kontakt und ein Lächeln, mit einer Karte aus Papier in der Hand oder einem Zettel, auf den eine Adresse gekritzelt ist. Wir gewöhnen uns daran, dass wir unsere Freunde vorallem am Bildschirm sehen, dass die Worte, die wir wechseln, stumm auf dem Screen stehen und wir nicht immer so genau wissen, welchen Tonfall wir uns dazu denken müssen. Wir hören den Trost in der Stimme nicht, nehmen Umarmungen ohne Wärme aus eckigen Klammern und Küsschen ohne Geschmack aus Sternchen entgegen und gucken kleine Bildchen an, die uns sagen sollen, dass da jemand mit uns lacht oder weint. Wenn wir uns mal richtig treffen, sitzen wir einen Grossteil der Zeit nebeneinander und gucken in unsere Kästchen.
Unsere Eltern hatten Recht, wenn sie dachten, dass Game Boy und Konsorten kein wirkliches Spiel, sondern bloss Ablenkung, bloss Zerstreuung sind und uns davon abhalten, Freunde zu finden, alleine schon, wenn wir die verlorene Zeit betrachten, in der wir hätten Freundschaften pflegen können. Und jetzt, da wir erwachsen sind, selber Kinder haben, die selber schon fast wieder erwachsen sind, besteht jede freie Minute aus Zerstreuung. Fast jede. Und wir werden tatsächlich zerstreut. Wer ist noch ganz bei sich, ganz da? Wir würden die Leere spüren, die alle diese Dinge hinterlassen. Wer kann Stille aushalten? Sogar geniessen? Eine Stunde davon täglich, ja, vielleicht nur eine halbe oder eine Viertelstunde wären mehr Erholung und Regeneration als die gesamte sogenannte Freizeit zusammengenommen. Wir haben Spass statt Vergnügen, und diese Worte sagen eigentlich schon alles. Spass kommt von zerstreuen und Vergnügen ist eine Ableitung von genug und bedeutete ursprünglich zufrieden stellen.
Was willst du? Zu-Frieden-heit oder Zerstreuung?

 

 

 

 

 

 

 

 

Stimmt, das ist nur eine Seite, nur ein Aspekt. Aber ein gewichtiger, finde ich. Und was mich am meisten stört, ist, dass ich in diesem Wir mit eingeschlossen bin.

richtig und falsch

Je älter man wird, desto weniger genau weiß man, was richtig und falsch ist.

Junge Menschen mit feurigen Argumenten, flammenden Statements, total klaren Ansichten und einem radikalen Leben nach ihren Grundsätzen, wie haben sie mich beeindruckt und fasziniert. Ich wollte so sein, genau so. Und ich war es auch. Ich hatte zu allem eine Meinung und vom Rest eine Vorstellung. Das Leben musste so und so sein, nicht anders. Wenn es anders war, kämpfte ich. Und ich schwor mir, nie resigniert und abgelöscht rum zu laufen, wenn ich älter würde. Das Feuer wollte ich im Inneren behalten. Es muss eines Tages aus meinen Augen glitzern, wenn ich alt bin, dachte ich.

Noch bin ich nicht alt. Aber irgendwann zwischen dreissig und vierzig habe ich mich sehr verändert. Und das ist auch schon wieder eine Weile her. Ich bin gelassen geworden. Weitsichtiger. Toleranter. Grosszügiger. Weicher. Ich sehe die Dinge nicht mehr so klar weil ich einfach zu viel erlebt und gesehen habe, als dass ich ungefragt an meinen alten Glaubenssätzen festhalten könnte. Die meisten Menschen aus meinem Umfeld machen es anders und sehen dabei nicht unbedingt erlöst oder glücklich aus.

Ich weiss immer weniger genau, was richtig und falsch ist.
Wo hört Zivilcourage auf und wo fängt das Einmischen in die Privatsphäre des anderen an? Wann habe ich ein Recht, jemanden zu korrigieren? Habe ich das überhaupt ungefragt? Oder bin ich feige und blind für die Not des anderen? Muss ich die Überzeugungen der anderen teilen, wenn ich in einer Gemeinschaft mitarbeiten möchte? Hintergehe ich sie, wenn ich ihre Worte brauche, um Gott zu beschreiben, auch wenn ich selber ihn so nicht beschreiben würde weil er unbeschreibbar ist? Ist es ein Übergriff, wenn ich jemandem beherzt, aber ungefragt helfe? Darf ich immer meinem Herzen folgen? Wenn ja, wie finde ich heraus, ob es mein Herz ist, das da spricht? Ist das, was ich als falsch oder negativ bezeichne, falsch oder negativ? Oder einfach nur anders? Was ist Wahrheit? Und wer darf und kann sagen, was Wahrheit ist und was nicht?

Früher meinte ich, dass ich diese Fragen immer klarer beantwortet könne, je älter ich würde.
Es ist genau umgekehrt.