Wie eine Lupe oder ein Verstärker

Das meiste, was ich hier schreibe, bleibt Entwurf. Wie ein Tagebuch, ein Brief an mich selbst, zum Veröffentlichen zu belanglos, zu wirr. Heute veröffentliche ich es wieder einmal, stolpernde, ungeschliffene Sätze und Gedanken ohne Adressaten.
Und mein Pseudonym passt nicht mehr – Schneiderin. Wann habe ich zuletzt etwas genäht? Vermutlich war es ein Gegenstand, den ich für meine SchülerInnen ausprobiert und währenddessen eine Fotoanleitung erstellt habe.

Die Pandemie – das Wort fühlt sich trotz Allgegenwärtigkeit fremd und ungelenk an – hat ans Licht gebracht, was klemmt und hapert, wo Dinge nicht sind, wie sie sein sollten, nicht nur in den Ländern und auf der Welt, auch in meinem Leben. Sie verstärkt das, was ist, wie eine Lupe und unterscheidet nicht zwischen positiv und negativ.
Wo sind meine Freunde? Für wen bin ich wichtig? Wann habe ich überhaupt zuletzt ein Gespräch geführt, das etwas tiefer ging, als bloss bis zu dem, was mich tagtäglich in Atem hält? Das ist nicht wenig.

In erster Linie ist das ein Job, der für mich mehr als ein Job ist, aber von dem ich nicht weiss, wie relevant er tatsächlich für die anderen, vor allem für die Adressaten ist. In dieser Zeit wird mein Fach bloss am Rand erwähnt, die Vorgaben dazu sind schwammig und was ich gerade bis an die Grenzen stemme, habe ich mir selbst auferlegt. Die Zeit, die ich sonst im Schulzimmer stehe, plus jene meiner üblichen Vor- und Nachbereitung, überschreite ich fast nicht. Allein die Aufgaben sind ganz andere, ermüdende, auslaugende. Ich erstelle leicht verständliche Anleitungen mit knackigen Texten und aussagekräftigen Fotos, packe stundenlang Materialkits, also zum Beispiel Stoffstücke, Stecknadeln, Faden, Stopfwatte und eine Nähnadel für meine 134 SchülerInnen und habe meine Mailadresse und die persönliche Handynummer mehrfach für direkte Rückfragen angeboten, was rege genützt wird. So verschwimmen die Grenzen zwischen geschäftlich und privat noch mehr, als sie es mit den Daten in der Wolke und dem mobilen Computer eh schon tun.
Mein Fach wird aber in den Vorgaben von Bund und Kanton wie gesagt nicht erwähnt. So rein theoretisch müsste ich also nichts tun, ausser mein Schulzimmer ausmisten und wunderbar ausgestaltetes, neues Anschauungsmaterial kreieren und laminieren. Es gibt Fachkolleginnen, die das genau so handhaben, ich kann das nicht.
Die Rückmeldungen von Eltern geben mir Recht. Meine Aufgabenstellungen werden mehrheitlich geschätzt. Ich gebe ja bloss eine Zeitspanne vor, nicht aber konkret zu erreichende Wochenziele, was die Planung und Aufgabenstellung für mich aber nicht einfacher macht.
Mein Fach hat sich zur Beschäftigungstherapie für gelangweilte, sich unfreiwillig in Hausarrest befindende Kids und homeschoolinggeplagte Eltern gewandelt, und manchmal sind meine Aufgaben wohl eine echte Herausforderung, aber meistens eine willkommene Parkmöglichkeit für Nachwuchs, der zu sehr an ein vorgegebenes Programm gewöhnt ist.
Daneben versuche ich ein Nachdiplomstudium für ein Einzelfach zu absolvieren, in dem alle Aufträge auf Distanz doppelt so lange dauern und halb soviel nützen, wie im Normalbetrieb. Ich kenne also ein wenig beide Seiten.

Aber das ist es nicht, was ich eigentlich erzählen wollte. Ich wollte über die Lupenfunktion einer Krise nachdenken und darüber, wann ich denn zum letzten Mal ganz ungeschminkt mit einer Freundin darüber geredet habe, was mich wirklich beschäftigt. Ich weiss es nicht mehr.
Der Platz meiner besten Freundin ist seit vier Jahren leer.

Wenn man Menschen verliert, die einen fast das ganze Leben lang kennen, und alle anderen Menschen, von denen man so etwas sagen könnte, nicht mehr wirklich Teil des eigenen Lebens sind, dann ist es, als ob ein Stück von einem fehlen würde, abgeschnitten und in der Zeit zurückgelassen.
Ich habe verstanden, was damit gemeint ist, dass mit dem Tod eines Menschen ein Teil von einem selbst mitstirbt. Und ich habe begriffen, dass neue Menschen nicht einfach kommen und ein Teil meines Lebens, ein Teil von mir werden können. Sie kennen meine Geschichte, mein früheres Ich nicht. Wenn ich erzähle, muss ich weit ausholen, wo vorher mit ein paar Andeutungen alles gesagt war.
Ich werde auch nicht so nebenbei und auf die Schnelle Teil ihres Lebens. Alle Menschen, die ich kennen lerne, haben bereits ihr Netz, ihr volles Leben und nur begrenzt Zeit übrig für eine neue Freundschaft. Aber eine solche, eine wirklich gute solche bräuchte genau das.
Das kann auch gut sein, ja. Ich könnte sozusagen neu anfangen und mich neu erfinden. Aber irgendwie fehlt mir ein Teil von mir oder der Zugang zu diesem Teil von mir.
Gibt es einen Code, um ihn wieder aufzuschliessen? Brauche ich den Teil denn noch? Bin ich nicht vollständig ohne ihn? Ich sage immer, im Innersten sei ich noch in den Zwanzigern und das, was mich ausmache, leuchte noch  immer in der gleichen Farbe wie damals, nur um Erfahrungen, Ernüchterungen und eine grosse Portion Gelassenheit reicher.

Trotzdem wünsche ich mir eine Freundin, die mich kennt und vor der ich kein Blatt vor den Mund nehmen müsste. Jemanden, dem diese höfliche Distanziertheit fehlt, die als Barriere immer zwischen uns ist. Jemanden, der anrufen würde, um spontan vorbei zu kommen, der nachfragt, wie es mir geht und wie ich das jetzt genau mache mit den Homeschooling-Aufgaben. Jemanden, der nicht peinlich berührt eine Augenbraue hochzieht oder weg sieht, wenn ich an den falschen Stellen laut herauslache. Jemanden, der es nicht persönlich nimmt, wenn ich mal eine Weile nicht anrufe. Jemanden, der mit mir über Gott und die Welt philosophiert und die echten Fragen zulässt, sie stehen lässt und aushält mit mir und nicht Antworten präsentiert.
Fange selber damit an, so jemand zu sein, sagen alle.

Ich glaube, ich muss zuerst den Schlüssel wieder finden und dann in jenen Raum hineingehen. Ich muss die Fensterläden öffnen, Licht und Sonne hereinlassen, frische Blumen auf den Tisch stellen und Kaffee kochen.
Und dann bleibe ich dort sitzen um dir zu danken, dass du da warst, und ich lasse dich ziehen, damit du bei mir bleiben kannst, wenn du willst.

Nachmittags um zwei

Nachmittags um zwei, wenn die Sonne in die Küche scheint, sollte die Zeit eine ganze Weile anhalten. Im Licht des Tages leuchten die Schatten dunkelgrün, der Himmel blau, die Wolken weiss und leicht.
Man hätte alle Zeit der Welt, einen Berg Arbeiten zu erledigen, bevor der Abend es wieder unmöglich macht, den Staub zu sehen und die trüben Fensterscheiben.
Der Tag läge vor einem, wie man als junger Mensch das ganze Leben vor sich hat.
Und nach getaner Arbeit liesse man die Stunden bei einem Tee leicht und luftig vorüberstreichen in den Feierabend hinein, zufrieden mit sich und der Welt.

Aber es gibt ihn nicht, den Nachmittag um zwei. Er ist im nächsten Augenblick vergangen. Die Zeit rinnt weiter, tröpfelt über den Eimerrand der Stunde und füllt das Jahr.

IMG_20191218_141134.jpgDer Nachmittag vergeht, die Berge bleiben über Nacht. Es reicht für einen Espresso.

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Der rote Faden

Der rote Faden ist noch nicht abgerissen. Ich habe keine Ahnung, wohin mich dieser Artikel führt. Aber ich habe beschlossen, wieder zu schreiben. Weil es klärt. Mich, meine Gedanken, mein Sein. Weil es ein Gegenstück zum Scrollen, Hochwischen, Drüberfliegen und Bilder hinein Saugen ist. Etwas, was mein Denken einen Gang runterschaltet und mich mein Leben betrachten lässt. Etwas, das festhält, was so schnell vorbei ist.

Ja, ich weiss, da kommen jetzt die ganzen Achtsamkeits-Argumente für das Leben im Jetzt. Da kommen Ratschläge, die Vergangenheit Vergangenheit sein zu lassen und die Zukunft nicht zu bedenken, damit man frei für die Gegenwart sei, und all das dementiere ich auch nicht. Im Gegenteil. Ich glaube, dass ich gerade durch das Schreiben ins Jetzt finde.
Wenn ich schreibe, halte ich an. Ich betrachte etwas, versuche, dem, was ist, Worte zu verleihen. Das, was im Innersten ist, bekommt plötzlich eine Sichtbarkeit.
Manchmal überrascht mich, was ich schreibend denke. Ein Wort kommt hoch, als wäre es ein eigenes Lebewesen. Es will genau für das, was ich gerade sagen will, seine Gestalt leihen. Es drängt sich in den Vordergrund und ruft laut: „Iiiich, ich, hier!“ oder bleibt einfach still und leise und hartnäckig da, wenn ich ein anderes suchen will.
Manchmal weiss ich nicht, ob dieses Wort den Sinn dessen trifft, was ich sagen möchte. Dann schlage ich es nach. Und bin überrascht weil es das tut. In einem tieferen Sinn, den ich vorher noch nicht entdeckt hatte.
So komme ich dem Kern der Sache auf die Spur und manchmal sogar ganz nahe.
Und wenn ich aufhöre – ich wollte gerade schreiben, den Stift weglege, aber meistens ist es ein Zuklappen meines elektronischen Tausendsassas – dann bin ich ein Stück weiter gekommen, während ich anhielt um nachzudenken.

Ich werde also weiterschreiben. Wegen mir. Weil ich das Bedürfnis verspüre, zu sagen, was mir manchmal durch den Kopf geht. Und wegen euch. Weil ich gerne Gedanken anstosse und andere Menschen inspiriere.
Es gibt ein paar sehr treue Leser hier. Noch täglich bekomme ich Besuche und ab und zu auch neue Abonnenten, obwohl meine Schreibfrequenz, wäre sie ein Ton, inzwischen vermutlich ein unhörbar tiefer Bass wäre. Dass dieses Blog dennoch gelesen wird, freut mich umso mehr.

Wohin dieser Weg führt, was meine Themen sind und wie häufig ich schreiben werde, weiss ich nicht. Es gibt keinen Plan, kein Konzept. Es gibt keinen besonders aussagekräftigen Untertitel oder Tags, keine vermarktbaren Inhalte und keine kernige Definition die sagen, was man hier erwarten darf und worum es auf dieser Seite geht.
Es bleibt, was Blogs ursprünglich mal waren, als es vor zwanzig Jahren noch fast kein Internet gab. Ein Tagebuch. Eine lose Sammlung von Notizen und Netzfunden. So zufällig, wie das Leben selbst. Aus meiner Perspektive betrachtet.
Der rote Faden darin ist, dass es Dinge sind, die die ich weitergeben möchte oder die mich genug beschäftigen, dass ich mir Zeit nehme, sie näher zu betrachten. Vielleicht sind es mal Rezepte oder Anleitungen für Handwerk, vielleicht sind es poetische Texte oder Essays. Es gibt keine Beschränkung auf einzelne Themenfelder.
Wenn ihr gerne weiterhin mitkommt, freue ich mich sehr, wenn nicht, wünsche ich euch das allerbeste Leben. Schreibt Kommentare, wenn euch danach ist, wenn nicht, dann lasst es bleiben ;-) Ich freue mich darüber, wenn ich euch zum Nachdenken bringen kann oder euch in irgendeiner Form inspirieren darf.

In diesem Sinne: Bis zum nächsten Mal!

PS. Eigentlich wollte ich hier jetzt ein Bild meiner Unterschrift einfügen. Das Projekt muss ich aber verschieben weil ich keine Ahnung habe, wie ich das anstellen soll…. also das Bild einfügen schon ;-) Nur: Wie komme ich zu einem solchen Bild. Es ist kompliziert.

Demut

Nach langer Zeit, in der die Abstände immer grösser wurden, bin ich wieder mal hier und lese. Ja, lese! Ich lese in meinen eigenen Beiträgen und es ist wie ein Gespräch mit einer besten Freundin. Es ist, als ob ich mich selber an die Hand nähme und mir Weisheiten mit auf den Weg gäbe. Habe ich das alles tatsächlich mal geschrieben?

Ich denke über Demut nach. Schreibend. Etwas wackelig ist diese Reise, so, wie wenn man nach langer Zeit wieder Rad fährt. Kann ich es noch? Finde ich in Kreisen zum Kern der Sache?

Demut. Hat das was mit Mut zu tun? Der blaue Duden in meinem Regal gibt mir Recht. Der Mut in Demut ist tatsächlich von Mut abgeleitet.
Mut bezeichnete ursprünglich die innere Haltung, wenn man etwas unbedingt will. Das zeigt die indogermanische Wurzel mo- = nach etwas trachten, etwas anstreben, wollen.

Der andere Teil des Wortes dagegen gehört zum Stamm des Verbs dienen. Demütig bedeutete ursprünglich dienstwillig und Demut bezeichnete eine dienende Gesinnung.

Dienen, also. Die tiefere Bedeutung von Dienen kommt im litauischen Verb teketi = laufen, fließen, rinnen und im altindischen takti = eilt zum Ausdruck. Teketi und takti gehen auf dieselbe indogermanische Wurzel wie dienen zurück.
Rinnen und fliessen wie Wasser. Wasser fliesst ohne zu zögern in die Form, die gerade da ist und strebt keine andere Form an. Es gibt sich vollkommen dem hin, was da ist, und erfüllt die Rolle, die es darin hat.
Dienen ist also Hingabe, und Hingabe ist hinzuschauen, was ist. Den Dingen zu erlauben, dass sie sind, wie sie sind. Einem selbst zu erlauben, dass man ist, wie man ist und aus dieser Haltung zu handeln.

Ein weiterer Aspekt ist die Einordnung oder auch Unterordnung in ein grösseres Ganzes. Demütig sein heisst im weitesten Sinn wissen, dass es etwas Grösseres gibt. Der Demütige erkennt und akzeptiert aus freien Stücken, dass es etwas für ihn Unerreichbares, Höheres gibt.

Demut hat nichts damit zu tun, sein Licht unter den Scheffel zu stellen oder sich selbst zu erniedrigen oder herabzuwürdigen. Demut hat auch nichts damit zu tun, sich äusserlich demütig zu geben und innerlich zu denken, man sei durch diese Haltung besser als der andere.
Demut ohne Liebe ist Stolz. Demut ohne Liebe ist eine Opferhaltung, aus der man einen Nutzen zieht.

Demut mit Liebe ist die Verschmelzung zweier innerer Haltungen: das Trachten des Mutes und die Hingabe des Dienens.
Demut trachtet danach, sich dem Jetzt, dem, was gerade ist, ohne Widerstand hinzugeben, zu dienen und zu handeln, ohne vor etwas zurückzuschrecken.

 

nicht mehr wie zuvor

Das Leben ist weitergegangen. Ich bin versucht, dieses Blog als Brief an dich weiterzuführen. Vermutlich verlöre ich dann mit der Zeit meine Leser, von denen es kontinuierlich, aber sehr langsam, immer mehr gibt. Erklären kann ich mir das nicht. Meine Schreibfrequenz hat doch sehr abgenommen. Aus Gründen.

Trotzdem ist alles, was ich schreiben will, alles, was mir als Satz fixfertig durch den Kopf geht, hinausdrängt, geschrieben zu werden, eigentlich ein Brief an dich. Einer, den du nie lesen wirst. Oder vielleicht doch?

Das Leben ist also weitergegangen. Aber es ist nicht mehr wie zuvor. Ich habe Angst vor dem Sterben. Das erstaunt mich und ist mir völlig neu. Es ist nicht eine Angst davor, was danach kommen könnte und auch nicht eine vor dem körperlichen Schmerz, den Sterben unweigerlich mit sich bringt. Schmerzen aushalten kann ich gut.
Es ist die Angst vor dem Abschied nehmen. Ich sehe den Mann an meiner Seite und weiss, eines Tages werden wir einander loslassen müssen. Entweder weil er geht oder weil ich gehe. Weiter darf ich nicht denken. Ich lasse es nicht an mich heran.

Es ist genug, dass du nicht mehr da bist. Es ist genug, dass niemand da ist, dem ich die Dinge anvertrauen könnte, die ich dir anvertraut habe. Ich habe keine beste Freundin mehr und die anderen, die noch um mich sind, kann ich nicht Freundin nennen. Da und dort kann ich etwas teilen mit jemandem von ihnen. Aber nicht, wie ich mit dir geteilt habe.

Du hast doch deinen Mann, höre ich dich sagen. Ja. Das stimmt. Aber ich brauche frische Gedanken von aussen. Manchmal sind wir uns zu nah, um einander helfen zu können.

Gestern habe ich mit einer jungen Frau geredet, mit ihr einen Teil meiner Trauer geteilt. Sie hat mir gute, neue Gedanken gegeben und ein paar meiner grossen Fragen leiser gemacht. Aber sie hat auch Scheu vor dem weiteren Erzählen geweckt. Ich halte den Ballon unter Wasser und habe nicht den Mut, ihn an die Oberfläche steigen zu lassen. Was würde mich erwarten? Und mit wem würde ich dann teilen können? Die meisten haben schon ihr Leben. Was will diese junge Frau eine Freundschaft mit mir pflegen? Sie hat ihre eigene Welt.

Es ist ein Tabuthema. Niemand will über Suizid reden. Es gibt nur vereinzelt Reaktionen, die mir weiterhelfen. Die meisten schütteln den Kopf und sagen Dinge wie, dass es furchtbar schlimm sei, unbegreifbar, eine Flucht, ein billiger Ausweg, oder was weiss ich. Sie haben keine Ahnung. Vorallem nicht, dass sie damit in meiner Wunde rumstochern.
Ich kann es zwar auch immer weniger verstehen, je weiter es weg ist, aber ich respektiere deine Entscheidung. Du hattest Gründe, extrem gute Gründe. Das muss so sein, denn du hast immer zuerst an alle anderen gedacht, bevor dann irgendwann du kamst. Mein Kopf versteht die Argumente, mein Herz möchte es tausendmal ungeschehen machen. Früher oder später hätten wir uns sowieso verabschieden müssen. Ja, klar, aber doch nicht jetzt schon. Etwas in mir akzeptiert es nicht.

Gibt es Dinge, die in meinem Herzen so sehr Spuren hinterlassen, dass das Leben nie mehr wie zuvor sein kann?
Ja, ich weiss, jeder Moment ist einzigartig und das Leben wird nie bleiben, wie es ist. Aber ich meine etwas anderes. Ich meine diese grundlegende Haltung der Hoffnung und der Freude. Eine Zuversicht, dass der Weg dort um die Biegung weitergeht. Ein sich Aufrichten und den neuen Tag Anpacken. Eine Art Naivität, dass die Dinge immer gut werden und einem Glaubenden alles möglich sei. Eine Neugierde, wie es wohl weitergeht. Ein Wissen, dass die Dinge so und so sind und manchmal auch überraschend anders, aber eben ein Wissen, eine Art Sicherheit.

Jetzt habe ich das Gefühl, dass ich nichts weiss. Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger Antworten habe ich auf das Leben und das, was geschehen ist. Ich habe keine Erklärungen mehr weil sie alle falsch sind. Ich weiss nicht, ob ein Weitergehen ein Weitergehen ist, weil ich nicht weiss, ob man das überhaupt so nennen kann. Der neue Tag kommt, vergeht wieder, ich lebe, arbeite, lache, weine.
Ich? Diese Person, die in meiner Körperhülle steckt. Wer auch immer das ist. Manchmal sehe ich mir zu und bin mir total fremd. Aber dieses andere, das zuschaut, ist mir auch fremd.

Du weisst jetzt mehr. Ich nicht.
Vor zwei Tagen habe ich von dir geträumt. Du hast mir etwas gesagt, aber schon am Morgen konnte ich mich nicht einmal mehr an das Thema erinnern.
Fragen und Antworten ziehen aussen vorbei und gehören mir nicht.

Was ich hier schreibe, ist Fragment. Immer. Diesmal sehr chaotisch hingeworfen. Wenn du es nicht liest, dann hoffe ich, dass jemand sich darin findet und weiss, es gibt noch mehr Ver-rückte. Auseinander-gerückte.

Ich muss möchte mich wieder zurecht rücken. Irgendwie. Aber ich weiss nicht, wie. Meine Gedanken sind am Ende angekommen und mein Herz weiss nicht mehr, wie es trauern soll.

Die meiste Zeit wird man mir nicht anmerken, dass meine Welt so ins Wanken gekommen ist. Ich lebe weiter und es ist ein gutes Leben, ein schönes, sogar. Ich habe angefangen, Saxophon zu lernen und es ist wunderbar! Du müsstest meine Augen leuchten sehen, wenn wir Anfänger mit der grossen Musikgesellschaft mitspielen dürfen! Ich bin vollkommen begeistert und in Flammen!
Ich arbeite mit Freude im Garten. Ich unterrichte immer noch sehr gerne. Mein Kollegium ist wunderbar. Ich lerne Menschen kennen und spüre, wie ich sofort angenommen und wertgeschätzt werde. Ich geniesse meine vielen Talente und setze sie mit Hingabe ein. Ich geniesse mein Leben, empfinde Freude, Liebe, Begeisterung, manchmal Frust, Traurigkeit, Wut, die ganze Palette, wie es halt so ist.

Aber wenn man etwas tiefer schaut, ist es anders geworden. Grauer, undurchsichtiger Nebel, kaum wahrgenommen liegt da.
Und darunter? Was ist darunter? Weisst du es?

Ist da noch ein Boden, der trägt?

Ich spüre ihn nicht. Ich tue nur so, als ob er noch da wäre.

Gartenlektionen – Arbeiten wie atmen

Kürzlich arbeitete ich in unserem grossen Garten, der in den letzten Tagen zum Regenwald geworden ist: ein undurchdringlicher Dschungel an manchen Stellen.

Ich jätete den Hang mit den Brombeerranken und dem Schachtelhalm und der Garten lehrte mich während ich arbeitete. Ich wollte nicht irgendetwas erreichen, nicht in einer gewissen Zeit fertig sein mit meiner Arbeit. Irgendwo muss man mal anfangen, dachte ich und wollte einfach nur arbeiten, bis ich müde bin und an einem anderen Tag damit weitermachen.

Ich verbrachte zwei Stunden, die wie im Flug vergingen und kam vorwärts, wie ich es nie gedacht hätte. Das Arbeiten war mühelos und bereitete Freude.

Genau an diesem Punkt, wo ich es forcieren wollte, wo ich schneller sein wollte, als mein gutes Fliesstempo war, da wurde es anstrengend und mühsam. Genau, da, wo ich mich innerlich auflehnte und gegen die Ranken stemmte, wurden sie undurchdringlich und kratzten meine Arme auf. Die Arbeit wurde mühsam und anstrengend und ich fühlte mich, als sei die ganze Welt gegen mich.

 

Wenn uns in unserem Leben irgendetwas begegnet, das wir uns anders wünschen, etwas, das nicht so ist, wie wir dachten, es müsste sein oder etwas, das ein unhaltbarer Zustand ist, dann begehren wir innerlich auf.
Wir empören uns. Wir schimpfen darüber – laut oder nur innerlich.
Wir regen uns auf. Wir nerven uns daran. Wir sind wütend.

Wir denken immer wieder darüber nach. Und wir haben das Gefühl, wir müssten und könnten im Inneren einen Muskel anstrengen, der dann bewirkt, dass dieses ungeliebte Äussere sich ändert.
Das merkt man daran, wie wir über darüber sprechen, was wir tun oder tun möchten.

Es ist angestrengt oder mit einer Art Unzufriedenheit oder Empörung darüber, wie etwas ist. Man hört die Auflehnung im Tonfall und in der Wortwahl.

Wir möchten, dass es nicht so ist, wie es gerade ist. Wir sind nicht einverstanden damit, dass es jetzt gerade so ist. Wir lehnen uns dagegen auf, dass es jetzt so ist. Und meinen, ohne diese Auflehnung könnten wir nicht aktiv werden, uns nicht wehren. Wir meinen, ein Tun um die Sache zu ändern käme aus der Auflehnung und je höher dieses innere Dagegenstemmen sei, desto kraftvoller sei die Tat, die den Zustand ändert.

Allein die Auflehnung ändert nichts am Sosein der Dinge. Wir können das Sosein der Dinge nicht ändern. Die Dinge sind so, wie sie sind, jetzt gerade, und das hat nichts mit Resignation, sondern mit Realität zu tun.

Aber wir wissen, dass alle Dinge sich beständig ändern. Deshalb können wir etwas tun, das die Dinge in eine bestimmte Richtung bewegt.

Auch dieses Tun muss aber frei von jener inneren Muskelanstrengung sein. Weil dieser innere Muskel es nicht ist, was uns zur Tat führt. Und weil dieser innere Muskel nicht das ist, was wirkt. Er spannt sich bloss an und verbraucht unsere Energie. Energie, die dann nicht für das Tun zur Verfügung steht. Energie, die den Geist belegt. Den Geist, das Denken, das wir zum klaren Tun bräuchten.

Die Tat, das Tun muss aus einer Art Fliessen kommen. Man ist wach, sehr wach, innerlich, und klar. Man weiss genau, was man tut und was dieses Tun bewirkt. Man forciert nichts. Man tut einfach in einem guten Rhythmus das, was zu tun ist. So, wie man ruhig ein- und ausatmet. Es ist ein Schwingen. Eine Art Tanzen. Der innere Muskel ist nicht angespannt. Man lässt sich sozusagen tragen von dem, was gerade ist, von dem Fliessen des Tuns, von den Bewegungen, die man dazu tun muss.

Die Kreativität erreicht den höchsten Grad. Es ist nicht eine Kreativität, die aus dem Denken kommt, sondern eine, die aus dem Innersten Fliessen kommt. Man ist kreativ, schöpferisch.

Die Bewegung geht nicht nur in eine Richtung. Es gibt Saat und Ernte. Es gibt Tag und Nacht. Es gibt Einatmen und Ausatmen.

Es gibt diese beständige Steigerung, die wir heute in allen Bereichen des Lebens, vorallem in den Tätigkeiten so leben wollen, nicht. Das entspricht keinem Naturgesetz. Wir selber sind dafür nicht gemacht.

Selbst Gott hat am siebten Tag geruht. Und selbst eine Maschine muss man anhalten um sie zu reinigen und zu reparieren.

Das Geheimnis des wirkungsvollen Tuns liegt darin, als erstes hinzuschauen, was ist. Den Dingen zu erlauben, dass sie sind, wie sie sind. Einem selbst zu erlauben, dass man ist, wie man ist. Man muss nichts hinzufügen, um zu sein.

Wenn man so wach hinschaut, kann man auf die Dinge antworten und eingehen. Man gibt das mit hinein, was man ist und wozu man fähig ist. Und dann schaut man wieder, wie es weitergeht. Wie die Situationen, die Menschen antworten und wie das Leben antwortet.

Es ist ein stetiger Wechsel zwischen sehen, was ist und selber etwas beitragen.

Wie atmen. Ein und aus.

Trauerbild

Trauer ist wie ein Krug mit einem Getränk.
Wenn man ja zur Trauer sagt, sie versteht und sich zugesteht, kann man mal in kleinen, mal in grösseren Schlucken davon trinken. Jeder Schluck spült einen Stein von der Seele und erfrischt das Herz.
Wenn man die Trauer nicht versteht oder sich nicht zugesteht, wenn man sie wegschickt, beiseite stellt und mal mit dem Leben weitermacht, als wäre nichts, schmeckt es bitter. Man kriegt nur kleine Schlucke runter, oder vielleicht gar nichts. Die Steine bleiben.
Wenn man den Trunk unangetastet stehen lässt, wird er faul.

Es geht darum, alles bis zum Grund auszutrinken, bis der Krug leer ist.

Es geht nicht ohne Kompromisse

Das wird schwierig, das mit plastikfrei.
Meine Recherchen ergaben folgendes: Im kleinen Milch-Quartierladen kann ich ausser Joghurt und Sahne nichts im Glas kaufen. Die offene Milch – ich habe nicht mehr nachgefragt, ob sie noch erhältlich ist – mögen meine Kids eh nicht. Der Käse wird zwar offen verkauft, ist aber samt und sonders in Frischhaltefolie gewickelt, bzw. damit abgedeckt. Also richtig plastikfreien Käse gibt es nicht. Die kleinen Produzenten dürfen nichts mit Glas in die Grossverteiler mehr liefern, meinte der Milchmann. Irgendwann hätten wir diese Rechnung zu bezahlen.
Butter ist in Kunststofffolie gepackt, oder nicht bio, ausser dem aus der sauteuren Pro Montagna Linie.
Die Molkerei im Nachbardorf wird nächste Woche unter die Lupe genommen. Falls ich dort nicht fündig werde, gibts für mich momentan fast keine plastikfrei erhältlichen Milchprodukte.
Plastikfreies Brot hab ich noch nicht gefunden, beim Grossverteiler zumindest nicht. Bloss Brötchen im Offenverkauf darf ich in selbst mitgebrachte Beutel packen. Vermutlich gilt das für die Theke vor dem Laden auch. Nachgefragt habe ich nicht. Als nächstes nehme ich mir die Bäckerei im Quartier vor.
Apropos Nachfragen: Das muss ich beim Lieblingsgrossverteiler doch noch. Wurst und Fleisch offen zu kaufen, wäre schon mal ein Fortschritt. Erschrocken hab ich festgestellt, dass ich nicht mal weiss, wo die nächste Metzgerei wäre.

Sicher ist, ohne Kompromisse geht es nicht. Warum verkauft denn niemand die Dinge in Bio-Qualität, schadstoffarm, zusatzstoffffrei, gescheit oder gar nicht verpackt und fair gehandelt?

Der Widerstand in meiner Familie ist auch nicht ohne. Figlia meinte: „Also wenn du jetzt alles selber machst, zieh ich aus.“ Fragen kommen: „Gehst du jetzt ernsthaft mit diesen Beuteln einkaufen?“ „Warum ist das jetzt plötzlich so ein Riesenthema! War doch vorher auch nicht wichtig, oder?“ „Oh, Achtung! Plastik!“ wird gewitzelt und die Augen werden verdreht, wenn ich irgendwas zum Thema sage.

Weitermachen, und zwar still und leise, ist die Devise. So schnell gebe ich nicht auf.