Abschied

Nun bist du fort. Für immer unerreichbar. Unvorstellbar und doch war es vorauszusehen, nur verdrängt. Wem erzähle ich nun mein Leben? Wer kennt meine ganze Geschichte?

Tausend Gedanken stürmen meinen Kopf. Sie sind schneller, viel schneller als sonst, eilen atemlos, planlos von einer Ecke in die andere. Ich kann sie nicht sortieren. Sie halten mich wach. Ich denke sie nicht. Sie denken mich.

Wo bist du jetzt? Wohin kommt man, wenn man stirbt? Und wenn man so stirbt auch? Kannst du mich sehen?

Es war vorauszuahnen, dass du eines Tages deinen Versuch von vor drei Jahren wiederholen würdest, diesmal aber richtig. Das ist dir gelungen und darauf bin ich nicht stolz.

Ich wusste nicht, dass Trauer so anders ist, wenn jemand aus eigener Entscheidung ging. Es gibt vor lauter Gedanken und Entsetzen keinen Platz für sie. Noch nicht.

Ja, ich war die einzige, mit der du offen und laut darüber nachdenken konntest, wie es wäre, wenn. Ich bin nicht weggerannt, habe nicht geschimpft, nicht geweint, dir keine Vorwürfe gemacht. Ich wusste um die Dunkelheit in dir seit jenem Februartag. Dunkelheit, die nichts und niemand vertreiben konnte, nicht einmal Gebet.

Wie soll ich dir Vorwürfe machen, dass du nicht mehr damit leben kannst? Wie soll ich dir Vorwürfe machen, du würdest deine Familie im Stich lassen, wenn ich dich doch kenne, du, die alle anderen immer vor dich gestellt hast, immer geholfen hast, dich verschenkt hast? Wenn so eine wie du dahin kommt, diesen Weg zu wählen, dann darum, weil sie die Hölle, in der sie lebt, nicht mehr aushält. Nicht weil sie zu schwach gewesen wäre, sondern weil so etwas unvorstellbar Grauenvolles einfach nicht auszuhalten ist. Wie hast du das bloss die drei Jahre lang überlebt? Wie konntest du so lange immer noch einfach geradeaus gehen und deinen Alltag gut bewältigen, im Inneren ein einziger Abgrund? Wie konntest du mir aufmunternde Nachrichten schicken als ich eine zweite Fehlgeburt erlitt, während du doch selber so tief unten warst, wie man tiefer nicht sein kann? Wie in einem Schacht fühltest du dich, immer tiefer rutschend, nichts dagegen tun könnend.

Wie hätte ich etwas dagegen tun können?

Aber die Gedanken kommen. Hätte ich anders reagieren sollen? Etwas anderes sagen sollen? Hätte ich mehr für dich dasein sollen? Hätte das was geändert?

Ja, ich wäre diesen letzten Weg mit dir mitgegangen. Auch wenn ich noch immer nicht weiss, ob es richtig ist, das zu tun. Du hast die Argumente gründlich aufgeweicht, ohne etwas zu sagen.

Jetzt bist du fort. Für immer. Ich weiss nicht, wer mir je so zuhören kann, wie du es konntest. Ich weiss nicht, wer solche Fragen stellt, die mitten ins Zentrum treffen, mich herausfordern, die mich niemals in Frage stellen, aber die sanft an die Tür stupsen, die ich die ganze Zeit übersehen habe. Ich weiss nicht, wer mir je diese Freundin sein soll, die mir niemals einen Vorwurf macht, wenn ich mich eine Weile nicht melde, weil sie weiss, dass mir immer im dümmsten Moment einfällt, dass ich anrufen könnte, zu Unzeiten, zu denen man einfach nicht anrufen kann.

Ich habe mich nicht von dir verabschiedet. Ich wusste nicht, dass es Zeit gewesen wäre. Vielleicht war ich so ruhig, als wir darüber redeten, weil ich meinte, das dürfte ich dann, einst am Tag X. Ich meinte, ich könnte dir all das noch sagen, was ich dir sagen wollte. Ich dachte, dass du einen leichteren letzten Weg nehmen würdest. Sauber und leise. Ruhig und still und vorbereitet. Und dass ich es wüsste, nicht, dass du mich damit erschreckst. Ich hätte dich gerne begleitet, auch wenn es mir das Herz gebrochen hätte.

Jetzt bist du fort. Ich kann es nicht glauben. Ich kann nicht weinen.
Ich kann nur meinen alles überspülenden Gedanken zuhören und mein Leben ein wenig für dich mit leben. Jetzt erst recht.

Ich fürchte den Moment, wo es bei mir ankommt, dass du fort bist. Für immer.

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2 Gedanken zu “Abschied

  1. Oh du, ich muss gleich weg, aber ich möchte, dass du weisst, dass ich gelesen habe. Soviel nur, erschüttert bin ich, erschrocken, und ich wünsche dir, dass dann, wenn die Tränen kommen, du Arme hast, die dich halten. Ich melde mich…
    Von Herzen, Gabriela

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