Trauer ist vielschichtig

Heute Morgen las ich einen wunderbaren, sehr treffenden Artikel über Trauer. Es ist genau so.

Ich denke darüber nach, ……. Wie sie sich zusammensetzt und dass es das kaum je gibt: pure Trauer. ………Von den Verdrängungsmechanismen und dem Schockzutand, von der vodergründigen Geschäftigkeit und den nächtlichen Zusammenbrüchen.

Und davon, wie die Trauer in die Seele einsickert und sich dort einnistet, ganz allmählich und mit einer langsamen Bewegung, weil sie weiß, sie hat alle Zeit der Welt. Sie ist gekommen, um zu bleiben.

Das Verstummen bei der Todesnachricht, der Kopf, dem klar ist, dass das tatsächlich stimmt, die Gefühle, die nicht nachkommen, Erleichterung, Schuldgefühle, weil man nicht erleichtert sein darf, wenn ein lieber Mensch stirbt, Schuldgefühle, weil ich doch dies oder das hätte tun, sagen oder sonstwas müssen, Fragen ohne Ende, das Meer voll ungeweinter Tränen und kein ruhiger Ort für mich, an dem ich sie hätte kommen lassen dürfen, die Einsamkeit, weil der einzige Mensch, der meine ganze Geschichte erfassen konnte, und auch jetzt genau wüsste, wie es mir geht, nun nicht mehr da ist, und das ohne Abschied, all das habe ich genau so erlebt, wie die Autorin.

Trauer ist vielschichtig. Und mächtig. Sie kann uns lähmen, uns vereinnahmen und anfüllen mit einer Wucht von Gefühlen, die wir sonst im Leben kaum kennen. Sie ist wie die Schattenseite von großer Liebe oder großem Glück – etwas, das schon immer da war als Möglichkeit und das sich jetzt entfaltet. Gekoppelt an die unbarmherzige Erfahrung von totalem Verlust, ist sie wie ein Schatten, der uns fortan begleitet, mal heller, mal dunkler, aber immer da. Und zugleich ist sie das, was den Gegenpol, das Glück, die Liebe, den Genuss all der schönen Dinge dieser Welt, noch heller leuchten lässt.

Ich hadere mit diesem Teil noch. Trauer ist der Schatten, der immer da ist, der Gegenpol. Ich fürchte mich vor dieser Schattenseite, die umso grösser ist, je grösser das Licht – und umgekehrt. Ich fürchte mich davor, das Liebste eines Tages zu verlieren.

Etwas in mir weiss, dass das so sein muss. Und der andere Teil ist einfach müde und wütend, dass es so sein muss. Ich bin gezwungen, zu akzeptieren, dass dieses Gesetz unabänderlich ist, und das passt mir nicht. Ich werde nicht gern gezwungen. Mein Herz ist noch nicht bereit, nachzugeben. Eines Tages wird es einwilligen, dass es so ist, wie es ist. Jetzt noch nicht.

Erwartungen

In immer wiederkehrenden Kreisen, jedes Mal an etwas anderer Stelle und aus anderer Sicht, gelange ich an die selben Themen. Eins davon ist Erwartungen.

Auf Dirks Blog las ich gerade einen wunderbaren Artikel darüber. Er beschreibt meine Erfahrungen besser als ich es selbst könnte. Und daher möchte ich ihn mehr als nur in der Seitenleiste empfehlen.

Im oberen Teil liest der Artikel sich so, wie tausend andere: „Du musst nur…., dann wird alles gut…“
Dann wird er auf einmal wunderbar praktisch, wie es denn aussehen könnte, wenn man seine Erwartungen loslässt, und grenzt sich gleich nach der anderen Seite ab:

Das heißt aber nicht, dass du nicht handelst – du kannst in einer Weise handeln, die in Übereinstimmung mit deinen Werten ist und die Welt beeinflusst. Aber dabei hast du keine Erwartung, wie die Welt auf deine Handlungen reagiert.

In den letzten Monaten und Jahren lernte ich schmerzhaft, dass meine Erwartungen andere Menschen einengen, bedrängen und bis zur Handlungsunfähigkeit blockieren können. Ich sperre sie damit ein.
Das einzusehen, tat weh und war gleichzeitig eine Erleichterung, aber nun war ich hilflos und wusste nicht, wie ich meine Erwartungen loswerden kann.

Dieses Hinsehen, was ist, dieses Erkennen, das in dem obigen Artikel beschrieben ist, übte ich im Zen und fing an, es auf meinen Alltag zu übertragen.

Das hat eine Verwandlung eingeleitet. Ich lernte, zu formulieren, was ich fühle und mich ernstzunehmen darin. Ich lernte, meine Bedürfnisse zu vertreten und dennoch ihre Erfüllung nicht zu erwarten. Ich lernte Selbstliebe. Ich lernte, hinzusehen, wie etwas wirklich ist und nicht, wie ich es mir wünsche. Ich lernte, über meine Enttäuschungen zu reden, ohne mein Handeln zu verurteilen oder mich zurückzuziehen oder anderen Vorwürfe zu machen. Ah, und zuvor lernte ich im Augenblick, im Jetzt zu leben. Und zuvor…. Mein Weg ist ein fortlaufender mit rotem Faden, aber das muss ich glaub ich nicht erwähnen ;-)

In letzter Zeit findet sowas wie eine Hauptprobe im Loslassen von Erwartungen statt. Schritt für Schritt lerne ich, in eine ungewisse Zukunft zu gehen, ohne das, was ich gerne wollte, zu forcieren. Ich lerne zu warten, bis der richtige Zeitpunkt für Dinge gekommen ist oder bis andere Menschen in meinem Umfeld handeln. Ich lerne das so zu tun, dass ich trotzdem handle, so, wie es meinem Inneren entspricht, aber ich lerne, keine Reaktionen zu erwarten.
Im Moment erlebe ich, dass alle Reaktionen, die ich auf meine Schritte erwarte, anders sind, als ich dachte. Meistens ist das gut und manchmal schmerzhaft. Aber es ist vor allem Augen öffnend und lehrreich.

Langsam sehe ich meine Erwartungen als das, was sie sind: Fantasien. Ich hab sie mir ausgedacht und das könnte ich ebenso gut lassen. Aber auch das muss ich von mir nicht erwarten, einfach so. Es ist meine ureigene Art, die Dinge anzugehen, dass ich mir vorstelle, wie es sein könnte. Das ist ein Verhaltensmuster, das nicht nur schlecht ist und das ich nicht primär loswerden will. Aber ich möchte lernen, anders damit umzugehen und es nur zu meinem Vorteil einzusetzen.

Ich beobachte, dass ich nun zwar nicht frei von Enttäuschungen bin, und das werde ich wohl nie sein, denn etwas zu erwarten, ist normal, aber ich sehe, dass ich die Enttäuschungen immer schneller loslassen kann. Ich erkenne sie, um sie loslassen zu können.

Damit einher geht, dass ich, wenn etwas nicht so läuft, wie ich dachte, niemanden mehr dafür verantwortlich mache. Weder mich, was ein Aufladen von Schuldgefühlen, noch andere, was Vorwürfe zur Folge hätte. Das befreit. Alle.

Es ist wunderbar, unterwegs sein zu dürfen und es lohnt sich, sich auf den Weg zu machen!