Der Feentraum

„Schliess die Augen!“ forderte sie mich auf. „Wir machen jetzt zusammen eine Reise. Ich nehm dich bei der Hand. Magst du mitkommen?“
„Ja, gut. Einverstanden.“
„Also, stell dir vor, dass wir jetzt über eine grosse Wiese spazieren.“
„Funktioniert es auch, wenn ich das nicht sehe?“ unterbrach ich ihren Enthusiasmus.
„Klar. Du kannst dir auch die Stimmung oder das Gefühl dazu vorstellen. Bilder braucht es nicht. Die kommen irgendwann von alleine.“
Ich war skeptisch, aber meine Neugier war stärker.

„Wir gehen jetzt über die Blumenwiese zu einem wunderschönen Wald. Du hörst die Vögel singen. Es ist warm. Die Sonne scheint. Der Wald riecht erfrischend und würzig. Wir gehen einen schmalen, moosbewachsenen Weg entlang.
Und jetzt kommen wir auf eine Waldlichtung. Schmetterlinge tanzen, ein Sonnenstrahl zaubert märchenhaftes Licht.
Hier, auf dieser Lichtung bist du ausserhalb von Zeit und Raum, ausserhalb deines Karmas – du würdest vielleicht Schuld oder Sünde dazu sagen, ausserhalb von Ursache und Wirkung.“

„Das ist doch gar nicht möglich!“ zweifelte ich, „Einen solchen Raum gibt es nicht.“
„Es geht nicht darum, ob es ihn gibt oder nicht. Stell es dir einfach nur vor“, beschwichtigte sie mich.
„Und wo…“
„Schschsch! Geh dorthin. Es gibt diesen Raum! Geh dorthin.“

Ihre Stimme war leise und beruhigte mich.
Ich versuchte es also. Ein Raum, ausserhalb von allem? Ein Stück Himmel! Ein Stück Ewigkeit. Mir war plötzlich leicht und warm und die Luft schien mehr Sauerstoff zu enthalten.

„Hier, an diesem Ort sind alle Fragen leicht. Hier findest du die Antwort auf alles. Nimm deine schwierigste Frage“, forderte sie mich auf.
Das war nicht schwer.
„Die Antwort, die du darauf findest, wird niemandem schaden. Niemand wird dir Vorwürfe machen oder Anerkennung dafür geben. Hier ist neutraler Raum, frei und unberührt von allem. Egal, wie du dich entscheidest, es wird richtig sein.“

Meine Frage fühlte sich auf einmal nicht mehr wie eine Frage an. Sie hatte sich unmerklich in eine Antwort, in eine Aussage verwandelt und schwebte wie eine Feder vor meinen Augen, tanzte in der Sonne. Ich brauchte sie nur einzufangen, in der hohlen Hand festzuhalten, leicht, ohne sie zu zerdrücken.
Ich war nie zuvor in meinem Leben so glücklich wie in diesem Augenblick.

„Jetzt geh“, sagte sie sanft, „Geh und bewahre die Antwort. Sie kommt aus der Tiefe deines Herzens, aus der Ewigkeit und sie zeigt dir den Weg.“

Ich erwachte aus meinem Traum. Vor dem Fenster waren noch immer der graue Himmel mit dem unbestimmten Licht, die Kälte und das Eis. Es hatte sich nichts geändert und der Platz, an dem ich gewesen war, schien nie existiert zu haben.
Nur in meinem Herzen war ein kleines Licht, das meinen nächsten Schritt erhellte.4stats Webseiten Statistik + Counter
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Die Spur zum Licht

Manchmal, wenn in meinem Leben Dinge passieren, die mich lähmen, Schmerz mich erfasst, der mich unfähig macht, weiter zu gehen, wenn Stürme an meinem Haus rütteln, die mich frieren machen, wenn über meinem Kopf die Wellen zusammenschlagen und ich drohe, zu versinken, dann sehe ich nur das Chaos, spüre nur die Verzweiflung, die Unfähigkeit zu handeln. Mein Blick irrt in den Nebel, findet keine Spur, kein Licht, keinen Ausweg. Meine Hände greifen ins Leere, wenn ich meine, etwas gefunden zu haben, was mir Halt gibt. Meine Hilferufe verhallen im Nichts.
Ich entferne mich von Gott, der in meinem Inneren ist. Ich verliere mich in Gedankenstürmen, verliere mein Zentrum, meine Mitte. Ich verliere die Spur zum Licht.

Dann ist es Zeit, wieder nach innen zu sehen. Weg von allem Schmerz und Chaos, weg von allen Dingen und Umständen, die sind, wie sie sind.
Auf einmal erinnere ich mich wieder daran, was in einem sehr weisen Buch steht:

Mt 6,33 Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.

Und an den zweiten Satz über jenes geheimnisvolle Reich Gottes, der für mich der Schlüssel für das Verständnis dieses Begriffs ist:

Lk 17,20/21 »Das Reich Gottes kommt nicht mit äußerlichen Gebärden … sehet, das Reich Gottes ist inwendig in euch«

Dann nehme ich die beiden Worte und versuche, sie in meinem Herzen aufzubewahren. Und ich versuche, der Spur zum Licht zu folgen. 4stats Webseiten Statistik + Counter
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Angst oder Grossherzigkeit?

Was ist es, was uns Rücksicht nehmen lässt, was uns dazu bringt, unsere Bedürfnisse zu ignorieren, manchmal bis zur Selbstverleugnung?
Was ist es, was uns Träume vergessen lässt, andere Wege einschlagen lässt, als die, die wir eigentlich wollten?
Was ist es, was uns schweigen lässt, wenn wir angegriffen und in Frage gestellt werden?
Was ist es, was uns dazu bringt, die andere Wange hinzuhalten?
Was ist es, was uns bewegt, zu geben, zu geben und wieder zu geben, bis wir ganz leer und ausgebrannt sind?

Nächstenliebe? Barmherzigkeit? Grosszügigkeit? Gar Grösse? Weisheit? Oder eine andere hohe Tugend?
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Ist es nicht meistens eher Feigheit, die uns schweigen lässt, wenn wir übergangen werden?
Mangelnde Selbstachtung? Wir fühlen uns nicht wertvoll genug, als dass unsere Träume in Erfüllung gehen, dass wir glücklich sind, nicht wichtig genug, als dass wir das Recht hätten, angehört, ernstgenommen, ja geliebt, beschenkt und umsorgt zu werden
Oder ist es vielleicht Angst, dass alles anders werden könnte, dass das Vertraute für immer verschwindet?
Angst vor einem Land, das uns gänzlich unbekannt ist.
Oder Angst, dass wir in die Hölle kommen würden, oder zumindest bei Gott nicht mehr sehr gute Karten hätten? Im gemilderten Fall, nämlich dann, wenn wir Gottes Gnade schon kennen, fürchten wir uns immerhin vor unseren Mitglaubenden.
Angst, schief angesehen zu werden?
Angst, als egoistisch abgestempelt zu werden?
Angst, Freunde zu verlieren?
Angst, andere vor den Kopf zu stossen?
Angst, Verständnislosigkeit und Ablehnung zu kassieren?
Letztlich Angst, nicht geliebt zu werden?
Vielleicht ist Angst ein zu heftiges Wort und „Furcht“ trifft es eher, aber das ist im Grunde dasselbe.

Der Mensch will immer, dass alles anders wird, und gleichzeitig will er, dass alles beim alten bleibt.

Wir alle – auch ich – sind in dem Augenblick feige, in dem wir unser Leben ändern könnten.

Es ist immer einfacher, an die eigene Güte zu glauben, als den anderen die Stirn zu bieten und für die eigenen Rechte zu kämpfen. Es ist immer einfacher, eine Beleidigung stillschweigend hinzunehmen, als den Mut aufzubringen, gegen jemand Stärkeren zu kämpfen. Wir können noch so sehr so tun, als ob der Stein, der auf uns geworfen wurde, uns nicht getroffen hätte – nachts, im stillen Kämmerlein, wenn unsere Bettgefährten schlafen, weinen wir dann über unsere Feigheit.

Zitate aus Der Dämon und Fräulein Prym von Paulo Coelho

Könnte es sein, dass wir in einem Paradoxon gefangen sind: Wir fürchten uns davor, glücklich zu sein und geliebt zu werden, weil wir denken, dass uns dies nicht zusteht oder irgendwie anmassend wäre. Gleichzeitig rennen wir im Grunde unser ganzes Leben hinter diesen beiden Dingen her.
Die Frage ist jetzt nur: Wie kommen wir da wieder raus?

Ich lese mal weiter, vielleicht kommt die Antwort ja noch. Bin erst auf Seite 50 ;-)

Wegweiser

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Die Luft ist kühl und feucht, riecht nach weichem, grünem Moos und frischen Pilzen. Es ist, als ob der Wald atmen würde. Ich steige hoch und höher. An jeder Ecke gibt es Neues zu sehen. Wunderbare Pflanzen mit roten, filigranen Blättern, moosbedeckte Steine, Baumstrünke, Grün in allen Schattierungen. Ich fotografiere. Versuche, die Eindrücke festzuhalten.
Irgendwann bin ich innen und aussen müde, und es folgt immer wieder noch eine Biegung und noch eine. Ich habe schon lange das Gefühl, ich müsste gleich oben sein, aber der Weg will sich nicht öffnen. Ich habe keine Ahnung, ob es überhaupt der Richtige ist, oder ob ich mich doch im Lesen der Karte geirrt und den falschen Einstieg gewählt habe.
Ah, da vorn ist eine Kreuzung. Da ist sicher auch ein Wegweiser. Meine Schritte werden kräftiger und hoffnungsfroh, angespornt durch die Gewissheit, gleich den wichtigen Hinweis zu erhalten.
Ausser Atem bleibe ich stehen, ziehe erst mal die Wasserflasche aus dem Rucksack um mich zu erfrischen und wische mir den Schweiss von der Stirn.
Da ist ja der Wegweiser! Ich lese. Aber ich verstehe nicht. Ich sehe drei, vier Möglichkeiten, nein, ist das hier nicht auch noch eine? Auf welchem Weg komme ich zu meinem Ziel? Ich lese wieder, langsam und konzentriert, versuche, was ich lese einzuordnen. Vom Studieren der Karte sollten mir doch wenigstens die Namen bekannt vorkommen. Aber es ist, als hätte mein Gedächtnis sich geweigert, irgendwas davon zu speichern. Heute verstehe ich gar nichts.

Hier gibts keinen Fifty-Fifty-Joker. Der Publikumsjoker funktioniert auch nicht. Manche Entscheidungen muss man alleine, draussen im Wald treffen. Ach ja, den Telefonjoker gibts noch. Mist! Kein Empfang!
Soll ich es wie Franziskus machen? Von ihm wird berichtet, dass er in solchen Situationen seine Augen schloss und sich solange um sich selbst drehte, bis er das Gleichgewicht verlor. Jene Richtung, in die er dann blickte, wählte er als seinen Weg. Ein Orakel sozusagen.
Auf diese Weise könnte ich die Bibel an zufälliger Stelle aufschlagen und das Gelesene als Hinweis auf meine Situation nehmen. Auch das hat Franziskus praktiziert. Christliches Orakel, sozusagen.

Ich frage und lese, frage wieder, lese wieder. Diesmal nehme ich verschiedene Übersetzungen. Ganz langsam und leise entsteht ein Gefühl dafür, in welche Richtung der Weg gehen könnte.
Ich nehme mein Tagebuch und schreibe mir das Wichtigste auf. Versuche es in eigene Worte zu fassen. Das Bild wird klarer, fassbarer und bleibt doch durchsichtig und in der Schwebe wie eine Seifenblase. Niemand kann mir sagen, ob ich richtig sehe, das Erkannte wahr ist, oder nur Interpretation. Niemand kann mir garantieren, dass ich ans Ziel komme, obwohl das einige glaubhaft und sehr überzeugt verkünden.
Niemand kann mir allerdings die innere Gewissheit nehmen, dass alles, was mir widerfährt, wunderbar gelenkt ist und perfekt zusammenpasst, vom Himmel eingefädelt, und dass deshalb keiner meiner Wege falsch ist. Nehme ich einen vermeintlichen Umweg, dann wird „die Route neu berechnet“.
In manchen Momenten ist mir dies sonnenklar. In anderen hab ich das Gefühl, durch dicken Nebel zu waten und nicht mal bis zu meinen Händen sehen zu können.

Der Meister sagt: “Die Wegkreuzung ist ein heiliger Ort. Hier muß der Pilger eine Entscheidung treffen. Daher schlafen und essen die Götter für gewöhnlich an einer Wegkreuzung. Wo sich Wege kreuzen, konzentrieren sich zwei große Kräfte – die des Weges, der gewählt wird, und die des Weges, der verworfen wird. Beide werden für einen kurzen Augenblick zu einem Weg. Der Pilger kann ausruhen, ein wenig schlafen und sogar die Götter befragen. Doch niemand kann für immer dort bleiben: Ist die Wahl einmal getroffen, muß er weitergehen, ohne über den Weg nachzudenken, den er nicht eingeschlagen hat. Sonst wird die Wegkreuzung zu einem Fluch.”
Paulo Coelho

Das innere Licht

Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geboren, und nicht in dir, du bleibst doch ewiglich verloren.

Angelus Silesius.

Christus in dir geboren? Was heisst das?
Es heisst, Christus, das Licht, in dir geboren.
Bedeutet: Das Innerste, Gott, zum Leuchten bringen, zum Zug kommen lassen. Sich zurücknehmen. Das äussere, fordernde Ich liebevoll überhören, beschwichtigen wie ein kleines Kind, und manchmal grosszügig gewähren lassen, wenn es seine illusorischen Wünsche anmeldet, wenn es gierig und trotzig hinter allen möglichen Befriedigungen her läuft, in der Hoffnung, dass dadurch die leere Stelle im Inneren Erfüllung findet.
Ist solche Sehnsucht nicht gut? Treibt sie uns nicht, uns auf die Suche zu machen? Auf die Suche nach jenem Licht, das in uns wohnt und Gott ist.
Die Suche, der Weg, ist lang und kurz, schmerzhaft und schön, spannend und zermürbend, voller Freude und Verzweiflung. Er ist das Leben selbst.

Und wenn du dich entschliesst, dich heute auf den Weg dorthin zu machen, wirst du von jetzt an geführt werden. Erst unmerklich, leise. Aber du wirst mit der Zeit die Sprache besser und besser verstehen, dich immer seltener dagegen wehren. Immer rascher folgen, weil das Licht dich zieht.
Vieles wirst du erst im Nachhinein erkennen und das Wichtigste wird sein, immer wieder aufzustehen. Egal, wie bequem das Sofa oder wie schmutzig die Strasse ist.
Es ist eine Entscheidung zu lebendiger, um nicht zu sagen, heiliger Unruhe. Kein Sofa – Bett – Tisch – Leben, aber eins, das du nie mehr missen möchtest.

Und wenn deine Entscheidung tief und gänzlich ist, wird nichts und niemand dich von diesem Weg abbringen können, das Licht zu werden, damit Gott selbst in dir geboren wird.