Jetzt

Seit langem beschäftigt mich das Thema Leben im Augenblick. Immer wieder kommt es von anderen Seiten auf mich zu, wird anders formuliert und beleuchtet, und jede Begegnung damit zeigt mir ein weiteres Puzzleteilchen für das Gesamtbild.
Irgendwie war da aber immer der Wurm drin. Auf der praktischen Seite. Ich lebe ja im Alltag und dort geht solches Jetztbewusstsein schnell verloren. Und schon ist der Tag um und ich merke, tja, euphorisch gestartet, aber nach ein paar Minuten lebte ich in der Vergangenheit oder in der Zukunft und habe dabei das Heute verpasst.

Ich lese gerade das Buch von Eckhart Tolle mit genau diesem Titel: Jetzt! Dort drin fand ich nun eine ganz einfache Übung, die meine Jetzt-Zeiten drastisch gesteigert hat.
Es geht darum, dass du versuchst, deinen Körper von innen zu spüren. Das feine Energiefeld zu spüren, eine Art Kraft, die den ganzen Körper erfüllt und pulsierendes Leben in jede Zelle bringt.
Erst ist das vielleicht nur als leichtes Kribbeln in den Händen zu spüren. Mit der Zeit wird es einfacher und ist auch mit offenen Augen zugänglich, während du deinen Alltagsgeschäften nachgehst.
Tolle fordert auf, nicht zu sehr darüber nachzudenken, sondern einfach zu fühlen, zu probieren und zu beobachten, was dann passiert. Also gut, dachte ich, üben wir mal.

Am Anfang spürte ich wirklich nur das leichte Kribbeln, ein Gefühl dafür, dass hier Blut fliesst, der Körper lebendig ist, atmet. Mein Beobachten kam von aussen. Der Blick richtete sich nach innen.
Mit der Zeit stellte ich fest, dass ich dieses Gefühl, dass eine Kraft in mir fliesst, schon kannte. In ein paar sehr intensiven Augenblicken und Zeiten meines Lebens, wo der Himmel weit offen stand, spürte ich genau dies.
Ich freute mich, dass ich nun das Bekannte vertiefen konnte und beobachtete und übte weiter. Ich dachte nicht so sehr darüber nach. Ich tat.

Seitdem sind ein paar Wochen vergangen. Ich übe immer noch und es hat sich viel verändert. Leise und fliessend und ganz von alleine. Jetzt, mit Abstand und einem Zurückblicken, sehe ich es sehr klar.

Ich bin viel grössere Teile meines Tages wirklich anwesend im Hier und Jetzt. Damit fliesst die Zeit für mich langsamer und intensiver.
Ich denke viel weniger nach und damit meine ich nicht das Planen und Organisieren meines Lebens, sondern das Reflektieren über das, was ist und das, was gewesen ist. Man könnte auch Grübeln sagen ;-)
Ich spüre dieses Etwas, dieses Unveränderliche, Unantastbare, das tief in mir ist, viel deutlicher und beziehe meinen Halt mehr und mehr daraus.
Negative Gefühle können mich nicht mehr so leicht überwältigen. Sie tun es noch, keine Frage, aber nicht mehr so rasch. Ich kann, so bald ich es vermag, viel unmittelbarer als früher, eine beobachtende Haltung einnehmen, sie fühlen und annehmen, mich aber nicht darin verwickeln lassen, sondern den Beobachterposten wahren. Dann fühlen sie sich ernstgenommen, wahrgenommen und können wieder gehen, lösen sich auf.
Es gibt auch eine Art Leere. Der Verstand verliert Arbeit, wenn ich mich weniger mit ihm identifiziere. Ich lasse ihn nicht mehr ständig urteilen, ob etwas gut oder schlecht ist. Dann weiss er nicht so recht, was er anfangen soll damit, denn er möchte doch Recht haben, kämpfen oder wenigstens trotz der Widrigkeiten des Lebens wachsen und sie damit besiegen. Das Bedürfnis, die negativen Dinge festzuhalten, indem man sie teilt, ist viel kleiner. Giannina hat dies alles hier viel besser, als ich es könnte, beschrieben. Solches Teilen des Schweren, das man erlebt, kann viel Halt bedeuten. Kann Beziehungen beleben. Anerkennung bringen. Anteilnahme und Liebe spürbar werden lassen. In dieser Zwischenzeit, Zwischenwelt, in der ich mich nun befinde, wo das eine nicht mehr greift und das andere noch nicht greifbar ist, suche ich nach anderen Formen, Liebe und Verbundenheit auszutauschen. Die Lücke möchte gefüllt werden. Womit und wie, das hab ich noch nicht so ganz entdeckt.

Einen heftigen „Rückfall“ hatte ich. Irgendwie und unbemerkt war ich plötzlich wieder eine längere Zeit ganz in meinen Gefühlen gefangen, und es fühlte sich wirklich, im Gegensatz zu dem Sein im Jetzt, ganz klebrig und verstrickt an. Der Tag war gefüllt mit Nachdenken, mit in Gedanken beurteilen, was und wie es ist. Ich wollte aber wieder zurück zu der Tiefe, zu dem Standpunkt, von dem aus ich die Welt von meinem Inneren her wahrnehme und den Kopf viel weniger für spekulatives Denken „missbrauche“. Den Zustand einer leisen, innren Freude, die nicht vergeht, auch wenn an der Oberfläche der Sturm tobt.
Ein Spaziergang half mir sehr, wieder zurück ins Jetzt zu kommen. Ich konnte einfach nur sein, die Natur ansehen, spüren, die Stille im Inneren wieder finden. Nicht denken.

Es ist sehr schwer, wirklich in Worte zu fassen, was sich geändert hat. Zeitgleich sind wir umgezogen, hat sich somit unsere äussere Situation verwandelt und es mir auch erleichtert, die neue Gewohnheit intensiver umzusetzen. Das ist kein Zufall und war höchste Zeit. Ich kann dir darum nicht sagen, welche Änderungen von innen, welche von aussen kommen. Aber da wahre Veränderung immer von innen kommt, mache ich mir keine Gedanken.

Ich möchte dich ermutigen. Versuche es einfach. Lies selbst. Probiere. Beobachte. Verlege den Standpunkt, von dem aus du die Welt wahrnimmst, nach innen. Dort ist das Leben, die Quelle.