letzter Wunsch

Welchen Sinn hat das alles? Worauf kommt es an?
Warum gibt es Menschen, eine Erde, das All? Wozu?
Das ist keine Kinderfrage.

Die Trauer ist so anders. Vermischt mit etwas Diffusem, etwas, das nach dem Betäubtsein der ersten Tage die Sicht vernebelt und die Tränen erstickt. Und wenn sie fliessen können, lösen sie nichts.

Ich verstehe die Welt nicht mehr. Meine Fragen finden nur neue Fragen und Antworten gibt es nicht. Mein Weltbild ist gehörig ins Wanken gekommen. Ich weiss nicht mehr, was ich glauben soll. Gibt es diesen Gott, so, wie wir ihn meinen zu kennen? Kann man ihn überhaupt kennen? Er sagt nichts. Jedenfalls nichts, das ich hören würde.

Die Gedanken an deinen Tod sind nicht mehr so ungestüm und omnipräsent. Ich habe gegoogelt und bin ziemlich erschrocken, wie einfach man zu meinen beiden Suchbegriffen Seiten mit detaillierten Anleitungen findet. Nüchtern und sachlich formuliert, manchmal umschmückt mit im Voraus gefundenen Überlegungen und Argumenten von solchen, die ihr Abtreten öffentlich und akribisch geplant haben und nun ihre Erkenntnisse wenigstens noch an Leidensgenossen und Hinterbliebene weitergeben wollen. Eine Versicherung, dass es möglichst kurz und schmerzlos sei.

Aber gibt es die? Hast du die Seiten auch gefunden?
Ich hoffe es und dass deshalb dein Tod einigermassen kurz und erträglich war.
Man ist allein in diesen letzten Minuten. Niemand weiss. Und ich habe keine Ahnung.

Niemand hat das. Niemand kann auch nur im Entferntesten nachvollziehen, wie gross das Leid sein muss, damit jemand an diesen Punkt kommt. Niemand kann diese grausame Einsamkeit wirklich nachspüren. Niemand hat Antworten, wie es nachher weiter geht. Ob der unerträgliche Schmerz im Augenblick des Todes aufhört?

Das habe ich vor ein paar Tagen geschrieben. Die Zeit fliesst weiter und das Leben mit. Ich habe mich damit abgefunden, dass du nicht zurückkommst und dass ich dich nichts mehr fragen und dir nichts mehr erzählen kann.

Man muss mit den Lebenden leben.
Sinn stiften, statt ihn zu finden.
Anderen Menschen erlauben, einem zu beschenken.
Sich um das Geben, statt um das Erhalten kümmern.

Ich wünsche dir Ruhe, dort, wo du bist, und dass dein Leiden ein Ende hatte.
Ich wünsche dir, dass du dort angekommen bist, wo du gehofft hast, anzukommen.
Ich wünsche dir Licht und Frieden.

Es ist angekommen

Schleichend hat sich die Trauer einen Weg in mein Herz gefressen und langsam einen Stausee gebildet. Manchmal bricht der Damm.

Die Tränen schmecken bitter. Ich bin nicht damit einverstanden, dass du einfach fortgingst. Aber du stellst mich vor vollendete Tatsachen und das zwingt mich, Ja dazu sagen. Ich weigere mich. Ändern kann ich es doch nicht.

Niemand kann es mehr ändern. Niemand kann mehr etwas dagegen tun. Niemand kann dich mehr liebhaben, bis du wieder gesund bist. Es ist endgültig. Du bist fort. Du kommst nicht wieder. Jetzt weiss ich, warum es Schicksals-Schlag heisst.

Ich kämpfe gegen das Selbstmitleid. Es vergiftet und erstickt die Tränen und brennt ein Loch in meine Seele. Es hält die Trauer in einem Netz aus Fragen gefangen. Warum hast du dich nicht von mir verabschiedet? Du bist einfach gegangen, ohne etwas zu sagen. An mich hatte ich nicht gedacht, als wir vor ein paar Wochen über deinen Abschied redeten.

Was habe ich dir bedeutet? Wusstest du, was du mir bedeutet hast? Wusste ich es? Deine wohl beste Freundin sei ich gewesen, formulierte der Pastor. Beste Freundin impliziert eine Handvoll weitere gute Freundinnen. Ich kenne aber niemanden, den ich so bezeichnen würde. Das erschreckt mich.

War ich deine beste Freundin? Ich weiss es nicht. In den letzten schweren Jahren war ich es dir zu wenig.

Ich habe bei der Trauerfeier deinen Lebenslauf vorgelesen, den du in der Nacht vor deinem Tod verfasst hattest. Teile meines Textes wurden vorgelesen. Ich habe viele Komplimente und Bewunderung für beides geerntet. Es hat weh getan.
Wie kann man das, wenn man die beste Freundin ist? Ich wollte es für dich tun. Das Weinen habe ich währenddessen tief in mir eingeschlossen, damit es mein Herz nicht wegspült.
Viele Menschen kamen, erzählten von dir, auch Fremde und solche, die ich nur von Weitem kannte. Sie umarmten mich und weinten sich an meiner Schulter aus. Sie luden mir ihre Trauer und ihre Fragen auf die Schultern. Sie erzählten mir, wie sie das Schreckliche einordnen und wollten meine Zustimmung zu ihren Antworten. Ich hörte zu, ich nickte, ich umarmte sie, im Inneren ein Meer aus Tränen, und kam mir vor, als wäre ich du.

Jetzt bin ich wieder zu Hause. Mein Herz sucht einen Ausweg, die leere Stelle zu füllen, die du hinterlassen hast. Es gibt sie nicht. Keinen Ausweg und keine, die die leere Stelle füllen könnte.

Ich denke oft an dich. Frage mich, was du antworten und fragen würdest, wenn ich dir von dem erzählte, was ich gerade erlebe.
Aber du bist fort. Du bist tatsächlich fort.

Es gibt keine Antworten. Meine alles überspülenden Gedanken haben ihre Worte verloren. Die Fragen sind ohne Fragezeichen.
Mein Leben geht unerbittlich weiter, auch wenn ich die Zeit ein paar Tage zurückdrehen wollte, ein paar Tage nur, um dir wenigstens Lebewohl zu sagen, dich noch ein Mal zu umarmen, dir zu sagen, was du mir bedeutet hast, dich gehen zu lassen. Ein paar Tage um dir zu danken für alles, fürs Zuhören, und überhaupt…

 

Abschied

Nun bist du fort. Für immer unerreichbar. Unvorstellbar und doch war es vorauszusehen, nur verdrängt. Wem erzähle ich nun mein Leben? Wer kennt meine ganze Geschichte?

Tausend Gedanken stürmen meinen Kopf. Sie sind schneller, viel schneller als sonst, eilen atemlos, planlos von einer Ecke in die andere. Ich kann sie nicht sortieren. Sie halten mich wach. Ich denke sie nicht. Sie denken mich.

Wo bist du jetzt? Wohin kommt man, wenn man stirbt? Und wenn man so stirbt auch? Kannst du mich sehen?

Es war vorauszuahnen, dass du eines Tages deinen Versuch von vor drei Jahren wiederholen würdest, diesmal aber richtig. Das ist dir gelungen und darauf bin ich nicht stolz.

Ich wusste nicht, dass Trauer so anders ist, wenn jemand aus eigener Entscheidung ging. Es gibt vor lauter Gedanken und Entsetzen keinen Platz für sie. Noch nicht.

Ja, ich war die einzige, mit der du offen und laut darüber nachdenken konntest, wie es wäre, wenn. Ich bin nicht weggerannt, habe nicht geschimpft, nicht geweint, dir keine Vorwürfe gemacht. Ich wusste um die Dunkelheit in dir seit jenem Februartag. Dunkelheit, die nichts und niemand vertreiben konnte, nicht einmal Gebet.

Wie soll ich dir Vorwürfe machen, dass du nicht mehr damit leben kannst? Wie soll ich dir Vorwürfe machen, du würdest deine Familie im Stich lassen, wenn ich dich doch kenne, du, die alle anderen immer vor dich gestellt hast, immer geholfen hast, dich verschenkt hast? Wenn so eine wie du dahin kommt, diesen Weg zu wählen, dann darum, weil sie die Hölle, in der sie lebt, nicht mehr aushält. Nicht weil sie zu schwach gewesen wäre, sondern weil so etwas unvorstellbar Grauenvolles einfach nicht auszuhalten ist. Wie hast du das bloss die drei Jahre lang überlebt? Wie konntest du so lange immer noch einfach geradeaus gehen und deinen Alltag gut bewältigen, im Inneren ein einziger Abgrund? Wie konntest du mir aufmunternde Nachrichten schicken als ich eine zweite Fehlgeburt erlitt, während du doch selber so tief unten warst, wie man tiefer nicht sein kann? Wie in einem Schacht fühltest du dich, immer tiefer rutschend, nichts dagegen tun könnend.

Wie hätte ich etwas dagegen tun können?

Aber die Gedanken kommen. Hätte ich anders reagieren sollen? Etwas anderes sagen sollen? Hätte ich mehr für dich dasein sollen? Hätte das was geändert?

Ja, ich wäre diesen letzten Weg mit dir mitgegangen. Auch wenn ich noch immer nicht weiss, ob es richtig ist, das zu tun. Du hast die Argumente gründlich aufgeweicht, ohne etwas zu sagen.

Jetzt bist du fort. Für immer. Ich weiss nicht, wer mir je so zuhören kann, wie du es konntest. Ich weiss nicht, wer solche Fragen stellt, die mitten ins Zentrum treffen, mich herausfordern, die mich niemals in Frage stellen, aber die sanft an die Tür stupsen, die ich die ganze Zeit übersehen habe. Ich weiss nicht, wer mir je diese Freundin sein soll, die mir niemals einen Vorwurf macht, wenn ich mich eine Weile nicht melde, weil sie weiss, dass mir immer im dümmsten Moment einfällt, dass ich anrufen könnte, zu Unzeiten, zu denen man einfach nicht anrufen kann.

Ich habe mich nicht von dir verabschiedet. Ich wusste nicht, dass es Zeit gewesen wäre. Vielleicht war ich so ruhig, als wir darüber redeten, weil ich meinte, das dürfte ich dann, einst am Tag X. Ich meinte, ich könnte dir all das noch sagen, was ich dir sagen wollte. Ich dachte, dass du einen leichteren letzten Weg nehmen würdest. Sauber und leise. Ruhig und still und vorbereitet. Und dass ich es wüsste, nicht, dass du mich damit erschreckst. Ich hätte dich gerne begleitet, auch wenn es mir das Herz gebrochen hätte.

Jetzt bist du fort. Ich kann es nicht glauben. Ich kann nicht weinen.
Ich kann nur meinen alles überspülenden Gedanken zuhören und mein Leben ein wenig für dich mit leben. Jetzt erst recht.

Ich fürchte den Moment, wo es bei mir ankommt, dass du fort bist. Für immer.

Regeneration

…im Schnellverfahren: schwimmen im kalten See, Sonne tanken, Kälte und Wärme spüren und den Wind, essen, wenn ich Hunger habe, einfach, nichts Aufgeplustertes: Salat, Früchte, Nüsse, Brot, Käse, italienische Pasta.
Und dazu: nichts tun. Keinen spannenden Roman lesen. Nichts häkeln oder stricken, nichts für die Schule vorbereiten. Immer weniger nachdenken, bis nach ein paar Tagen alles leer ist. Dann höchstens ein wenig Rilke lesen als frischer Regen für das trockene Land. Atmen. Sein. Und Mut fassen für alles Neue.