Es ist angekommen

Schleichend hat sich die Trauer einen Weg in mein Herz gefressen und langsam einen Stausee gebildet. Manchmal bricht der Damm.

Die Tränen schmecken bitter. Ich bin nicht damit einverstanden, dass du einfach fortgingst. Aber du stellst mich vor vollendete Tatsachen und das zwingt mich, Ja dazu sagen. Ich weigere mich. Ändern kann ich es doch nicht.

Niemand kann es mehr ändern. Niemand kann mehr etwas dagegen tun. Niemand kann dich mehr liebhaben, bis du wieder gesund bist. Es ist endgültig. Du bist fort. Du kommst nicht wieder. Jetzt weiss ich, warum es Schicksals-Schlag heisst.

Ich kämpfe gegen das Selbstmitleid. Es vergiftet und erstickt die Tränen und brennt ein Loch in meine Seele. Es hält die Trauer in einem Netz aus Fragen gefangen. Warum hast du dich nicht von mir verabschiedet? Du bist einfach gegangen, ohne etwas zu sagen. An mich hatte ich nicht gedacht, als wir vor ein paar Wochen über deinen Abschied redeten.

Was habe ich dir bedeutet? Wusstest du, was du mir bedeutet hast? Wusste ich es? Deine wohl beste Freundin sei ich gewesen, formulierte der Pastor. Beste Freundin impliziert eine Handvoll weitere gute Freundinnen. Ich kenne aber niemanden, den ich so bezeichnen würde. Das erschreckt mich.

War ich deine beste Freundin? Ich weiss es nicht. In den letzten schweren Jahren war ich es dir zu wenig.

Ich habe bei der Trauerfeier deinen Lebenslauf vorgelesen, den du in der Nacht vor deinem Tod verfasst hattest. Teile meines Textes wurden vorgelesen. Ich habe viele Komplimente und Bewunderung für beides geerntet. Es hat weh getan.
Wie kann man das, wenn man die beste Freundin ist? Ich wollte es für dich tun. Das Weinen habe ich währenddessen tief in mir eingeschlossen, damit es mein Herz nicht wegspült.
Viele Menschen kamen, erzählten von dir, auch Fremde und solche, die ich nur von Weitem kannte. Sie umarmten mich und weinten sich an meiner Schulter aus. Sie luden mir ihre Trauer und ihre Fragen auf die Schultern. Sie erzählten mir, wie sie das Schreckliche einordnen und wollten meine Zustimmung zu ihren Antworten. Ich hörte zu, ich nickte, ich umarmte sie, im Inneren ein Meer aus Tränen, und kam mir vor, als wäre ich du.

Jetzt bin ich wieder zu Hause. Mein Herz sucht einen Ausweg, die leere Stelle zu füllen, die du hinterlassen hast. Es gibt sie nicht. Keinen Ausweg und keine, die die leere Stelle füllen könnte.

Ich denke oft an dich. Frage mich, was du antworten und fragen würdest, wenn ich dir von dem erzählte, was ich gerade erlebe.
Aber du bist fort. Du bist tatsächlich fort.

Es gibt keine Antworten. Meine alles überspülenden Gedanken haben ihre Worte verloren. Die Fragen sind ohne Fragezeichen.
Mein Leben geht unerbittlich weiter, auch wenn ich die Zeit ein paar Tage zurückdrehen wollte, ein paar Tage nur, um dir wenigstens Lebewohl zu sagen, dich noch ein Mal zu umarmen, dir zu sagen, was du mir bedeutet hast, dich gehen zu lassen. Ein paar Tage um dir zu danken für alles, fürs Zuhören, und überhaupt…

 

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