online

Dieses Medium, das wir sozial nennen, ist alles andere.
Wir schliessen die Türen während wir unseren Laptop öffnen. Jeder sitzt für sich allein in einem Raum. Wir sind mit vierhundertdrölfzig Leuten befreundet und doch allein. Wir gewöhnen uns daran, dass uns niemand in die Augen sieht, wenn wir unterwegs sind. Jeder guckt auf ein kleines viereckiges Kästchen, tippt und wischt mit den Fingern darauf herum und entlockt ihm Informationen. Tamagotchis, die wir am Leben erhalten müssen. Den Weg in einem fremden Ort finden wir nicht über einen netten Kontakt und ein Lächeln, mit einer Karte aus Papier in der Hand oder einem Zettel, auf den eine Adresse gekritzelt ist. Wir gewöhnen uns daran, dass wir unsere Freunde vorallem am Bildschirm sehen, dass die Worte, die wir wechseln, stumm auf dem Screen stehen und wir nicht immer so genau wissen, welchen Tonfall wir uns dazu denken müssen. Wir hören den Trost in der Stimme nicht, nehmen Umarmungen ohne Wärme aus eckigen Klammern und Küsschen ohne Geschmack aus Sternchen entgegen und gucken kleine Bildchen an, die uns sagen sollen, dass da jemand mit uns lacht oder weint. Wenn wir uns mal richtig treffen, sitzen wir einen Grossteil der Zeit nebeneinander und gucken in unsere Kästchen.
Unsere Eltern hatten Recht, wenn sie dachten, dass Game Boy und Konsorten kein wirkliches Spiel, sondern bloss Ablenkung, bloss Zerstreuung sind und uns davon abhalten, Freunde zu finden, alleine schon, wenn wir die verlorene Zeit betrachten, in der wir hätten Freundschaften pflegen können. Und jetzt, da wir erwachsen sind, selber Kinder haben, die selber schon fast wieder erwachsen sind, besteht jede freie Minute aus Zerstreuung. Fast jede. Und wir werden tatsächlich zerstreut. Wer ist noch ganz bei sich, ganz da? Wir würden die Leere spüren, die alle diese Dinge hinterlassen. Wer kann Stille aushalten? Sogar geniessen? Eine Stunde davon täglich, ja, vielleicht nur eine halbe oder eine Viertelstunde wären mehr Erholung und Regeneration als die gesamte sogenannte Freizeit zusammengenommen. Wir haben Spass statt Vergnügen, und diese Worte sagen eigentlich schon alles. Spass kommt von zerstreuen und Vergnügen ist eine Ableitung von genug und bedeutete ursprünglich zufrieden stellen.
Was willst du? Zu-Frieden-heit oder Zerstreuung?

 

 

 

 

 

 

 

 

Stimmt, das ist nur eine Seite, nur ein Aspekt. Aber ein gewichtiger, finde ich. Und was mich am meisten stört, ist, dass ich in diesem Wir mit eingeschlossen bin.

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6 Gedanken zu “online

  1. Liebe *Schneiderin*,
    ich habe deinen Beitrag rebloggt!
    Ich bin schwer beeindruckt von deinen Worten!
    Dein allerletzter Satz trifft den Punkt!
    **Und was mich am meisten stört, ist, dass ich in diesem Wir mit eingeschlossen bin.**
    Mir geht es genauso…
    Liebe *online* Grüßlis von Gabi

  2. Liebe Schneiderin,
    Es kommt halt, wie bei allem, immer auf das Maß an. Über mein leines Kästchen habe ich schon so manche berührende Begegnung gehabt, die dann auch „echt“ wurde. Eine mail, rund um die Welt gesendet, führte zu einer Freundschaft, die mein Leben veränderte. Ohne Skype wäre ich jetzt pleite, weil die Telefongebühren in die Schweiz horrend wurden. Doch wenn ich meinen Freund, meine Freundin neben mir oder vor mir habe, sozusagen zum Anfassen, dann ist mein Ipad vergessen – vollkommen.
    Wir haben es selbst in der Hand, wie wir mit den Dingen umgehen. Und dich schätze ich so ein, dass du keineswegs der Technik verfallen bist ;-)
    Tja, vielleichtblernen wir uns mal kennen, wer weiss!
    Grüße aus Deutschland von Petra

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