gefordert

Neun Wochen Stellvertretung als Lehrerin für textiles Werken und Hauswirtschaft auf der Oberstufe sind vorüber. Fünf Unterrichts- und eine Ferienwoche noch vor mir.

Es waren sehr fordernde Wochen. Wochen des Einarbeitens nach elf Jahren Pause auf der Oberstufe. Wochen mit schwierigen Klassen, Halbklassen, versteht sich. Die Frage, wie es Lehrer mit der ganzen Klasse hinkriegen, stelle ich lieber nicht. Wochen voller Selbstzweifel. Wochen in denen ich mich fragte, ob ich je Oberstufe unterrichtet habe und warum man diese siebeneinhalb Jahre nicht mehr spürt. Wochen am Rande meiner Energie und Kraft. Wochen mit schlechtem Schlaf, Lampenfieber und vielen, vielen Stunden Vorbereitung, die mir immer wieder umsonst schienen, wenn wieder eine Stunde nicht gut war.
Es ist ein 60%-Job. Die restlichen 40% meiner Zeit verbringe ich zu einem grossen Teil mit Regenerieren. Haushalt und zwei Teens sind auch noch.

Jetzt war Semesterwechsel und damit verabschiedete ich die einen und begrüsste die neuen Schüler. Nach nur einer Woche schon, macht mir meine Arbeit wieder sehr Freude und ich denke keinen Augenblick darüber nach, ob ich noch immer geeignet bin für den Job, oder nicht. Heute Morgen unterrichtete ich 12 Mädels, die während meiner Erklärung mucksmäuschenstill und aufmerksam zuhörten, mit denen sich spielend leicht Nähmaschine einrichten und das Wichtigste zum Nähen erarbeiten liess. Während der Arbeitsphasen plauderten sie halblaut! miteinander. Sachfremde Themen habe ich beim Vorbeischauen nicht mitbekommen. Dass es sowas noch gibt, wusste ich nicht.

Wenn ich mich nun in beiden Unterrichtssituationen beobachte, stelle ich fest, dass mich eine gut führbare Klasse total aufmerksam sein lässt und es mir nicht schwer fällt, noch dies und jenes einzuflechten, und die Übersicht zu behalten und dass mein Unterricht an Qualität sehr zunimmt, auch an menschlicher.
Bei einer Klasse mit auffälligen Schülern aber bin ich selbst unkonzentriert und verhasple mich. Meine Kommunikation wird unklarer. Ich bin von jeder Störung selbst abgelenkt und gehe frustriert und ausgelaugt nach Hause.
Selbst bis in die Vorbereitung hinein wirkt das. Ja, sogar in den Unterricht mit den anderen Klassen hinein. Beides. Das Gute und das Schlechte. Ich staune.

Und noch über etwas staune ich. Die Kraft, die mir der Unterricht mit den neuen Gruppen gab, verschaffte mir genug Schwung, in die eine chaotische Gruppe, die mir blieb, etwas mehr Struktur hineinzubringen. Und mir scheint, dass die Schüler das mit Dankbarkeit aufgenommen haben. Auch wenn sie meckern, lieben sie es doch im Grunde, wenn Zeit, Aufgaben und Anforderungen völlig klar sind. Auch mit 15, wo man lieber alles selbst bestimmen und frei auswählen will.

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3 Gedanken zu “gefordert

  1. Das ist sehr interessant für mich zu lesen! Was du beschreibst, berichten mir unzählige Lehrerinnen. Ich hab es selbst auch erlebt. Du stehst da überhaupt nicht allein und brauchst gar nicht an dir zu zweifeln!
    Ein Weg wäre zu versuchen, es umgekehrt zu schaffen: Deine Ruhe und Ausgeglichenheit, deine Begeisterungsfähigkeit müsste sich auf die Schüler übertragen, und nicht deren Unruhe auf dich. Das ist nicht so leicht, denn sie sind viele. Aber es kann gelingen. Ich habe es mit extrem schwierigen Schülern ausprobiert, an zwei unterschiedlichen Schulen.

    1. Da hätt ich gern Mäuschen gespielt und ein bisschen abgeguckt.

      Schwierig ist es dann, wenn man von vornherein trotz Aktivität defensiv (innerlich) auf die Schüler zugeht weil man schon verunsichert ist durch die allgemeine Situation. Dann Zuversicht und Überblick und Klarheit zu bewahren, ist sehr schwierig.

      Vielleicht alles nicht so sehr eine Sache der Methodik, sondern eine der mentalen Stärke.

  2. Interessanter Bericht! Dabei erinnere ich mich an meine eigene Oberstufenzeit: Anfang der 70ger war durchaus viel los in Sachen Lehrer provozieren, doch es gab eigentlich keine „Dauer-Querulanten“ unter uns Schülern.

    Obwohl selber Schülerin, war ich damals oft erstaunt, wie sehr sich manche Lehrerin (die Männer waren gelassener) unsere Aktivitäten zu Herzen nahmen. Es ging hin bis zum Rückzug als Klassenlehrerin – aufgrund von ein paar letztlich lächerlichen Provokationen von uns spätpubertären Kids!

    Die sollten uns nicht so ernst nehmen, war mein Gefühl. Und ich erklärte mir das so, dass die Lehrer offenbar durch das ständige Zusammensein mit Schülern irgendwie vergessen, dass das noch halbe Kinder sind. Und dass es deshalb unangemessen ist, von ihrem Verhalten den Großteil der Selbstsicherheit zu beziehen – quasi also eine „Berufskrankheit“.

    Ausnahmen waren z.B. Lehrer, die außer ihrem Lehrer-Sein NOCH ETWAS hatten, aus dem sie sich definierten: wie etwa der Kunstlehrer, der auch Künstler war und uns ab und zu in sein Atelier einlud.

    Heute bekomme ich aus den Schulen nur mit, was in den Medien steht. Dabei drängt sich mir der Eindruck auf, dass die Lehrer mehr denn je isoliert vor sich hinwursteln – also keine gemeinsamen Besprechungen über das Organisatorische hinaus stattfinden. Gruppen-Supervision oder so. Selbstvergewisserung und Austausch unter Erwachsenen, gemeinsames Reflektieren der Arbeit und der Erfahrungen mit den Schülern.

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