Optimismus versus Idealismus

Es gibt zwei verschiedene Arten, eine Sache positiv anzugehen. Idealismus und Optimismus. In den beiden Worten liegt schon der Unterschied.
Der Idealismus geht von einem Ideal aus. Man malt sich das Endprodukt, das Ziel in den schönsten Farben aus. Man gerät zuweilen sogar ins Schwärmen, ja, vielleicht gehört Schwärmen sogar als typische Begleiterscheinung zum Idealismus dazu.
Beim Optimismus steuert man das Optimum an. Optimisten sind getragen von der Zuversicht, dass es gut kommt, auch wenn nicht alles ihren Vorstellungen entspricht. Sie wissen, wir schaffen das, und wenn es Probleme gibt, werden wir sie lösen können. Wir machen aus der Sache das Beste und wir geben unser Bestes und das genügt.
Während der Idealist enttäuscht ist, wenn sich die Dinge nicht ideal entwickeln (Diese Enttäuschung ist vorprogrammiert, weil nichts ideal sein kann – aber das wäre ein anderes Thema), nimmt der Optimist die Dinge, wie sind und macht das Beste draus. Und das ist nicht eine blosse Floskel, sondern wirkliche Qualität.

Hiermit hat sich eine Frage für mich gelöst, die mich seit meiner Jugendzeit beschäftigt. Damals sagte ein wichtiger Mensch, er sei lieber ein Pessimist, statt ein Optimist, damit er nicht enttäuscht sein könne. Ich spürte, dass daran etwas falsch sein muss. Ich wollte die Kraft des Optimismus nicht aufweichen durch die Aussage, damit Enttäuschungen zu fabrizieren und liess mich in der Folge auch nicht von meiner optimistischen Lebenseinstellung abhalten. Aber ich rutschte unbemerkt in den Idealismus ab. Inklusive aller Nebenwirkungen, wie eben: Enttäuschungen und den damit verbundenen Folgen. Und da ich Idealismus mit Optimismus gleichsetzte, wurde ich mit der Zeit ein (verkappter) Pessimist weil mir das die weniger schmerzhafte Alternative schien. Glücklich wurde ich damit nicht. Optimist bleibt Optimist.

Jetzt habe ich begriffen, dass der Idealismus zwar ebenso Kraft besitzt, auf den ersten Blick die grössere, aber dass diese Kraft sich in der Enttäuschung schnell erschöpft. Der Optimismus hingegen hält den Stürmen stand weil er sich nicht auf seine Version versteift. Man könnte fast sagen, er entwickelt sie gerade dann.

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10 Gedanken zu “Optimismus versus Idealismus

  1. grüss dich maria,
    ich glaube das kann auch absolut ineinander greifen. denn was für den einen das denkbar mögliche optimum ist, ist für den anderen eben ein ideal (inklusive impliziter unerreichbarkeit). positivdenker nennen sich ja oft optimisten, wohingehen kritiker sieh gern als blindbegeisterte idealisten betrachten. die frage ist also: was ist das optimum, wann wird etwas unerreichbares ideal? das sind ja keine festen instanzen, sondern in der regel sind sie entweder per konvention festgelegt (etwa in der medizin: „Mehr als 65 Prozent Heilungschance bei dieser Art von Krebs gibt es nicht“) oder eben individuell sehr verschieden.
    ich glaube auch dass es eine typfrage ist, weswegen ich weder optimismus noch idealismus ab- oder aufwerten wollen würde. denn der eine mensch schwingt sich zum höchstmöglichen auf indem er das vermeintlich erreichbare optimum im auge behält, der andere mensch schwingt sich zu höchstleistungen auf, wenn er den steten stachel des unerreichbaren ideals im fleisch spürt. deswegen kann man auch nicht grundsätzlich jedem menschen empfehlen, ideale zu pflegen oder optimistische lebenshaltung oder was auch immer. ein jeder muss seinen eigenen antrieb finden, ob der nun eher das aroma von leiden oder von freude hat, das ist nichts „an sich“ gutes oder schlechtes.
    es bezeichnet eben am ende nur einen „modus operandi“.
    sei herzlich gegrüsst!
    giannina

    1. Danke für die Ergänzungen.
      Dem möchte ich noch die Frage hinzufügen (als Gedankenanstoss): Wer ist wohl glücklicher, jener, der einen Antrieb mit dem Aroma des Leidens oder der, der den Antrieb mit Freude wählt?

      Herzliche Grüsse
      Maria

  2. Das ist eine interessante Frage, allerdings eine, die ich mir gar nicht stellen würde. Wie wollte man Glück auch messen? Ich leide viel an der Welt, aber noch mehr litte ich, fehlte mir die Leiden-schaft, die mich oft antreibt und für mich Leben wiederum erfahrbar macht. So ist in jenem Leiden auch ein Glück. Oder sagen wir mal, da ist ein Spannungsfeld zwischen Leiden und Realität und darin entfaltet sich Leben. Glück heisst für mich deshalb und aus anderen Gründen nicht Leidensfreiheit. Deswegen mag sogar noch jener, der von Enttäuschung zu Enttäuschung lebt, auf seine Art sein Glück finden.

    1. Ich weiss, ob ich glücklich bin oder nicht. Das eigene Glück kann ich also durchaus messen, bzw. vergleichen (mit Erinnerungen).
      Ich kenne es auch, an der Welt zu leiden. Leiden ist Antrieb zum Handeln und Ausdruck von Leben. Leidensfreiheit wäre ein Ideal ;-). Leiden ist manchmal wie Wehen, während denen etwas Neues geboren wird. In diesem Sinne ist es lebensfördernd.

      Andererseits: Schmerzen sind unvermeidlich und gehören dazu. Ob man daran leidet, wählt man selbst. Eine Definitionsfrage. Man kann Schmerzen haben, aber trotzdem Freude empfinden, trotzdem glücklich sein.

  3. Eine interessante Frage, die du aufwirfst. Mir leuchtet die Alternative entweder Idealist oder Optimist nicht so richtig ein.
    Ich glaube, ich betrachte es eher so: Ideale treiben uns an, etwas zu verändern, etwas ereichen zu wollen.
    Vielleicht ist der passende Begriff dazu: Realismus. Denn der Realist erkennt die Grenzen des Machbaren.
    Geht er optimistisch an die Sache, dann packt er Dinge an, obwohl sie nicht (ganz) erreichbar sind. Oder blickt auf die Dinge, die schon geschafft sind, auch wenn das Ziel noch weit ist
    Geht er pessimistisch an die Sache ran, sagt er sich: Da kann man sowieso nix machen. Oder er blickt auf all das, was nicht erreicht ist.
    Und dann gibt es ja noch die Fatalisten. Und die Pragmatiker.

    1. Ich spreche hier nicht von philosophischen Begriffen, das mal so vorweg. Vielleicht fülle ich die Wörter falsch und bringe die Dinge durcheinander.

      Für mich orientiert sich Idealismus am (unerreichbaren) Ideal und nicht unbedingt an der Realität. Ein Idealist ist davon überzeugt, das hohe Ideal erreichen zu können. Dann wäre der Realist das Gegenteil. Er weiss, was möglich ist. Etwa so: http://de.thefreedictionary.com/idealist

      Damit haben wir die Sache ein bisschen besser sortiert.

      Der Idealist sieht die Dinge, wie sie sein sollten.
      Der Realist sieht die Dinge, wie sie sind.
      Der Optimist erwartet das Gute.
      Der Pessimist erwartet das Schlechte.

      Es sind zwei Gegensatzpaare, die miteinander nicht immer im gleichen Zusammenhang stehen. Mein jahrelanger Knoten bestand darin, dass ich Idealismus mit Optimismus gleichsetzte. Jetzt weiss ich, als Optimist muss man die Dinge nicht zwangsläufig so sehen, wie sie sein sollten, aber nur weil man sie sieht, wie sie sind, muss man nicht davon ablassen, das Gute zu erwarten.

      Danke für die Sortierhilfe und Gute Nacht!
      Maria

  4. Liebe Maria, Gefühle sind nie falsch. Sie sind. Und klar nehmen wir Wörter unterschiedlich war. Danke für deine Antwort. Ich war deinen Gedanken gefolgt und ein bisschen verwirrt. Vielleicht hatte ich für meine Gedanken ein bisschen „sortiert“. Dir auch eine gute Nacht. :-)

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