Puzzleteile

Im letzten Beitrag kamen wir auf das Thema Gottesbilder. Ich muss an dieser Stelle sagen, dass es mich sehr freut, mit euch ins Gespräch zu kommen, und es ist schön zu sehen und zu spüren, dass ich mit meinen unbeholfenen Worten über diese grossen Themen etwas in Bewegung bringen darf.
Wenn jeder den anderen an seiner Position stehen lässt, wissend, dass wir alle nur einen Teil des Bildes kennen, dann können wir einander bereichern und weiterbringen.

Vielleicht entsteht beim Lesen meiner Antworten auf den letzten Beitrag der Eindruck, ich sagte ja zu allem, was ihr schreibt, um niemanden zu brüskieren. Nein. Ich sage ja, weil ich es so sehe. Ja, aber das widerspricht sich ja, denkt ihr?

Nein. Gott ist gross. Unfassbar. Und eigentlich darf ich das schon nicht schreiben, denn du machst dir ein Bild, wenn ich diese Worte brauche. Gott ist nicht fassbar in einem Bild und er ist auch nicht bloss ein Bild. Und doch können wir nicht anders von ihm reden als in Bildern.

Jeder von uns macht sich ein anderes Bild. Wir stehen an verschiedenen Orten. Keine zwei Orte sind gleich. Daher sind auch keine zwei Ansichten gleich. Wenn ich nun deine Position, oder eine ähnliche, schon mal eingenommen habe, dann verstehe ich, was du meinst und kann aus meiner Erfahrung sprechen. Wenn du meine Position noch nie eingenommen hast, dann weisst du nicht, wovon ich spreche.

Ich muss ein Bild zu Hilfe nehmen, um zu erklären, wie ich das meine.
Nehmen wir an, da ist ein Apfel. Auf deiner Seite ist er grün, auf meiner rot.
Ich sage: „Dieser Apfel ist rot.“ Du sagst: „Dieser Apfel ist grün.“ Beide Aussagen stimmen und enthalten doch nicht die ganze Wahrheit.
Wenn ich deine Position schon einmal eingenommen habe, und gesehen habe, dass der Apfel auch grün ist, dann verstehe ich dich und kann deine Aussage bestätigen. Wenn nicht, denke ich, du sagst etwas Falsches.

Oder stellt es euch wie ein Puzzle vor. Jeder von uns sieht das Universum, den sichtbaren, wie den unsichtbaren Teil, verschieden, weil wir an einem anderen Punkt stehen. Jeder trägt einen Teil zum Gesamtbild bei. Das hat schon wieder verschiedene Ebenen. Vielleicht musst du lange suchen, bis du einen Ort gefunden hast, an dem dein Puzzleteil passt. Für jeden ist das ein anderer Ort. Es geht nicht um die Äusserlichkeiten, um die Bilder und Worte, die wir verwenden. Es geht um das Innere. Es geht um Begegnung. Um Beziehung. Um Liebe. Um Sein. Es geht um alles.

Diese Erlebenswelt des Geistigen ist nicht meinem Verstand zugänglich, aber meinem Herzen und meinem Geist. Und beide brauchen keine Worte dafür. Erst wenn ich es mitteilen möchte, muss ich es „runterbrechen“ auf Begriffe, auf Namen, auf Erklärungsversuche.

Ich verwende das Wort Gott weil ich kein anderes habe. Die Bilder, die für mich diesen Begriff füllen, sind keine Bilder mehr. Keine Farben, Klänge, Düfte, Formen. Keine personalen Vorstellungen. Keine Vorstellungen davon, wo dieser Gott zu finden wäre. Gott ist ein Gott der Überraschung und der Gnade. Er ist immer anders als ich denke und begegnet mir nie zweimal gleich. Und doch erkenne ich die Gottesbegegnung weil sie mich auf eine ganz bestimmte Weise innerlich berührt.

Ihr, die ihr liebt und in Beziehung zu einem Menschen steht, wisst, dass es in der Liebe genau so ist. Keine zwei Momente sind gleich. Die Liebe ist immer wieder anders. Immer wieder neu. Überraschend. Die Liebe ist nicht Begriffen zugänglich. Oder Bildern. Obwohl wir welche brauchen und sie mit Erinnerungen füllen. Die Liebe aber können wir damit nicht fangen, nicht wirklich mitteilen, fassen, vermitteln. Die Liebe ist etwas, das sich auf der geistigen, seelischen Ebene abspielt. Wenn wir sie erfahren, dann wissen wir nicht, ob der andere genauso fühlt und doch hören wir, dass er ähnliche Worte für sein Erleben verwendet. Erleben muss man sie selber, um zu wissen. Ich kann niemanden zum Lieben überreden. Niemanden zum Lieben bekehren. Der andere muss sich immer selber und freiwillig auf den Weg machen. Gerade so weit wie er es verstanden hat.
Und so ist das alles auch mit Gott.

Wir versuchen, ihn auf der kognitiven Ebene zu erklären und die Paradoxa, die uns begegnen aufzulösen. Womöglich unterlegt mit Zitaten aus heiligen Büchern. Wir versuchen, Gott in ein Bild zu fassen. Das ist gar nicht möglich. Er ist so anders und so viel grösser, tiefer, weiter, näher als wir uns je ausdenken könnten. Im Herzen spüren wir ein wenig davon. Nur ein wenig. Und so wird es bleiben. Wir würden es gar nicht aushalten, den ganzen Gott zu sehen und zu spüren. Ein Teilchen davon reicht.

Auch das ist nur ein Bruchteil des Bildes. Auch das sind alles unbeholfene Worte und Versuche, es zu erklären.
Warum ich das dennoch tue? Ich glaube, es gehört für die einen zum Prozess des Gottfindens, dass sie sich Gedanken machen und Erklärungen suchen. Nicht für alle. Aber vielleicht dürfen meine Worte etwas in dir anrühren und dich anziehen, nach diesem grossen Gott zu suchen, der schon immer da war. Ganz nah.

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2 Gedanken zu “Puzzleteile

  1. :-)
    Kennst du diese Geschichte mit dem Elefanten? Eine Gruppe blinder Menschen soll beschreiben, was der Elefant für ein Tier ist. Dabei hat einer den Rüssel angefasst, ein anderer einen Fuß, einer den Bauch, einer einen Stoßzahn, wieder ein anderer den Schwanz. Ich kriege sich nicht so genau erzählt. Jedenfalls streiten sie ziemlich rum, weil jeder natürlich ein anderes (Teil vom) Tier ertastet hat.

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