Über die Worte

Worte, was sind sie? Was können sie?
Schon oft und seit sehr langem mache ich mir darüber Gedanken. Schon ein paar Mal habe ich es auch hier thematisiert.
Mir ist bewusst, dass dies ein etwas mühsam zu lesender Artikel geworden ist. Sieh es einfach als Sammlung von Aspekten und Gedanken, die zusammen einen Teil des Bildes ergeben.
Wenn du Zeit und Lust zum Lesen und Vertiefen hast, klick auf die Links.

In erster Linie sind Worte für mich eine Übersetzung.
Worte sind nicht die Sprache unseres Herzens und nicht die unseres Geistes.
Wir ahnen und spüren Dinge, die wir nie in Worte kleiden könnten. Dann nehmen wir Bilder, die das einfangen, was wir sagen wollen, aber es bleibt Übertragung.

Worte sind wie eine Hülle.
Sie transportieren Inhalt. Einen Inhalt, den sie nicht anfassbar und vorallem nicht erfahrbar machen können. Und doch transportieren sie diesen Inhalt. Ist am anderen Ende ein offenes Herz, ein offenes Ohr, dann kommt das, was wir transportieren wollen, an, und im Inneren dieses Menschen resoniert etwas, fängt etwas an zu schwingen. Die Worte sind das Gefäss, aber nicht der Inhalt.

Worte können zerstören. Vertrauen zerstören. Jemanden verletzen. Jemanden treffen.
Worte können aufbauen. Jemandem Mut machen. Jemandem gut tun. Liebe vermitteln.
Ist es das Wort selbst, das zerstört oder aufbaut? Wirkt in gleicher Weise das Unausgesprochene?
Ich meine, Worte sind Materie gewordener Geist. Sie sind mehr als Gedanken oder Wünsche. Sie haben Kraft. Positiv wie negativ.
Es ist nicht egal, ob etwas ausgesprochen oder geschrieben wird, oder nicht. Wenn wir etwas in Worte kleiden, dann festigen wir, verstärken wir. Wir machen etwas deutlich. Wir teilen mit. Dies alles bewirkt, dass der Gegenstand des Gesagten in den Gedanken anderer Menschen präsent wird. Sie denken darüber nach, spinnen den Faden weiter und verstärken, vermehren damit weiter. Sie geben vielleicht das Ihre dazu und teilen wiederum mit.

Worte halten etwas fest.
Wir formulieren das ja auch so. Erst gerade habe ich herausgefunden, dass es weitere, feinere Ebenen gibt. Ich kann dadurch etwas festhalten im Sinne von nicht wieder hergeben wollen. Und dann verliere ich es. Nicht unwiderbringlich, aber es ist, als ob ich erobertes Land wieder abgebe.

Ich habe letzthin das Bild vom Küken im Ei gehört. Vieles braucht diese Zeit in der geschützten Verborgenheit der Schale, wird diese zu früh aufgebrochen, so stirbt, was werden wollte.

Es gibt die richtige Zeit, etwas zu sagen.
Worte können etwas zerstören, wenn wir sie zu früh sagen. Vielleicht nicht unwiderbringlich zerstören, aber kaputt machen für den Moment. Das Zarte, das gerade deutlich werden wollte, sich scheu zeigte, wird wieder vertrieben und dann kann es lange dauern, bis wieder die Zeit kommt dafür. So ähnlich, wie wenn wir jemandem ins Wort fallen, bevor er richtig sagen konnte, was er sagen wollte. Das Zarte zieht sich zurück und schweigt bis wir wieder leise, demütig und ehrfürchtig genug sind, es zu hören.

In eine ähnliche Richtung geht das Zerreden von etwas. Mit einem Zuviel zerstören wir auf die selbe Art wie mit einem Zufrüh.

Das bedeutet nun nicht, dass wir Angst haben sollten, etwas zu sagen, und damit etwas falsch zu machen. Schuld ist keine Kategorie, in der Leben gedeiht und Kostbares weitergegeben wird.

Worte gehen wenig tief, wenn ich das Eigentliche betrachte, das ich ausdrücken möchte. Ja. Sie sind ja sozusagen nur die Spitze des Eisberges.
Auch ich finde oft die Worte nicht für das, was ich sagen will. Je länger, je weniger, sogar. Aber es ist nicht nötig, die ganze Tiefe mit Worten auszuloten. Ich kann nur einen Bruchteil ausdrücken. Alles andere kann ich nicht in Worte kleiden, auch nicht für mich selbst, in der Stille und in Gedanken.
Dennoch transportieren diese wenigen, dürftigen Bilder alles, um zu verstehen. Nicht mit dem Verstand, aber mit dem Herzen. Die Hülle, das Wort, ist das Gefäss für die ganze Tiefe und transportiert diese auch.
Und deshalb hat es Sinn, dennoch zu erzählen und zu teilen, auch wenn unsere Worte unbeholfen und unzulänglich sind. Man sagt ja auch: „Ich liebe dich.“ und legt sein ganzes Herz und Wesen in diese drei Worte, die niemals ausdrücken könnten, was man meint. Sie drücken es dennoch aus.
Die Erfahrung, die kann man dem anderen nicht vermitteln, das ist klar. Ich kann nicht sagen: So und so ist innere Stille. Und der andere, der es nie erfahren hat, weiss, wovon ich rede. Trotzdem kann er eine Ahnung davon bekommen und es kann Sehnsucht geweckt werden, diese Erfahrung ebenfalls zu machen. Seinen Weg, seine eigene Stille zu finden, dazu muss er sich selbst aufmachen.

Mit der Zeit werden die Worte weniger und ihr Inhalt gehaltvoller. Das wäre dann die höchste Kunst: mit wenigen Worten alles zu sagen.

So weit meine lose Sammlung von Blickwinkeln für den Moment. Auch wenn sich einzelne Aspekte zu widersprechen scheinen, so tun sie es nicht. Das Wort ist ein Geheimnis, das man nicht fassen kann.

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2 Gedanken zu “Über die Worte

  1. Schön, was du da schreibst. Es ist genau das, womit ich mich seit Jahren beschäftige. Worte können auch heilen. Es gibt ein hochinteressantes Buch, das heisst: „Unverbrauchte Worte“.
    Worte, in der Muttersprache gesprochen, können einiges bewirken. Sie dringen in unser Innerstes.
    Naja und nicht zuletzt ist das Werkzeug, mit dem wir unsere Worte hervorbringen, auch nicht zu vernachlässigen: Die Stimme. Es kommt ja so darauf an WIE man etwas sagt.
    Danke für deinen spannenden und sehr durchdachten Beitrag!

  2. Liebe Schneiderin,
    ich finde du hast großartige Blickwinkel auf die Worte gefunden!
    Und es lustig: Ich habe vor knapp einem Jahr mit dem Bloggen angefangen. Es war eine sehr nachdenkliche Zeit und ich drückte mich vor allem über Gedichte aus. Gleich drei davon beschäftigen sich mit den Worten. Ich möchte nicht aufdringlich sein und hoffe, es ist okay, dass ich dir die Links hier liegenlasse. Ansonsten lösche sie einfach weg:
    http://mayarosasweblog.wordpress.com/2010/06/12/worter/
    http://mayarosasweblog.wordpress.com/2010/05/13/wenn-die-menschen-schlafen-gehen/
    http://mayarosasweblog.wordpress.com/2010/04/16/wenn-die-worte-schlafen-gehen/
    LG mayarosa

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