Vom Teilen des Innersten

Ich beobachte seit längerem ein Phänomen, das das Erzählen von inneren Dingen begleitet. Wenn ich etwas Neues entdeckt oder erlebt habe, möchte ich es weitergeben und teilen. Meist beginnt es damit, dass ich ein inneres Ziehen spüre, in Worte zu fassen, was passiert. Oft ist dieses Schreiben ein Teil meiner Verarbeitung, ein Teil meines Sortierens, Teil meiner Wegfindung. Aber ich möchte auch erzählen, wie diese unsichtbare Welt sich anfühlt und wie ich sie erlebe. Weil ich hoffe, dass jemand sich in den Worten findet, den Faden weiterspinnt, etwas Eigenes daraus macht. Ich fliesse über vor Dankbarkeit und Ehrfurcht, deshalb teile ich.
Manchmal zu schnell und zu viel.
Und dann spüre ich etwas. Meine Gefühle, die so viel mehr als Gefühle waren, verblassen, gehen vorüber, postwendend. Ich verliere etwas. Terrain, das ich eben eroberte. Was ich eben noch „wusste“, kommt mir abhanden, als ob ich es weitergegeben hätte um es festzuhalten. Worte, die man weitergibt, haben stärker die Wirkung, etwas festzuhalten. Es gibt sogar die Formulierung: „Ich halte fest, dass….“

Ich darf mich nicht so blosslegen, ahne ich. Jedenfalls nicht so rasch und unmittelbar. Nicht, weil ich etwas zu verbergen hätte oder weil es missbraucht würde – das ist mir zum Glück bisher nicht passiert – aber weil dieses innere Erleben zart und zerbrechlich ist und Scheu das Erzählen begleiten soll, um es zu schützen. Weil ich es erst eine Weile bei mir behalten muss um es nicht festhalten zu müssen. Um es wirklich weitergeben zu können. Aus der Hand geben zu können.

Ich weiss nicht so genau, wie ich damit weiter umgehen soll. Das wird sich mir erschliessen.
Ich möchte lernen, ganz genau zu beobachten. Hinzuhören. In mich. Und mich führen zu lassen. Ich bin allein mir und Gott verantwortlich. Aber das bin ich.

Indem ich dies schreibe und mit diesem Entschluss wächst es wieder. Ich gewinne mein inneres Land zurück. Und dies darf ich schreiben. Das spüre ich.

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7 Gedanken zu “Vom Teilen des Innersten

  1. Du erlebst es so, ich erlebe es (genau) so. Manches, was ich teilte, wollten andere gar nicht haben. Anderes, was ich nicht teilte, reifte, wurde dann später geteilt, und dankbar angenommen. Trotz dieser Erkenntnis teile ich immer wieder (vor)schnell etwas aus meinem Inneren. So etwas nennt man wohl spontan. Oder unbelehrbar.

  2. Das ist doch verrückt: Genau zu diesem Thema habe ich gestern geschrieben, hier in meiner Klausur. Nicht genau gleich, logisch, aber über das festhalten und loslassen beim Schreiben.
    Ich breche meinen Vorsatz, in dieser Woche keine Kommentare zu verfassen, aber das musste ich doch loswerden.
    Lieben Gruss
    Gabriela

  3. Manchmal wollen wir das, was wir zurückbekommen nicht hören, aber es steckt immer ein kleiner Schlüssel zu uns selbst drin. Auch wenn dabei etwas vermeintlich für uns wertvolles verloren geht. Es findet sich später wieder. Tief in uns wissen wir davon, sonst würden wir uns nicht äußern. Zweifel lässt uns sicher werden. Kälte lässt uns Wärme spüren.

  4. Gestern schriebst Du mir, dass die Stille nie mehr wieder ganz weicht. Ich habe mich in den vergangenen Stunden hineinbegeben in diese Ahnung.
    Heute morgen dieser kurze Dialog:
    http://gestreift-beruehrt-geteilt.blogspot.com/2011/02/wortsuche.html
    Ich kann die drei Fragezeichen nach der Macht der Worte nicht ganz auflösen, aber gerade jetzt am Wochenende habe ich gespürt, wie wenig tief Worte doch gehen – so erschaffen und vernichten sie also nichts. Sie verdecken, sie verlangsamen, sie verzögern – aber sie zerstören nicht. Das wäre eine (erneute) Herausforderung an unsere Geduld, aber wir können die Sorge loslassen, mit unserem Sprechen im tieferen Sinne etwas „falsch“ zu machen. Vielleicht können wir die Sorge um das Falschmachen ja sowieso loslassen …

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