Ist Selbstliebe dasselbe wie Egoismus?

Ich möchte euch ein wenig von dem Weg erzählen, der mich zu dieser Entscheidung brachte. Von der stillen inneren Revolution, die ich erst jetzt im Nachhinein ganz klar sehe. Leise und langsam wuchs dieses Neue.

Selbstliebe war ein erstes Stichwort, das mir begegnete. Ich mich selbst lieben lernen? Erst einmal empfand ich so etwas wie Abscheu und eine Furcht, dann nur noch um mich selbst zu kreisen. Was für eine schreckliche Vorstellung.
Aber jemand liess nicht locker. Das Thema kam von verschiedenen Seiten auf mich zu und wenn das geschieht, weiss ich, dass es wichtig ist. Ich las, was mir vor die Augen kam, beherzigte, was mir meine Freunde sagten und begann, mich mit dem Thema zu befassen. Und wie das Leben so schön spielt, gab es einen Anlass zur praktischen Umsetzung.

Eines Morgens konnte ich kaum mehr aus der Badewanne kraxeln, der Rücken tat mir von Null auf Hundert so weh. Eine goldene Gelegenheit, für mich selbst zu sorgen. Ein Freund hatte mir immer wieder gezeigt, wie das gehen könnte: für mich selbst sorgen. Von ihm ermutigt, machte ich einen Termin beim Chiropraktor. Volltreffer. Ich fühlte mich vom Arzt sehr ernstgenommen und die Behandlung war eine Wohltat. Er riet mir, mich leicht zu bewegen: „Machen sie einen Spaziergang heute Nachmittag.“ Was ich tat.
Auf diesem Spaziergang dachte ich über die Behandlung nach und wie gut sie mir tat, wie gut mir das Spazieren tat, und ich begriff, dass ich mich gerade selbst beschenkt hatte. Da war auf einmal eine Freude in mir und Liebe. Ich betrachtete diesen Menschen (mich selbst), der da vorsichtig sich bewegte und lernte und fragte und wuchs mit Liebe.
Es war nicht das erste Mal, dass ich es gut fand, dass es mich gibt. Diesmal aber war es anders. Das Gute kam von mir selbst und löste genauso ein gutes Gefühl aus, wie wenn mir jemand anderer gut getan hätte. Ich freute mich darüber, dass ich es geschafft hatte, mich selbst zu beschenken und mir ging ein Satz durch den Kopf:

Man kann sich Dinge aus Trotz oder aus Liebe gönnen.

Danach wagte ich auch im Alltag, mir zu überlegen, wie ich mir selbst guttun könnte. Wer, wenn nicht ich, ist verantwortlich dafür, dass ich bekomme, was ich nötig habe? An meinem Geburtstag zum Beispiel, beschenkte ich mich mit einem Ausflug auf einen Aussichtspunkt und als hätte der ganze Himmel auf so etwas gewartet, fand ich eine atemberaubend klare Fernsicht, strahlenden, warmen Sonnenschein und tief in mir eine helle Freude. Ein zweites, sehr ermutigendes Erlebnis.

Was ich tief in mir entdeckte, war ein warmes, starkes Gefühl. Eine Liebe, die sich verschenken möchte. Aber ich spürte auf einmal, dass sie mir gilt. Ich konnte mich auf einmal als meine beste Freundin ansehen, mit allen Gefühlen, die dazu gehören. Ich war ehrlich und tief betroffen, wie ich mich bis dahin behandelt hatte. Ich empfand tiefes Mitgefühl für den Schmerz, den mir meine selbst aufgeladenen Lasten und die mangelnde Selbstfürsorge zugefügt hatten. Es war alles andere als Selbstmitleid.

In dieser Richtung suchte ich weiter. Ich versuchte, mir selbst gut zu tun weil ich begriffen hatte, dass ich der einzige Mensch bin, mit dem ich bis an mein Lebensende zusammen bin und dass ich niemandem etwas nütze und auch nicht meiner Bestimmung nachkommen kann, mich nicht verschenken kann, wenn ich mit mir selbst nicht klarkomme, mich nicht mit mir aussöhne, nicht mein bester Freund werde. Alles Binsenwahrheiten, aber es ist ein himmelweiter Unterschied, wenn man das plötzlich mit ganzem Wesen begreift und umsetzt.

Was mich sehr überraschte: Selbstliebe hat nichts, gar nichts mit Egoismus zu tun. Es ist eher sowas wie das Gegenteil. Schuldgefühle,  Selbstvorwürfe, Selbstmitleid sind Egoismus weil sie verhindern, dass ich Verantwortung für mich (und im zweiten Schritt für andere) übernehme und weil ich sie zu diesem Zweck innerlich als Ausrede vorschiebe.
Wirkliche Selbstliebe ist sehr demütig, aber im reinen Sinn des Wortes. Das zu beschreiben, fehlen mir irgendwie die richtigen Worte.

Ich habe diesen Wandel noch nicht ganz erfasst. Ich beobachte und bin berührt und ergriffen über seine Tiefe und seine Auswirkungen. Glück ist plötzlich erreichbar, greifbar nahe, nicht mehr in erster Linie von äusseren Dingen und auch nicht von Gefühlen abhängig. Ich bin ein wenig mehr bei mir selbst angekommen.

7 Gedanken zu “Ist Selbstliebe dasselbe wie Egoismus?

  1. :)
    liebe maria,
    sich selbst zu lieben ist auch ein schritt in die freiheit, indem man die abhängigkeit von den liebesbezeugungen anderer ablegt.
    ich denke, um einen anderen menschen wirklich zu lieben zu können (ohne etwas zu erwarten), muss ich mich selbst lieben, genauso wie ein äußerer frieden nur geschaffen werden kann, ist der innere da.
    egoistisches eintreten für die eigenen wünsche haftet sich an ihre erfüllung und setzt diese auch auf kosten anderer durch. egoismus hat mit wahrer selbstliebe nicht zu tun, meine ich.

    liebe abendgrüße
    heike

  2. Die Selbstliebe kam so über dich, beim Spazieren gehen? Einfach so, als Eingebung? War dir das Gefühl bekannt? Oder ereilte es dich als etwas völlig Neues in erleuchtender Weise?

    1. Ganz neu war es nicht. Es gab wie gesagt schon andere Gelegenheiten, bei denen ich auf dieselbe „ehrliche“ und nicht überhebliche Art dachte, dass es gut ist, dass es mich gibt. Sie waren eher selten.

      Als nächstes kamen Menschen dazu, die mir in verschiedensten Situationen Vorschläge machten, wie dieses Für-sich-selbst-Sorgen aussehen könnte und mich ermutigten, dies für mich zu tun.

      Der Spaziergang war so etwas wie ein Schlüsselmoment, in dem ich begriff und spürte, dass es genauso wohltuend ist, wenn ich mich selbst beschenke, wie wenn andere dies tun. Und ich begriff, dass man für sich aus Trotz (man gönnt sich ja sonst nichts…) oder eben aus Liebe etwas tun kann. Ich begriff, dass ich es diesmal aus Liebe getan hatte und nicht, weil ich etwas für mich haben wollte. Sondern einfach, weil ich gut für mich sorgen wollte. Das fühlte sich so gut an, dass sich in mir Liebe ausbreitete. Liebe für mich selbst.

      Es war eben das erste Mal anders als sonst. Nicht Habenwollen. Nicht Trotz oder ähnlich. Ich sah, dass ich mich so betrachtet und behandelt hatte, wie ich meine beste Freundin behandeln würde. Und das war so viel besser. Es war so, wie ich mich manchmal an Geburtstagen gefühlt hatte, wenn ich gefeiert wurde. Oder so, wie ich mich fühle, wenn jemand mir sagt, ich hab was gut gemacht.

      Es ist nicht so einfach zu beschreiben.

    2. Es war irgendwie eine Situation, die mir dieses Handeln erleichterte. Ich hatte höllische Rückenschmerzen. Spazieren tat gut. Der Arzt hatte es mir empfohlen. Es war legitim, dass ich es mir gönnte. Es war ein echtes für mich Sorgen aus einem echten Grund. Günstige Voraussetzungen.

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