Ein- und Aussichten

Figlia geht heute Morgen mit der Schule ins Freibad. Nach einer halben Stunde kommt sie zurück: „Ich hole schnell das Mätteli weil Barbara* ihre Luftmatratze vergessen hat. Sie kann sonst nicht ins Wasser wegen dem Knie!“ „Ok“,  rufe ich und freue mich, dass sie ganz selbstverständlich annimmt, dass ich ihr meine von allen heissgeliebte aufblasbare Isomatte leihen werde. ‚Das mit der Grosszügigkeit‘, denke ich ‚habe ich gut hingekriegt.‘

Eine Weile später ruft ihr Lehrer aus dem Bus an, entschuldigt sich, dass er mit der Klasse schon losgefahren ist und meint, sie könne doch einfach den nächsten Bus nehmen und an der Schwimmbadkasse soll sie sich mit ihrem Namen melden, er teile mit, dass sie noch nachkomme. Ob sie vielleicht das Handy bei sich habe? Nein. Natürlich nicht. Ist ja während der Schulzeit verboten.
Ich hoffe also, dass sie es wagt, einfach den nächsten Bus zu nehmen.

Figlia kommt zurück, wie ich insgeheim befürchtet habe. Sie ist aufgebracht weil der Lehrer nicht gewartet hat und findet, sie gehe nicht mehr. Ich finde schon.
Ich suche ihr eine Busverbindung damit sie nicht zur weiter entfernten Station zu Fuss gehen muss und sage ihr, dass ich ihr die Fahrkarte bezahle und was ich mit ihrem Lehrer für den Eintritt ins Bad vereinbart habe.
Sie will nicht. Ich rege mich auf und zwar am meisten darüber, dass sie nicht selbstbewusst und ohne Angst an der Schwimmbadkasse ihren Namen nennen will, dass sie solche Courage einfach nicht hat.

„Ich nehme das Zehnerabo mit“, sagt sie. „Nein“, entgegne ich, „Den Eintritt kannst du aus dem Taschengeld bezahlen. Du kannst ja auch einfach hingehen und deinen Namen sagen. Ist doch nicht so schwer!“
„Sicher nicht!!“ Jetzt beginnt sie das Feld der Argumente zu erweitern: „Wenn ich schon laufen musste, dann hätte er auch warten können! Und jetzt soll er mich gefälligst abholen oder du kannst mich bringen.“ „Ich bring dich sicher nirgendwo hin. Du kannst selbst busfahren. Du bist kein Kleinkind mehr. Ausserdem hat niemand gesagt, dass du laufen müsstest. Das hast du dir selbst aufgeladen. Gehen hätte gereicht. Du musst aufpassen, dass du unterscheidest zwischen dem, was du dir selbst aufträgst und dem, was andere dir auftragen.“
„Bla-bla-bla!“ ruft sie empört und daran erkenne ich, dass ich ins Schwarze getroffen habe und sie es im Grunde eingesehen hat.

Jetzt schweige ich, auch wenn sie weiter vor sich hin schimpft. Ich sehe, dass sie sich mit denselben Problemen rumschlägt, wie ich. Dass sie zwar, genau wie ich, lautstark findet, Nein, das mache ich nicht, und am Ende dann doch das tut, was sie denkt, dass man von ihr erwartet. Und dieses „genau wie ich“ trifft mich am meisten. Ich bin fast dreissig Jahre älter und habe es noch immer nicht begriffen. Wann sie es lernen und einsehen möchte, entscheide nicht ich. Das entscheidet sie. Wie stark also soll ich sie in diese Richtung schubsen? Soll ich ihr jetzt diesen Stein wegräumen und den Eintritt bezahlen? Was ist mehr Hilfe?
Während ich noch überlege, wird es ruhig. Ich beschliesse, den Dingen ihren Lauf zu lassen. Falls sie mich nochmal fragt, würde ich ihr den Eintritt bezahlen.
Irgendwann rufe ich noch, sie soll zusehen, dass sie den Bus nicht verpasst. An ihrer Antwort merke ich, dass das schon zu viel gesagt ist und sie sich entschieden hat, zu gehen.

Mittags wird sie dann heimkommen und sie wird sich benehmen, als wäre nichts gewesen. Meine Beziehung zu ihr wird durch eine solche Episode nicht gefährdet, auch wenn sie mir heute Morgen ein paar Worte an den Kopf geworfen hat, die mich verletzen könnten. Und das erfüllt mich mit Stolz und Freude. Auf uns beide. Wir haben es geschafft, den Kontakt zueinander nicht zu verlieren, auch wenn unsere Beziehung sehr lange keine einfache war. Das Grundvertrauen ist da, meine Schuldgefühle haben sich auf ein Minimum reduziert. Im Nachhinein muss ich immer wieder erkennen, dass ich meine Sache schon richtig mache. Das stärkt mein Vertrauen, in solchen Situationen, wie der eben beschriebenen einfach so zu sein, wie ich bin, das zu sagen, was ich denke und fühle. Es schadet nicht, lauter zu werden, wenn ich darin meine Verzweiflung und mein inneres Engagement ausdrücke und meine Liebe zu ihr. Unsere Beziehung hält das aus. Ich habe gelernt, während des Streits schon zu reflektieren und, vorallem mich, zu beobachten, was da eigentlich abläuft. Schon da hinter die Kulissen zu schauen, nicht erst, wenn das Geschirr zerbrochen ist. Und sie hat gelernt, mir zu vertrauen, dass ich es gut meine, dass meine Anordnungen nicht repressiv sein wollen, sondern gute Gründe haben und aus meinem Herzen kommen, das für sie nur das Beste will. Wir werden diese Teeniejahre zusammen schaffen.

*Name geändert

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2 Gedanken zu “Ein- und Aussichten

  1. liebe schneiderin

    diesen einblick in euer mutter-tochter-leben zu bekommen, hat mich berührt! er erinnert mich an die kämpfe, die wir zuhause ausgefochten haben… ich finde es gut, wenn man offen miteinander reden kann und sich auch mal fetzt, solange man sich gern hat und weiss, dass die liebe dennoch niemals auhört! – und gerade deswegen sich miteinander auseinandersetzt…..

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