Der Spaziergang

Seit Tagen versuche ich etwas in Worte zu fassen. Ich versuche es greifbar zu machen. Es geht nicht.
Es war nur ein Spaziergang zum See bei Sturm und Minustemperaturen, der mich mit tiefster Freude beschenkt hat.
Bestehend aus tausend Kleinigkeiten, die sich in jener Stunde zusammenrotteten, um mir eine Überraschung zu bereiten.

Im Winter geh ich selten am See spazieren. Der See ist ein Ort, wo sich leere Stellen in mir füllen, aufgewühlte beruhigen. Ein Ort, wo ich auftanke. Ein Ort, der mir wie fast kein zweiter (in der Nähe erreichbarer) gut tut. Im Winter am See zu spazieren ist schon deshalb etwas besonderes für mich.

Ich liebe das Meer ebenso. Seine Weite. Den Wellen zuzuschauen, die mir vom Werden und Vergehen erzählen. Dem auf- und abschwellenden Rauschen zuzuhören. Die Farbe zu bestaunen, die jeden Tag anders ist.

Ich liebe es, warm eingepackt mit Mütze und hochgeschlagener Kapuze, wie in Kindertagen spazieren zu gehen. Ich fühle mich dann wie damals im Frühling, wenn endlich der Schnee schmolz und man im halbgefrornen Sandkasten mit klammen Fingern die erste Burg baute. Oder wenn Herbststürme, die Blätter von den Bäumen fegten und alle anderen in die warme Stube wollten. Ich liebe auch Schneestürme, die einem die Flocken ins Gesicht nadeln. Diese Wettergewalten wecken so etwas wie Unternehmungslust in mir. Trotz, dem Wetter die Stirn zu bieten. Stolz und tiefe Freude, darin Schönheit sehen zu können, daran Vergnügen zu finden.

Dazu  gehört das Nachhausekommen, auf das man sich bei den Strapazen schon lange gefreut hat. Die heisse Schokolade, die doppelt gut schmeckt. Die leuchtenden Augen, die von den bestandnen Abenteuern erzählen. Das Füssewärmen vor dem knisternden Feuer.

Wenn sich nun diese Kleinigkeiten in einer einzigen Stunde konzentrieren, der See dank Bise plötzlich Gischt spritzt und tost, Wellen wirft in rhythmischer Folge, auf- und abschwellend und ich mitten im Winter ganz überrascht am Meer stehe, dann ist es, als wolle mir der ganze Himmel ungestüm und fröhlich seine Liebe erklären. Als wolle er mir zurufen: „Komm, heute spielen wir Meer!“ Als hätte der See ganz allein für mich das grünblaue Festgewand herausgeholt und sich mit weissen Wellenkronen geschmückt. Natürlich spiel ich mit! Was für eine Frage!

Das Bild und alle Worte können den inneren Teil, den unsichtbaren nicht fassen. Nicht mal mein Verstand, meine Gedanken können es.

Diese wilde, starke Schönheit der Natur berührt Räume in mir, füllt mich, hält mich umfangen in ausgelassnem Reigentanz tiefster Freude oder richtet mich auf, wenn ich mich verloren habe in Gedanken und Sorgen und meine Lasten nicht mehr tragen kann. Sie bringt mich zur Ruhe und rückt die Dinge wieder an den richtigen Platz. Sie schafft Raum und hält die Zeit an damit ich atmen kann und ich mich wieder finde. Sie erdet mich, wenn ich abgehoben bin. Sie führt mich zurück zu den einfachen Freuden, die unbezahlbar sind, für die es keinen Event braucht, kein facebook und kein Web.
Sie lässt mich zurückkehren zu dem, der sie erschaffen hat und mir darin seine Liebe erklärt.

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2 Gedanken zu “Der Spaziergang

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