Schöne Aussichten

Vielleicht strapaziere ich das Thema, wenigstens für schon länger hier Lesende, etwas. Aber den muss ich einfach zum Besten geben.

Wer bei uns waschen möchte, kann seine Wäsche im Freien aufhängen. Da gibt es T-förmig angeordnete Steinplatten im Rasen, an jedem oberen Ende befindet sich ein Loch, um die Wäschespinne aufzustellen, etwa zehn Meter auseinander.
Diese beiden Löcher gehören mir ganz allein. Niemand von unserem Haus will nämlich seine Wäsche draussen aufhängen. Zu aufwändig und umständlich. Auch in den Häusern nebenan tun das nur noch zwei andere Frauen, jede an ihrem eigenen Platz.

Heute ist mein Waschtag. Die Sonne scheint. Ich liebe es, meine Wäsche draussen aufzuhängen.
Für einmal ecke ich mit meiner Wäscherei nicht bei Frau Keyser an, sondern bei der Dame mit der hellblauen Schlafhaube, deren Balkon sich genau auf der Höhe meiner Wäschespinne befindet, im ersten Stock, im Haus gegenüber.

„Darf ich Sie mal etwas fragen?“ schallt es von dort herunter.
„Ja, sicher“, nicke ich.
„Würden Sie abwechseln und den Stewi auch mal im anderen Loch aufstellen? Sie sind nämlich immer direkt vor meinem Balkon und ich muss mir ständig anhören, wie Sie die Wäsche ausschütteln und die ganze Zeit diese Wäsche ansehen.“ Sie deutet mit einer ausholenden Handbewegung ihre sonst atemberaubende Aussicht an, die nun vom Wäscheständer beeinträchtigt sei.
„Alle anderen Häuser haben das nicht, das Loch direkt vor dem Balkon.“
„Da kann doch ich nichts dafür“, lächle ich sie an.
„Nein. Natürlich nicht. Aber wenn Sie das andere Loch nehmen, dann hat die Frau nebenan auch mal das Ganze zu ertragen.“ Wieder macht sie die ausholende Handbewegung.
„Können Sie das irgendwie verstehen?“ fügt sie an.
„Nein. Nicht wirklich“, gebe ich zu. „Aber ich kann schon das andere Loch nehmen das nächste Mal, wenn ich dran denke. Sie wissen, die Macht der Gewohnheit.“
„Ja. Danke für Ihre Bemühungen“, verabschiedet sie sich.
Ich nicke nur.

Ich schmunzle und schüttle den Kopf. Ob ich die Wäsche zehn Meter weiter westlich aufhänge, ändert weder an den Geräuschen noch an der Aussicht etwas. Da müsste die Wäsche dann doch etwas höher hängen. Um eine etwaige Aussicht zu behindern, meine ich.
Aber was solls, wenn es das Einzige ist, was ihrem Seelenfrieden fehlt, werde ich das doch gerne tun!
Was bin ich froh, wohne ich nicht im selben Haus wie die Schlafhaubendame!
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3 Gedanken zu “Schöne Aussichten

  1. Mit welch einfachen Mitteln man Schlafhaubendamen, Nasenspitzen hinter den Gardinen, Augen hinter den Spionen der Haustüren, doch glücklich machen kann. Die Spinne nun abwechselnd mal in das eine Loch, dann wieder in das andere stecken, das Fahrrad nicht in den Hausflur stellen, regelmäßig laut und klappernd die Treppe machen, damit auch jeder weiß, daß sie geputzt wurde, den Müll zeigend für alle auch laut und deutlich in die richtige Tonne schmeißen, abends geräuschvoll die Hauseingangstür abschließen. Das kleine Glück des Nachbarn… höchst wichtig, aber auch traurig, weil man merkt, daß diese Menschen nichts anderes mehr haben, um sich bemerkbar, oder auf sich aufmerksam machen zu können, um vielleicht auch nur einmal einen zur eigenen Zufriedenheit geführten Dialog gesprochen zu haben. Sie haben die Schlafhaubendame glücklich gemacht….

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