Küchenmeditation

Ich werkle in der Küche. Das erste Mal forme ich klebrige Schokolademasse mit den Fingerspitzen zu Truffes, drehe die Kugeln kurz in der Handfläche, rolle sie in Kakaopulver oder gehackten Walnüssen und setze sie in kleine Papierförmchen.

Später forme ich einen Sonntagszopf, bestreiche ihn mit Eigelb. Dazwischen setze ich kleine Häufchen Lebkuchenteig auf Oblaten. Nach dem Backen werden sie mit heisser Schokoladeglasur bepinselt.

Ich seh mir zu. Meine Bewegungen sind flüssig, routiniert, ruhig, geduldig. Eine Leichtigkeit ist darin und Präsenz. Ich bin ganz da. Es tut gut, mit den Händen etwas zu schaffen, mir dabei zuzusehen. Der Platz in der Küche ist sehr beschränkt, was mich mit den Jahren lehrte, sie während des ganzen Arbeitsprozesses sauber und aufgeräumt zu halten.

Ich denke zurück an früher, als ich kochen lernte, als jeder Handgriff holprig war, die Küche einem Schlachtfeld glich, wenn ich fertig war, als nicht nur aussen, sondern auch in meinem Kopf ein gehetztes Chaos herrschte.

Heute muss ich nicht mehr überlegen. Meine Hände tun von alleine in der richtigen Reihenfolge die richtigen Dinge, so, dass am Schluss alles rechtzeitig fertig ist. Ich habe dabei sogar Musse, mit allen Sinnen zu geniessen.

Mir fällt auf, dass man das ein bisschen auf den Rest meines Lebens übertragen könnte. Früher war ich gehetzt und mit innerlichem Chaos durch den Tag gerannt, wurde nie fertig, war immer unzufrieden, es war nie genug. Heute bin ich mehrheitlich ruhig. Die Dinge erledigen sich trotzdem. Ich renne nicht mehr rum, um allen zu beweisen, was ich alles kann. Ich tue einfach, oder ich lasse es bleiben.

Manchmal, in faulen Momenten, wünsche ich mir, ein bisschen vom alten Ehrgeiz zu haben, der mich zu Höchstleistungen trieb und mir manche Anerkennung einbrachte. Heute muss ich sie mir meist selber geben, muss selber wissen, was ich gut mache weil es mir selten jemand sagt.

Und wenn ich es nicht mehr sehe, lese ich im Tagebuch ein bisschen zurück. Dann spüre ich, wo ich gewachsen bin, sehe, was ich gelernt habe. Und dann bin ich dankbar für all die Steine, die mich das Klettern lehrten und deretwegen ich zwischendurch eine schöne Aussicht geniessen kann.4stats Webseiten Statistik + Counter

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Ein Gedanke zu “Küchenmeditation

  1. Danke Blogbilbilothek. Danke Frau Schneiderin. Wieder Zeilen, die ich aufmerksam lese und die wirken. Auch wenn ich der schlechteste und ungeduldigste Koch der Welt bin.

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