Wegweiser

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Die Luft ist kühl und feucht, riecht nach weichem, grünem Moos und frischen Pilzen. Es ist, als ob der Wald atmen würde. Ich steige hoch und höher. An jeder Ecke gibt es Neues zu sehen. Wunderbare Pflanzen mit roten, filigranen Blättern, moosbedeckte Steine, Baumstrünke, Grün in allen Schattierungen. Ich fotografiere. Versuche, die Eindrücke festzuhalten.
Irgendwann bin ich innen und aussen müde, und es folgt immer wieder noch eine Biegung und noch eine. Ich habe schon lange das Gefühl, ich müsste gleich oben sein, aber der Weg will sich nicht öffnen. Ich habe keine Ahnung, ob es überhaupt der Richtige ist, oder ob ich mich doch im Lesen der Karte geirrt und den falschen Einstieg gewählt habe.
Ah, da vorn ist eine Kreuzung. Da ist sicher auch ein Wegweiser. Meine Schritte werden kräftiger und hoffnungsfroh, angespornt durch die Gewissheit, gleich den wichtigen Hinweis zu erhalten.
Ausser Atem bleibe ich stehen, ziehe erst mal die Wasserflasche aus dem Rucksack um mich zu erfrischen und wische mir den Schweiss von der Stirn.
Da ist ja der Wegweiser! Ich lese. Aber ich verstehe nicht. Ich sehe drei, vier Möglichkeiten, nein, ist das hier nicht auch noch eine? Auf welchem Weg komme ich zu meinem Ziel? Ich lese wieder, langsam und konzentriert, versuche, was ich lese einzuordnen. Vom Studieren der Karte sollten mir doch wenigstens die Namen bekannt vorkommen. Aber es ist, als hätte mein Gedächtnis sich geweigert, irgendwas davon zu speichern. Heute verstehe ich gar nichts.

Hier gibts keinen Fifty-Fifty-Joker. Der Publikumsjoker funktioniert auch nicht. Manche Entscheidungen muss man alleine, draussen im Wald treffen. Ach ja, den Telefonjoker gibts noch. Mist! Kein Empfang!
Soll ich es wie Franziskus machen? Von ihm wird berichtet, dass er in solchen Situationen seine Augen schloss und sich solange um sich selbst drehte, bis er das Gleichgewicht verlor. Jene Richtung, in die er dann blickte, wählte er als seinen Weg. Ein Orakel sozusagen.
Auf diese Weise könnte ich die Bibel an zufälliger Stelle aufschlagen und das Gelesene als Hinweis auf meine Situation nehmen. Auch das hat Franziskus praktiziert. Christliches Orakel, sozusagen.

Ich frage und lese, frage wieder, lese wieder. Diesmal nehme ich verschiedene Übersetzungen. Ganz langsam und leise entsteht ein Gefühl dafür, in welche Richtung der Weg gehen könnte.
Ich nehme mein Tagebuch und schreibe mir das Wichtigste auf. Versuche es in eigene Worte zu fassen. Das Bild wird klarer, fassbarer und bleibt doch durchsichtig und in der Schwebe wie eine Seifenblase. Niemand kann mir sagen, ob ich richtig sehe, das Erkannte wahr ist, oder nur Interpretation. Niemand kann mir garantieren, dass ich ans Ziel komme, obwohl das einige glaubhaft und sehr überzeugt verkünden.
Niemand kann mir allerdings die innere Gewissheit nehmen, dass alles, was mir widerfährt, wunderbar gelenkt ist und perfekt zusammenpasst, vom Himmel eingefädelt, und dass deshalb keiner meiner Wege falsch ist. Nehme ich einen vermeintlichen Umweg, dann wird „die Route neu berechnet“.
In manchen Momenten ist mir dies sonnenklar. In anderen hab ich das Gefühl, durch dicken Nebel zu waten und nicht mal bis zu meinen Händen sehen zu können.

Der Meister sagt: “Die Wegkreuzung ist ein heiliger Ort. Hier muß der Pilger eine Entscheidung treffen. Daher schlafen und essen die Götter für gewöhnlich an einer Wegkreuzung. Wo sich Wege kreuzen, konzentrieren sich zwei große Kräfte – die des Weges, der gewählt wird, und die des Weges, der verworfen wird. Beide werden für einen kurzen Augenblick zu einem Weg. Der Pilger kann ausruhen, ein wenig schlafen und sogar die Götter befragen. Doch niemand kann für immer dort bleiben: Ist die Wahl einmal getroffen, muß er weitergehen, ohne über den Weg nachzudenken, den er nicht eingeschlagen hat. Sonst wird die Wegkreuzung zu einem Fluch.”
Paulo Coelho

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5 Gedanken zu “Wegweiser

  1. Zuerst musste ich an Martin Heidegger und seine „Wegmarken“ denken, aber tatsächlich ist der Unterschied doch größer als ich zuerst vermutete.

    Du schreibst dass „alles wunderbar gelenkt ist und perfekt zusammen passt“. Ich denke dass das Leben absurd ist und die einzige Lenkung darin besteht dass wir noch tiefer in die Absurdität getrieben werden.

    Der „Nebel“ von dem Du schreibst ist allgegenwärtig – es geht nur darum sich dagegen aufzulehnen.

    Liebe Grüße.

    Joachim

  2. Hallo Joachim

    Das Buch von Heidegger kenn ich nicht. Ich hab einfach versucht, auszudrücken, was gerade in mir abläuft.

    Absurd ist das Leben manchmal, im Sinne von der Logik widersprechend. Aber sicher nicht sinnlos. Nicht in meinen Augen.

    Dass es gelenkt ist und alles zusammenpasst, das erlebe ich wirklich so. Es gibt keine Zufälle. Zu oft sind Dinge zur richtigen Zeit genau so wie ich sie brauche. Oder ich laufe an Büchern vorbei, die genau die Fragen beantworten, mit denen ich mich gerade rumschlage. Ich werde geführt. Ganz eindeutig.

    Manchmal seh ich es einfach nicht. Oder es ist vielleicht in manchen Situationen besser, dass ich es nicht sehe oder spüre, wenn Wachsen und Weiterkommen mein Ziel ist.

    Welchen Sinn hätte es, jemanden tiefer in die Sinnlosigkeit zu treiben? Das würde doch dem Prinzip Leben genau entgegenstehen! Das Leben würde sich selbst untergraben.
    Was nützt dann ein sich dagegen auflehnen?

    Liebe Grüsse
    Maria

  3. Hallo Maria,

    wir gehen sicherlich von völlig unterschiedlichen Standpunkten aus – meiner Ansicht nach ist das Leben sinnlos (oder sollte ich sagen:“sinnfrei“?) und man sollte den Begriff „sinnlos“ völlig wertneutral anschauen – per se ist dieser Begriff ja weder gut noch schlecht. Der einzige Sinn den es hat ist der Sinn dem wir ihm geben. Für das Leben (als universelle Kategorie) ist es bedeutungslos ob wir Menschen existieren oder nicht. Einem Eisbären in der Arktis ist es egal ob wir Menschen existieren oder nicht (obgleich er vielleicht froh wäre wenn wir nicht da wären, könnte er denken und wüsste um den Grund für die Tatsache dass die Eisschollen immer dünner werden…). Und unser Sonnensystem wird sich weiter um das Zentrum der Milchstraße – egal ob wir existieren oder nicht.

    Die Absurdität besteht darin, dass beispielsweise Millionen von Menschen hungern während in unserer Zivilisation Wettkämpfe darum stattfinden wer die besten Maße hat, oder auch tatsächlich dass wir einen Sinn suchen während das Leben an sich sinnlos ist. Je mehr uns bewusst wird, umso absurder wird das Leben. Das Auflehnen mag darin bestehen einen (persönlichen) Sinn zu stiften – und auf der ethischen Ebene Solidarität zu üben.

    Liebe Grüsse.

    Joachim

  4. Hallo Joachim

    In der Tat ein total anderer Standpunkt!
    Aber wir reden vom Gleichen. Du schaust es Dir einfach von der anderen Seite an. Ich finde das spannend und faszinierend.
    Wenn wir jetzt alle Ansichten von allen nehmen würden, kämen wir langsam der Realität näher. Das Bild würde mit der Zeit vollständig.

    Darum herzlichen Dank für Deinen Kommentar und die Erklärung dazu!

    Liebe Grüsse
    Maria

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