Bushaltestelle

Ich sitze in der kalten Herbstluft an der Bushaltestelle. Der Wind wirbelt die ersten gelben Birkenblättchen vor meine Füsse, der Himmel ist konturlos grau, seit Tagen. Ich warte.

Warten ist eins der Dinge, die ich hasse. Ich bin ein Macher. Ich möchte gern etwas tun. Empfinde warten als verschwendete Zeit. Ich hab manchmal das Gefühl, das halbe Leben schon mit Warten zugebracht zu haben.
Als ich ein Kind war, wartete ich auf Weihnachten, den ersten Schnee, auf Besuch, auf die Sommerferien, das Barfusslaufen und darauf, endlich gross zu sein und all die Dinge tun zu können, die die Grossen dürfen.
Später wartete ich darauf, endlich mit der Ausbildung fertig zu sein und mein eigenes Leben anzufangen. Ich lebte von „wenn dann…“ zu „wenn dann…“
Wenn ich dann mal einen grossen Freundeskreis habe…
Wenn ich dann sattelfest im Beruf bin…
Wenn ich verheiratet bin…
Wenn wir dann Kinder haben…
Wenn wir endlich wissen, wo wir leben, dann…
Wenn ich Gott endlich spüre…
Wenn dann erst mein ganzes Leben perfekt ist (und so, wie ich mir das vorgestellt habe)…Die Enttäuschung war vorprogrammiert, denn erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt.
Ich musste lernen, loszulassen. Ich lernte zu geniessen, mich zu freuen. Ich lernte, flexibler zu denken. Ich lernte, öfter anzunehmen was kommt. Ich lernte zu danken.
Ich lernte auch zu warten. Zum Beispiel damit, meine Meinung immer gleich an den Mann zu bringen. Oder auf ausstehende Antworten. Ich lernte, Veränderungen mit Geduld und Behutsamkeit anzugehen. Ich meine die äusseren, die ich selbst initiieren kann. Und manchmal hab ich es fertig gebracht, auch die inneren mit Gelassenheit wachsen zu lassen.

Und doch: Warten ist mir noch immer verhasst. Am meisten dann, wenn ich nicht weiss, wie lange der Ist-Zustand noch andauert. Wenn ich nicht weiss, wann die ersehnte Änderung kommt.
Ich schaff es nicht, inzwischen einfach sitzen zu bleiben, den Sonnenstrahlen zuzusehen, die auf einmal sachte durch die Blätter der Birke blinzeln. Den zwei kleinen Kindern zuzuschauen, die einander auf Rollern nachjagen, kreischend vor Lachen. Ich schaff es nicht, dieses Bild der Lebensfreude in mich aufzunehmen, in meinem Inneren wirken zu lassen. Nicht, ohne den Gedanken an verschwendete Zeit, die man viel effizienter nutzen könnte. Und nicht ohne das verzweifelte Gefühl, dass doch alles viel einfacher und besser wäre, wenn ich schon längst am Ziel meiner Träume angekommen wäre. Ich fühle mich zurückversetzt in Kinderzeiten, möchte aufspringen, quengeln und mit den Füssen stampfen.
Oder doch zumindest den Weg schon mal unter die Füsse nehmen. Das dauert ja ewig, bis der Bus kommt! Früher zündete ich mir in solchen Fällen eine Zigarette an…

Aber: Ich möchte auf keinen Fall den Bus verpassen! Renn ich jetzt los, braust er sicher in fünf Minuten an mir vorbei und ich habe das Nachsehen.
Also, was tun?
Es lernen, zu warten! Schlicht und (eben nicht) einfach. Wieder einmal: Ganz da sein. Den spielenden Kindern nicht nur zuschauen, sondern versuchen, mitzulachen. Versuchen, das Licht der Sonne zu atmen. Und es lernen, alles in Gottes Hände zu legen. Alles.
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4 Gedanken zu “Bushaltestelle

  1. Liebe Maria
    Ich glaube Du musst nicht lernen zu Warten, Dein Problem. ist wie meines Geduld, Du musst lernen geduldig mit Dir selber zu sein, regelmässige Zen-Meditation, könnte Dein problem lösen. Da bleibst Du sitzen bis der Gong ertönt und es tut wirklich gut, aber erst später. Aber Du wirst das auch noch lernen, Du hast ja schon so vieles gelernt. Und danke Dir das Du meine Linklieste verlinkt hast vielen Dank. Das Leben ist ein geben und nehmen, ich habe dankbar angenommen.
    Liebe Grüsse zentao

  2. Danke. Du hast Recht. Warten, entspannt und vielleicht sogar freudig warten, kann man nur mit Geduld.
    An fünf von sieben Tagen sitze ich morgens 20min. Manchmal merk ich was davon. Manchmal nicht. Aber ich weiss: Jeder Atemzug ohne Gedanken füllt mein „Achtsamkeits-Konto“. Er ist wertvoll und zusammengezählt zahlen sie sich aus. Ich spüre, nach einem knappen Jahr, bereits erste Auswirkungen: Mehr innere Ruhe und Gelassenheit, höhere Konzentrationsfähigkeit, präziseres und schnelleres Spüren, was abläuft. Du siehst, ich lerne ;-)
    Liebe Grüsse
    Maria

  3. Genau den Gedanken hatte ich auch. Dazu gibt es auch noch einen passenden Spruch:

    Lieber meditieren als rumsitzen und gar nichts tun.

    Das geht auch, während man auf den Bus wartet. ;)

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