Die Antwort

Frau Hoffmann,

es ist eine Unverschämtheit, wie Sie mich behandeln. Eine bodenlose Frechheit ist das. Einfach das Telefon abzuhängen!
Ich habe Ihren Brief nochmals gelesen und muss sagen, dass einiges daraus regelrecht an den Haaren herbeigezogen ist.
Er liegt jetzt neben mir und wir werden ihn nun zusammen durchgehen und alles besprechen. (Eine Kopie habe ich Ihnen beigelegt, damit Sie ihre lächerlichen Argumente auch gleich vor Augen haben.)

  1. Sie behaupten, keinen Groll gegen mich zu hegen. Das stimmt hinten und vorne nicht. Sonst wären Sie ja wohl leise und würden Rücksicht nehmen!
  2. Zweitens bestehen Sie darauf, dass Sie gerade das tun. Auch das stimmt ganz und gar nicht. Sie sind ja so was von laut! Am Sonntag waren Ihre Kinder wieder sehr böse und ungezogen. Morgens um sieben! Ich hab es genau gehört. Sie sind umher gerannt und haben die Türen zugeschlagen. Am Sonntag!!! Was glauben Sie eigentlich, wer Sie sind? Und Sie haben nichts unternommen dagegen. Rein gar nichts. Ich meine, wenn ich hörte, dass Sie wenigstens laut mit ihnen schimpften! Aber ich habe nichts dergleichen gehört. Und mein armer Mausi hat solche Angst, wenn es so laut ist. Wenigstens wegen ihm könnten Sie sich mal Mühe geben.
  3. Natürlich ist ein solches Leben normal! Sie sind nun nicht mehr auf dem Land, gute Frau Hoffmann. Sie wohnen jetzt in einer Mietskaserne. Sie müssen sich wohl oder übel daran gewöhnen, dass man dort leise sein muss und dass normale Leute auf ihre Nachbarn Rücksicht nehmen.
  4. Es ist ja lächerlich, was Sie alles aufzählen! Was ist mit der anderen Liste? Soll ich mal anfangen aufzuzählen? Ihre Kinder sind die lautesten von allen. Wenn man das Fenster öffnet, dann hört man nur sie. Sie frühstücken sommers schon um acht Uhr auf dem Balkon und wecken das ganze Haus mit Ihrem Geschirrgeklapper. Sie saugen immer im dümmsten Moment Staub. Wissen Sie eigentlich, wie laut das bei mir unten ist? Sie haben ja die ganze Woche Zeit dafür. Da müssen Sie das nicht ausgerechnet am Wochenende tun, wenn ich zu Hause bin. Ach, und vom Waschen wollen wir gar nicht anfangen. Die Waschmittelschublade trocknen Sie nicht nach, Ihre Wäsche hängen Sie immer im vorderen Teil der Waschküche auf, statt in der hinteren Ecke. Und – das wollte ich Ihnen schon lange mal sagen – hängen Sie Ihre Unterwäsche in der Wohnung auf, Frau Hoffmann. Es ist unanständig, wenn andere Leute einem in die Wäsche gucken können. Das gehört sich einfach nicht.
  5. Meine Liste wäre auch länger, aber lassen wir das. Sie sind ja wohl nicht zu kurieren.
  6. So, Sie schimpfen also nur mit halbem Herzen? Was sind Sie doch für eine schlechte Mutter! Und Sie geben es auch noch zu! Erziehen sollten Sie Ihre Gören endlich! Und dazu gehört, dass sie kräftig ausgeschimpft werden. Sonst lernen sie es nie.
  7. Sie wettern übers Fernsehen. Ist das keine sinnvolle Tätigkeit? Das tun alle normalen Leute nach einem anstrengenden Arbeitstag und solche Tage werden Ihre Kinder, wenn sie gross sind, zwangsläufig haben. Sie müssen sich damit abfinden, dass nicht alle Menschen wie Sie zu Hause bleiben und den ganzen Tag basteln und nähen können.
  8. Die Polizei zu rufen, das ist Bürgerpflicht. Wenn niemand anders die Courage dazu hat, dann muss ich es eben tun. Es geht nicht an, dass diese Halbwüchsigen auf unserem Spielplatz nachts ein Fest feiern, wenn alle Welt schlafen will. Hat Sie das etwa nicht gestört? Kein Wunder, gibt es solche streunenden Jugendlichen, wenn die Mütter ihre Kinder nicht mehr erziehen.
  9. Ihre Vorschläge, wie ich Ihr Problem lösen soll, sind lächerlich. Ich sagte Ihnen doch schon am Telefon, dass ich nichts dafür kann, wenn Sie so laut sind. Früher ins Bett kann ich nicht. Von Ohrstöpseln kriege ich Kopfschmerzen. Tagsüber kriege ich kein Auge zu. Und ausziehen, diesen Triumph gönne ich Ihnen sicher nicht! Ich wohne nun schon viele Jahre hier, aber so eine widerspenstige und laute Familie ist mir doch noch nie untergekommen.
  10. Jetzt schreiben Sie tatsächlich noch etwas vom Gesetz. Ich kenne das Gesetz, das können Sie mir glauben. So werde ich mich also ans Gesetz halten und künftig abends bis um zehn laut sein, damit Sie mal sehen, wie unangenehm das ist. Wenn Ihre Kinder dann nicht schlafen können, ist das nicht mein Problem.

So, jetzt wissen Sie Bescheid. Ich rate Ihnen, lesen Sie diesen Brief nochmals und schreiben Sie sich die Sachen hinter die Ohren. Am besten hängen sie ihn am Kühlschrank auf, damit Sie sich daran erinnern, dass Sie sich schnellstens bessern sollten. Sonst bekommen Sie es mit mir zu tun.

Schönen Gruss
A. Keyser

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2 Gedanken zu “Die Antwort

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