Ruhestörung

Liebe Frau Keyser

Wir wohnen nun schon mehrere Jahre im selben Haus und Sie scheinen mit uns unveränderlich ein einziges Problem zu haben: Wir sind zu laut. Bevor ich Ihnen sage, was ich dazu zu sagen habe, versichere ich Ihnen, dass ich keinen Groll gegen Sie hege und möchte, dass Ihnen geholfen wird. (Nur schon aus eigenem Interesse).

Ich bestehe darauf: Wir tun alles in unserer Macht stehende, um Ihrem Wunsch nach Ruhe entgegen zu kommen. Wir gehen auf Zehenspitzen, rennen und hüpfen nicht, wir reden nur halblaut, wir spielen nicht mit Bauklötzen auf dem Holzboden (obwohl, das kann ich Ihnen versichern, meine Kinder grossen Spass daran hätten), wir öffnen unsere Fensterläden erst nach neun Uhr morgens, wir benützen das Treppenhaus statt den Lift damit es nicht poltert und klappert, wir schliessen die Türen immer leise, empfangen selten Besuch, und wenn, dann nur bis zehn Uhr abends. Am Wochenende sind wir bis neun Uhr morgens so ruhig, wie wir es vermögen und abends nach acht musizieren wir nicht mehr und wir fernsehen mit Kopfhörer. Überlegen Sie selbst, ob ein solches Leben noch normal ist.
Die Liste wäre viel länger, aber es würde zu weit führen, alles aufzuzählen.

Sie sehen also, wir tun alles, um auf Ihr Ruhebedürfnis Rücksicht zu nehmen. Und Sie können mir glauben, dass das nicht einfach ist mit Schulkindern. Die Sache wird erschwert durch den Umstand, dass ich es nicht wirklich vor meinen Kindern vertreten kann, sie immer wieder zurechtzuweisen, nur, weil sie kindlich froh und ausgelassen sind und auch mal herumtoben sollten. Je mehr ich schimpfe, desto mehr sind sie laut. Wahrscheinlich weil sie spüren, dass ich es nur mit halbem Herzen tue.
Überlegen Sie mal, was solche angepassten, leisen Kinder in ihrer Freizeit tun. Fernsehen, lesen, Märchenkassetten hören, später gamen, chatten, surfen – und das war’s? Wenn sie dann zwölf sind und abends lärmend durchs Quartier ziehen weil sie nicht gelernt haben, in ihrer Freizeit etwas Sinnvolles zu tun und weil sie nirgends erwünscht sind, dann greifen Sie doch als Erste zum Telefon um die Polizei zu rufen!

Nun zu Ihrem Problem: Sie sagen, sie litten unter zu wenig Schlaf. Das glaube ich Ihnen gern! Schliesslich gehen Sie morgens um sieben zur Arbeit (das Klappern Ihrer Schuhe bis zur Lifttür im Zwischenstockwerk ist inzwischen mein zuverlässiger Wecker). Dafür stehen Sie um sechs auf. Sie sagten mir, Sie würden zwischen elf Uhr und Mitternacht zu Bett gehen. Da bleiben Ihnen in der Tat nicht viele Stunden.

Aber wenn ich es mir recht überlege, dann haben Sie nebst Ihrem Schlafmangel noch eine zweite Schwierigkeit. Sie verlagern nämlich das Lösen Ihres Problems ein Stockwerk nach oben, übergeben die Verantwortung dafür uns ab. Damit machen Sie es sich zu einfach. Und das, ich versichere es Ihnen, schadet Ihnen mehr als das Schlafmanko.

Sind denn wir dafür verantwortlich, dass Sie erst um Mitternacht zu Bett gehen? Sie könnten das doch ebenso gut zwei Stunden vorher tun. Oder Sie könnten Ohrstöpsel benutzen. Sie könnten am Wochenende zusätzlich einen Mittagsschlaf machen. Sie könnten sich eine neue Wohnung suchen (Ich weiss, auf dem gegenwärtigen Wohnungsmarkt ein ziemlich schwieriges Vorhaben, aber man muss alle Möglichkeiten durchdenken). Oder Sie könnten das Problem auf Ihre eigene Weise lösen. Hauptsache, Sie tun etwas und nehmen die Sache selbst in die Hand.
Ich gebe Ihnen damit den Ball zurück. Wir haben, so meine ich, unseren Teil mehr als erfüllt. Es liegt nun an Ihnen, für die Lösung Ihres Anteils zu sorgen. Im Grunde wissen Sie doch selbst, dass Sie von uns nur im gesetzlich vorbestimmten Rahmen Ruhe verlangen können, und das ist zwischen zehn Uhr abends und sieben Uhr morgens.

Nun wünsche ich Ihnen, dass Sie bald genügend Schlaf bekommen
und verbleibe mit freundlichen Grüssen
Ihre Frau Hoffmann

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3 Gedanken zu “Ruhestörung

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