Wie ich Vegetarier wurde

Falls es jemanden interessiert, warum ich Vegetarier bin: So in etwa wie Gilles Tschudi hab ich die Ernährungsumstellung erlebt.

Ich hab es mir nämlich nicht ausgesucht. Eher hat es mich ausgesucht. So empfand ich es jedenfalls, als ich eines Tages nach dem Sehen eines Dokumentarfilmes über Fleischproduktion einfach kein Fleisch mehr essen konnte. Ich empfand das als zutiefst falsch. Etwas in mir wehrte sich mit grossem Nachdruck dagegen. Und ich konnte nichts entgegenhalten. Also gehorchte ich einfach.
Ich wusste nicht, ob meine Entscheidung für immer war, oder ob es nur eine vorübergehende Phase, wieder mal einer meiner Spleens wäre. Ich liess mich einfach darauf ein.
In der folgenden Zeit erlebte ich seltsame Dinge. Ich stand zum Beispiel im Supermarkt in Gedanken versunken an der Kasse Schlange und nahm plötzlich wahr, wie Kunden vor mir vakuumierte Tüten mit Rinderhack aufs Förderband legten. Ein Impuls kam hoch, ein innerer Aufschrei: „Nicht!!! Wie können sie nur ein totes Tier auf das Band legen und es als Ware behandeln?“ Ich war erstaunt über meine emotionale Reaktion.
Ein andermal spazierte ich im Stadtpark an der Voliere vorbei. Es schmerzte mich körperlich, die gefangenen einheimischen Vögel zu sehen. Ich ging mit einer Stimmung heim, als hätte ich meine beste Freundin im Gefängnis gesehen und könnte nichts für sie tun. Ich war überrascht über die Heftigkeit des Schmerzes. Ich kenne die normale Betroffenheit über einen Missstand, aber das ging viel tiefer.
In dieser Zeit probierte ich immer mal wieder, ein Stückchen Fleisch zu essen. Ich wollte mich testen und Marito ist ein wunderbarer Koch, müsst ihr wissen. Da entgeht einem schon die eine oder andere kulinarische Köstlichkeit, wenn man kein Fleisch isst. Aber immer war mir, als würde ich etwas Grundfalsches tun. Etwas, das ich einfach nicht darf. Nach einem Bissen war mir das Fleisch zuwider, obwohl es rein geschmackstechnisch himmlisch schmeckte.
Langsam begann ich mich damit abzufinden, jetzt Vegetarierin zu sein. Einmal erst hatte ich wieder Lust, Fleisch zu essen. In Form eines Schinkenbrötchens. Aber jenes gleich daneben, mit Frischkäse, Möhren und Gurkenscheiben, hat mir ebenso gut geschmeckt. Und ich hatte vor allem das Gefühl, das Richtige gewählt zu haben.
Was ich bisher körperlich beobachte ist, dass ich viel weniger Akne hab als vorher. Und Gemüse schmeckt doppelt so gut.

Dass man mit dem Fleisch, die (Todes-)Emotionen der Tiere mitisst, das wusste ich. Oder besser: ich wusste, dass es Menschen gibt, die daran glauben. Ich selbst könnte bis heute nicht mit Sicherheit sagen, ob es sich wirklich so verhält. Ich weiss nur, dass ich kein Fleisch essen darf und mag. Und folge diesem inneren Impuls.
Aussprüche wie jener von Sorella: „Wir waren doch schon immer Kannibalen!“ geben mir zu denken. Man könnte meinen, dass es bloss ein gedankenlos gewähltes Wort ist? Aber was sagt es aus? Nämlich, dass wir Unseresgleichen essen, wenn wir Fleisch essen.
Also? Irgendwas ist da dran.

Für mich ist es falsch, Fleisch zu essen. Warum genau, werde ich vielleicht eines Tages herausfinden. Bis dann halt ich mich dran, einfach keines zu essen, ertrage die Fragen aus meinem Freundes- und Familienkreis und das Belächeltwerden.

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2 Gedanken zu “Wie ich Vegetarier wurde

  1. Deine Geschichte erinnert mich sehr an meine „Entwicklungsgeschichte“ auf dem Weg zum Vegetarier! Mittlerweile ist die Lust auf Fleisch aber völlig weg, und es fühlt sich verdammt gut an.

    Libe Grüße
    Oliver

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