Ironie des Schenkens

Wie meistens im Dezember überrascht mich die Kürze der Adventszeit. Dieses Jahr wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass sie nur im Idealfall fast vier Wochen lang ist. Üblicherweise dauert sie drei Wochen und ein paar Stunden. (Ich hab erst jetzt gemerkt, dass es bei vier Adventssonntagen nur drei Wochen Zwischenraum gibt!)
Liegts an diesem Denkfehler, dass es die kürzesten vier Wochen des Jahres sind? Oder unterliegt Zeit, solange man sich viel zu tun vornimmt, demselben Gesetz wie Geld: Es verschwindet, und niemand weiss genau warum so schnell und wohin?

Ich kurve also ein paar Tage vor Weihnachten durch die Kaufhäuser. Das dauert, weil wir jetzt in der Stadt wohnen, dreimal so lang wie früher. Damals klapperte ich einfach die Warenhäuser an der Bahnhofstrasse ab. Was erhältlich war, kaufte ich. Was nicht, bestellte ich oder disponierte um.
Jetzt kann ich in der selben Zeitspanne gerade mal eine Handvoll Läden durchstöbern. Und hintennach stehen mindestens nochmal so viele Schlange, erwartungsvoll, festlich geschmückt und völlig überladen und werben um einen, wenigstens kurzen Blick von mir. Und den gewähre ich selbstverständlich. Schliesslich weiss man nie, ob man gerade im anderen Geschäft nicht doch das Passendere gefunden hätte.

Da verbringe ich also meine kostbare Adventszeit damit, wirklich gute Geschenke für meine Leute zu finden.
Kein erfolgversprechendes Unterfangen. Ich möchte doch nicht irgendetwas schenken, nein, meine Idee soll mitten ins Schwarze treffen, Überraschung auslösen, Liebe ausdrücken. Ich möchte Wünsche von den Augen ablesen und dann die Freude darin leuchten sehen.
Die schwierigsten Geschenke sind jene für Menschen, die schon alles haben und sich alles leisten, was sie haben wollen und die mir nicht nah genug stehen, dass ich wüsste, was sie sich wirklich wünschen. Oder jene, die ich der Etikette wegen beschenken muss, statt möchte.
Genau! Jetzt hab ichs! Ich schenke ihnen was Selbstgemachtes, das man nicht kaufen kann!
Womit wir wieder beim Zeitproblem wären. (Das Dumme ist, die guten Einfälle kommen mir nicht im November.)

Und dann die Frage, der ich noch nicht bis zum Ende nachgegangen bin: Ist es besser, ohne die geringste Vorstellung durch die riesige Auswahl zu streifen und einfach das zu nehmen, was mich anspricht? Oder ist es zeitsparender, sich vorher für jeden etwas auszudenken und dann diese Dinge in der ganzen Stadt zusammen zu suchen?

Zuguterletzt, als ich beim Nachhausekommen die Post durchsehe, schaut mich aus einem der zahlreichen Dezember-Bettelbriefe ein halbverhungertes Kind an und ich frage mich, warum ich für die Menschen, die es wirklich nötig hätten, am Ende des Monats kein Geld mehr übrig habe. Und ich merke, wie unbedeutend doch meine Fragen in Wirklichkeit sind.

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Ein Gedanke zu “Ironie des Schenkens

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