Sie ist jetzt der Chef


Nach dreizehn Jahren treuem Dienst hat sich die alte Küchenmaschine endgültig von unserem Haushalt verabschiedet. Erst nur ein wenig unsicher auf den Beinen, wackelte sie immer stärker und heulte immer lauter. Dann liess sie sich nicht mehr arretieren und wollte nur noch mit Handauflegen rühren – was ja überhaupt nicht der Sinn der Sache ist – und zum Schluss fing sie auch noch lauthals an zu jammern. Wahrscheinlich ein Lagerschaden, urteilte Marito, es lohnt sich nicht mehr, sie reparieren zu lassen.

Ein letztes Mal durfte sie, als krönenden Abschluss ihrer Karriere, die Kuchenteige für unser Herbstfest rühren.
Dann bedankte ich mich für all die Jahre, in denen sie an meiner Stelle unzählige Zopf- und Brotteige geknetet, Kuchen, Schokolademousses und Biskuits gerührt, Nüsse, Äpfel und Möhren geraffelt, Rösti-Kartoffeln geraspelt, Kaffeebohnen gemahlen und frische Pasta gepresst hatte. Sie hat ihren Ruhestand redlich verdient.

Marito packte die Gute unter den Arm und brachte sie zur Rückgabestelle im Supermarkt. Sie ist dort in guter Gesellschaft mit Kaffeemaschinen, Computern und anderen Geräten im Pensionsalter.
Ein paar Schritte nebenan erwarb er ihre Nachfolgerin – zufällig gerade im Angebot. Dieselbe natürlich. Schliesslich möchte ich all die teuren Peripheriegeräte weiterhin nutzen.

Und nun steht die Neue in meiner Küche. Mit einer Edelschüssel aus Chromstahl und antihaftbeschichteten Rührwerkzeugen. Heutzutage alles spülmaschinengeeignet, versteht sich.
Sie ist jung und fit, arbeitet ruhig und leise, und auch bei höchster Geschwindigkeit versteht man noch sein eigenes Wort.
Und wie das bei allen exzellenten Werkzeugen, Geräten oder Musikinstrumenten ist: Sie beflügelt mich zu Höchstleistungen. Hab ich mir doch gestern Mittag um halb zwölf glatt überlegt, ob ich noch frische Pasta pressen soll. Ein Telefonat hielt mich davon ab.

Jetzt mahlt sie mir jeden Abend den Weizen für mein Kollath-Frühstück und hat auch sonst alle Hände voll zu tun. Neuerdings teile ich meine Rezepte in zwei Kategorien: die mit, und die ohne. Natürlich nehme ich die mit (Maschine).
Und ich überlege die ganze Zeit, ob ich den Kindern einen Bananenshake mixen, zum Abendessen die versäumte frische Pasta zubereiten und nach dem Brot gleich noch Kuchen auf Vorrat backen soll.

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