Heimat

Winterkalte Luft, erste Schneeflocken, es wird früh dunkel. Wir haben die warmen Klamotten vom Dachboden geholt, das erste Mal Sauerkraut gekocht und Mandarinen gegessen. Der wunderbare goldne Herbst mit rotem Sauser und frischen Kastanien ist vorbei. Jetzt ist der Himmel hoch und grau, sind die Farben müde und die Felder leer.
Die Jahreszeit ist angefüllt mit Erinnerungen an die Zeit auf dem Land, in der alten Heimat. Viele wunderbare Düfte: den von Holzrauch in der kalten Luft, Sauerbraten, heissem Punsch, Mandarinen, Äpfeln und Zimt.
Ich erinnere mich, wie wir mit warmem Schlafanzug, dicken Wollsocken und einem heissen, mit Kirschkernen gefüllten Kissen im eiskalten Schlafzimmer unter die Decke schlüpften. Ich erinnere mich an klamme Finger beim Wäsche aufhängen auf dem Dachboden und an die knarrenden Dielen. Ich sehe die schon weissen Bergspitzen vor mir, die in der Abendsonne golden leuchteten, währenddessen ich mit durchgefrornen Fingern die Gartengeräte versorgte.
Und dann die Vorweihnachtszeit, die, seit ich denken kann, immer eine der intensivsten Zeiten des Jahres war. Der Duft der Weihnachtsplätzchen, die Vorfreude, das Dekorieren des Hauses, die Einkäufe im weihnachtlich beleuchteten Dorf. Ich denke an die Abende mit Freunden, die wir bei Mandarinen, Apfelpunsch und Erdnüsschen oder bei einem gemütlichen Fondue verbrachten.
Es gibt Momente, in denen ich zu all dem zurück möchte. Wo mir bewusst wird, dass ich all das, was mir Heimat und Geborgenheit war, nicht mehr habe. Ich spüre, dass dieser neue Ort, an dem ich bin, nie auf dieselbe Weise Heimat sein wird für mich. Und das ist gut so.
Ich weiss, dass all die äusseren Dinge, soviel Geborgenheit sie auch geben, vergänglich sind. Festhalten kann ich sie nicht. Sie waren und sind wie Seifenblasen, die mich faszinieren, mein Gemüt erfreuen und dann leise schwebend vergehen. Ich kann sie geniessen, wenn ich in jenem Augenblick, in jenem Jetzt, in dem sie sind, ganz da bin. Kann sie geniessen, wenn mein Geniessen mit ihnen schwebt, mit ihnen vergeht. Leicht und lose. Wenn ich nicht an ihnen hafte. Sie würden sonst zerplatzen. Die Freude daran kann ich als einen Schatz bewahren. Kann sie mit anderen teilen, damit sie grösser wird und bleibt. Die Seifenblasen selbst, sie gehen fort, wenn ihre Zeit zu Ende ist.
So streck ich mich nun aus, die Heimat in mir zu finden. An jenem verborgenen Ort ganz tief innen, in dem die Stille wohnt. In dem Gott wohnt, das Zentrum des Universums.
Die äussere Heimatlosigkeit hat mich auf den Weg nach innen geschickt. Fordert mich auf, nach innen horchen zu lernen. Nach dieser verborgenen Welt in mir will ich suchen. Unermüdlich. Und weitergehen auf dem Weg zum Ziel.
So betrachtet bin ich froh, dass alles ist, wie es ist und dass ich ziemlich gut damit zurecht komme. Nur manchmal, da sehne ich mich zurück.

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