Ausflug in eine andere Welt

Mittagszeit nach dem Abwasch. Ich blättere in einer Werbebroschüre, Figlia trocknet das Geschirr ab und redet mit mir. Nur im Hintergrund nehme ich ihre Stimme wahr, antworte automatisch zustimmend, wenn die Melodie abfällt: „Mmmhmmm.“
Ich lese weiter und bin eigentlich total abwesend und dass meine Tochter mit mir redet, das dringt nicht zu mir durch.
„Cool, gell?“ „Ja.“
Was eigentlich? Mist! Jetzt hab ich nicht mal mitbekommen, was sie mir erzählt hat. Und das nicht, weil es mich nicht interessieren würde, sondern weil sie einfach das Pech hatte, mich nicht vor dem Abdriften in die Welt der Buchstaben zu erwischen.
Sie merkt nichts davon. Ich weiss nur, dass es um ein Erlebnis aus dem Schulmorgen ging und habe ein schlechtes Gewissen.

Es passiert mir nicht nur beim Lesen, dass ich völlig abwesend bin und andere Mühe haben, mich anzusprechen, weil ich schlicht nichts höre. Manchmal geht es mir auch während des Nachdenkens so. In solchen Momenten bin ich wirklich weg. Aber wo geh ich hin? Der Körper funktioniert rein automatisch weiter: Ich fahre Auto, wasche ab oder meine Augen wandern übers Papier. Aber es fühlt sich nicht so an, als ob ich mich in meinem Körper befinden und ihn von innen steuern würde. Ich bin irgendwo ausserhalb, vielleicht auch innerhalb, aber in der Tiefe und tauche dann irgendwann wieder auf, kehre zurück und empfinde das auch so. Ich frage mich verwundert, wie ich von A nach B gekommen bin oder, was ich denn da gerade tue.

Und von Schulkindern wird verlangt, dass sie immer anwesend, immer aufmerksam sind und sich immer in Welten aufhalten, die ihnen die Erwachsenen vorschreiben. Schön geordnet und kontrolliert.
Wie soll das Kindern gelingen, die noch viel öfters als wir Erwachsenen so versunken und selbstvergessen spielen und nachdenken können? Wie, wenn es nicht mal mir gelingt, meinen wichtigsten Menschen immer aufmerksam zu begegnen?

Ich denke daran, dass ich meine Kinder immer wieder mal für solche ganz normalen Dinge verteidigen muss. Mich wehren muss für sie gegen Erwachsene, die längst weit weg von der Kinderwelt leben und Verständnis und Zugang verloren haben.
„Aber sie müssen es schliesslich lernen. Das können Sie ihnen nicht ersparen.“ (Meist werden solche Sätze mit einem mitleidigen Lächeln untermalt.)

Natürlich müssen sie lernen, mit der Welt der Erwachsenen zurecht zu kommen. Aber das heisst nicht, dass man alles schon von Achtjährigen fixfertig erwartet.
Und im Übrigen hoffe ich doch sehr, dass meine Kinder das kleine Türchen nicht von Sorgenranken und Karrierehecken überwuchern lassen, sondern bis ans Ende ihrer Tage ein- und ausgehen im Kinderland.

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