Lippenstift und Zimtzucker [Kurzgeschichte]

Sie fragte sich, was sie zu Mittag kochen würde. Im Schrank fand sie den Rest vom Frühstücksbrot, Mehl und Salz, im Kühlschrank Eier und Milch. Auf dem Küchentisch in einer blauen Schale Äpfel. Sie kramte ein Messer aus der Schublade, nahm eine Pfanne vom Haken an der Wand und setzte sich zum Fenster.
Langsam, in Gedanken versunken zerschnitt sie die Äpfel, entfernte das Kerngehäuse und warf die Schnitze in den Topf. Vielleicht würde er ihr dafür einen seltenen Blick schenken, sogar ein warmes Lächeln.
Seufzend schnitt sie das Brot in Scheiben, schlug zwei Eier auf und verquirlte sie mit einer Gabel. Die Milch goss sie in einen Teller. Die kochenden Äpfel dufteten, verströmten den vertrauten Geruch aus Kinderzeiten.
Sie zerliess ein Stück Butter in der Bratpfanne, drehte das Brot wie Wagenräder in der Milch, tauchte die Scheiben ins aufgeschlagene Ei und briet sie langsam. Dazwischen warf sie einen Blick durchs blitzblank polierte Fenster mit den schneeweissen Spitzengardinen, in den Garten, zum Tor und auf die Wegbiegung, um zu sehen, ob er schon nach Hause käme.
Mit einer Gabel wendete sie das Brot, bestreute es mit Zimtzucker, schob es auf einem Teller ins Backrohr. Damit es warm bleiben würde.
Sie deckte den Tisch, wie immer stilvoll, mit Servietten aus Stoff, obwohl er das ganz überflüssig fand und die seinige nur selten benutzte. Sie stellte den Kerzenständer auf den Tisch, den von ihrer Grossmutter und kramte im Schrank nach einer passenden Kerze. Rot schien ihr eine gute Farbe zu sein. Sie legte sorgfältig das Besteck auf den Tisch, ordnete fein säuberlich Gläser und einen halb verwelkten Blumenstrauss und rettete die letzten Brotscheiben vor dem Anbrennen. Nur noch schnell das Apfelmus fertigmachen, Teewasser aufsetzen und dann würde er da sein.
Sie hängte die Küchenschürze an den Türhaken, wusch sich die Hände und glättete mit den feuchten Fingern ihr Haar. Lippenstift auftragen? Fragte sie sich. Nein, zu viel Aufhebens für das einfache Mahl, entschied sie.
Sie goss das kochende Wasser in den Teetopf und wartete. Malte sich aus, wie sie es ihm sagen würde, fragte sich, ob er dagegen sein würde. Vielleicht hatte er Verständnis. Sie hoffte es. Im Kopf legte sie sich ein paar Sätze zurecht, wog Argumente ab, überlegte, wie sie ihn am besten überzeugen könnte. Sie schaute auf die Uhr. Eigentlich müsste er schon da sein.
Vielleicht war etwas dazwischen gekommen. Oder er hatte noch jemanden getroffen und geplaudert. Vielleicht musste er länger arbeiten, was mittags eher selten vorkam, aber doch ab und zu eintraf. Sie machte sich keine Sorgen deswegen, war eher erleichtert, dass sich das gefürchtete Gespräch verzögern würde. Sie nutzte die Zeit, weitere Gründe zu suchen, zu debattieren, andere Argumente wieder zu verwerfen. Sie setzte sich an den Tisch und begann die Zeitung zu lesen. Er würde das zwar nicht sehr schätzen. Er hasste es, wenn nicht mehr alle Bünde säuberlich gefaltet und in der richtigen Reihenfolge waren und das würden sie unweigerlich sein, wenn sie sie zuerst las.
Ein paar chaotische Angewohnheiten hatte sie beibehalten. Alles hatte er ihr nicht austreiben können. Heute würde er es ihr verzeihen weil er zu spät kam.
Endlich. Sie hörte das Brummen des Motors, später das Klacken der Tür. Er gab sich immer Mühe, dass es nicht zu laut knallte, obwohl das hier draussen ohnehin niemanden interessierte.
Schnell stellte sie den Teller mit den Broten und die Schüssel mit dem Apfelmus auf den Tisch. Er liebte es, wenn er sich sofort hin setzen und gleich beginnen konnte. Und er hasste es, zu warten. Sie goss den Tee in die Gläser und holte die Zuckerdose und zwei Löffel, die sie vergessen hatte.
Es klingelte.
Sie hob den Kopf. Erstaunt, irritiert, erschrocken. Wer könnte das sein? Um diese Zeit? Es war etwas passiert. Sie war sich sicher.
Es war gar nicht Albert!
Sie öffnete nicht. Hatte zuviel Angst, zu schwache Knie. Langsam setzte sie sich wieder, nahm die Zeitung, las zerstreut weiter. Wirre Sätze.
Es klingelte. Zum zweiten Mal.
Sie zuckte zusammen. Ihr Herz klopfte. Sollte sie es wagen?
Nein. Sie blieb sitzen. Zu viel Angst.
Schritte entfernten sich. Sie atmete auf. Das gefürchtete Unheil war abgewendet.
Sie las die Zeitung zu Ende, faltete das widerspenstige Bündel Papier mit energischem Druck zusammen.
Sie nahm sich zwei Scheiben Brot, eine Schöpfkelle vom Mus und begann zu essen. Langsam. In Gedanken versunken.
Wo war er? Was tat er? Soviel Verspätung hatte er noch nie!
Sie nahm sich eine weitere Scheibe.
Wo würde er essen? Würde es wenigstens was Richtiges sein?
Sie stand auf, räumte den Tisch ab, nur ihre Seite, spülte das Geschirr. Die Brote und das Mus stellte sie in den Kühlschrank. Er würde es schätzen, wenn er abends doch noch was Richtiges in den Magen kriegte. Das liebte er an ihr und das wusste sie. Sie lächelte bei dem Gedanken an seinen Blick, den er ihr dann zuwerfen würde. Er würde stolz auf sie sein.
Für den Nachmittag hatte sie sich vorgenommen, die restlichen Fotos ins Album zu kleben. Er wollte nicht, dass so was lange herumlag und unerledigt blieb.
Sie ging ins Schlafzimmer, öffnete die oberste Schublade ihrer Kommode, nahm Fotoalbum und den Umschlag mit den Fotos heraus und schob die Lade mit der Hüfte wieder zu.
Die Fotoecken! Dachte sie. Ich habe vergessen, die Fotoecken zu kaufen.
Nun musste sie doch noch den weiten Weg ins Dorf machen und in den ungeliebten Laden an der Ecke zur Bahnhofstrasse gehen. Aber es war der einzige, der Fotoecken verkaufte. Sie mochte den Verkäufer nicht. Er war so freundlich. Zu freundlich. Ihr blieb keine Wahl. Albert würde es ihr nicht durchgehen lassen, wenn die Fotos nicht aufgeklebt waren.
Sie zog die Lade wieder auf und schob Buch und Umschlag an ihren Platz zurück. Da entdeckte sie den Brief, der auf ihrem Nachttisch lag.

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